Rehbockjagd in Spanien: Blatten auf Rehbock nördlich von Madrid

Glühende Hitze, skeptische Jagdführer und ein Italiener, der partout nicht abdrücken will: Josef Melcher erlebt auf der Rehbockjagd nördlich von Madrid eine Blattzeit der Superlative.

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Die hügelige Landschaft macht die Blattjagd zur echten Aufgabe. © Josef Melcher

Rehbock auf Spanisch: Glühende Mittagshitze, weitläufige Berglandschaften und eine Blattzeit, die kaum ein Jäger in Spanien kennt: Josef Melcher begleitet eine internationale Gruppe auf der Rehbockjagd nördlich von Madrid. Wenn Rehböcke ausgerechnet bei 38 Grad im Schatten aufs Blatt springen, ist das kein Zufall – sondern der Beweis, dass die Rehwildjagd mit dem Blatter auch unter extremsten Bedingungen funktioniert.

Rehbockjagd unter der spanischen Sonne – Blatten extrem

Es sind die letzten Julitage und die Sonne brennt wie ein riesiger Feuerball erbarmungslos vom Himmel. Keine optimalen Bedingungen für die Rehwildjagd und zu allem Überfluss sind wir auch noch zum Blatten auf Rehbock unterwegs. Der Rehwildkenner weiß: viel zu früh für diese Gegend. Denn durch die beginnenden Gebirgslagen in dieser Region beginnt die Blattzeit hier ähnlich spät wie in unseren Breiten in Deutschland oder Österreich.

Und als ob das nicht schon genug wäre, kommt jetzt der Supergau: Die Rehbockjagd ist in der absolut heißen Phase der Blattzeit in Spanien verboten. Ja, Sie haben richtig gelesen – ab dem ersten Sonntag im August beginnt jedes Jahr eine einmonatige Schonzeit für den Rehbock. Man mag sich wundern, aber im wohl am wenigsten tierliebenden Land ist der Rehbock jedes Jahr ab dem 02. oder 03. August für einen Monat zu.

Trotz etlicher Ortswechsel ließ sich außer Geißen zunächst nichts zum Springen bewegen. © Josef Melcher

Unbekannte Methoden – Blatten auf Rehbock in Spanien

Das hat natürlich zur Folge, dass in Spanien kaum jemand die Rehbockjagd in der Blattzeit kennt und noch weniger Jäger auf Rehbock blatten können.

Nun hatte mein englischer Freund und Jagdvermittler Johny allerdings die grandiose Idee, ich könnte eine Gruppe Jäger begleiten, um ihnen das Blatten auf Rehbock zu zeigen und zu erklären. So weit, so gut – mussten nur noch die Böcke mitspielen. Wir hatten also noch die ersten Augusttage bis zum Sonntag Zeit, was aber auch noch reichlich früh war, wie ich fand.

Doch alles Jammern half nichts, denn der spanische Jagdvermittler vor Ort hatte mich bereits als den großen Blattmeister und Buttolo-Virtuosen angekündigt. Ich musste mein Glück also versuchen. Am ersten Abend passierte, was ich bereits erwartet hatte: An den ersten Ständen sprang uns kein einziger Rehbock, was bitter war. Drei oder vier dreiste spanische Rehböcke lagen auch noch direkt gegenüber von uns im Hang und bewegten nicht einmal einen Lauscher.

Dafür sprangen ein paar Geißen, was die Spanier schon begeisterte, mir jedoch nur ein paar Sorgenfalten mehr auf die Stirn trieb.

Am allerletzten Platz passierte dann das Unglaubliche: Ein wirklich guter, alter Rehbock kam nachschauen, wer da in seinem Revier fiepte. Er zog bis auf 60 m heran und der Jagdgast konnte ihn erlegen. Fast noch mehr als über den gewaltigen Rehbock freute er sich, dass dieser auf das Blatten zugestanden war.

Die unendliche Geschichte

Und dann kam der nächste Gast – ein Italiener. Der hatte in der Früh verschlafen, und als wir zu seinem Jagdhaus fuhren, klingelten und klopften, öffnete sich keine Pforte. Nach anderthalb Stunden Klopfen kam dann endlich unser Gast ans Tor und fand, dass es eigentlich noch zu früh sei, um aufzustehen und, dass wir erstmal frühstücken sollten. Nach einem ausgiebigen italienischen Frühstück stand unser spanischer Jagdführer bereits unter Strom. Ich versuchte ihn zu beruhigen und wies darauf hin, dass man auch am späteren Vormittag noch auf Rehbock blatten könne. Das beruhigte ihn allerdings wenig, weil er die Erlebnisse vom Vortag noch im Kopf hatte und fand, dass das ein Hokuspokus und in Wahrheit sowieso ein Blödsinn sei. Das Ende vom Lied war, dass er nirgends stehen bleiben wollte und wir eine Pirschrunde drehten.

Da kein Stück in Anblick kam, schlug ich auf einer Anhöhe – mit dem Wald in 300 m Entfernung vor uns – vor, auf Rehbock zu blatten. Der Jagdvermittler war skeptisch, doch unser italienischer Jagdgast war begeistert und meinte, dass er die Rehbockjagd mit dem Blatter ohnehin einmal sehen wolle.

Nach etlichen Versuchen machte sich die Ausdauer bezahlt. © Josef Melcher

Der erste Rehbock springt

Bei balgwärmenden 38 Grad im Schatten standen wir an einem Zaun und blickten auf den Wald vor uns. Unter den Bedingungen schwante mir, dass wir wieder als Schneider heimgehen würden, doch ich versuchte mein Glück.

Ich hatte die ersten Töne noch nicht einmal zu Ende gefiept, da kam wie aus dem Nichts auch schon der erste Rehbock angerast. Mit Fullspeed schoss er aus dem Wald und ich versuchte, ihn durch weitere Laute näher ranzuholen. Daraufhin sprang rechts von uns der nächste Rehbock aus dem Wald, fing an, den Bock vor uns zu treiben, und die beiden begannen zu kämpfen. Die Szenerie der kämpfenden Rehböcke auf dem gedroschenen Getreidefeld war unbeschreiblich. Und dann kam rechts auch noch ein dritter Rehbock herausgeschossen – aber der Italiener meinte, die Böcke seien ihm alle zu klein und er wolle keinen davon erlegen. Mein englischer Jagdfreund Johny ergriff jedoch die Gelegenheit und erlegte einen wirklich guten Rehbock mit 450 Gramm.

Wenn die Rehböcke jetzt gerade so gut treiben, könnten wir an einer Stelle blatten, an der auch ein guter Bock geht, schlug ich vor. Der spanische Berufsjäger diskutierte mit dem spanischen Vermittler und dann fuhren wir auch schon an einen neuen Platz.

Die Qualität der spanischen Rehböcke sucht ihresgleichen. © Josef Melcher

Neuer Stand, neues Glück

Auf dem nächsten Stand positionierten wir uns in einer Buschreihe und bereits nach drei Minuten stand gegenüber von uns im Wald auf 40 Meter ein wirklich guter Rehbock. Aber nur Johny, der weiter links saß, konnte ihn sehen – bei uns waren nur die Läufe frei. Der Italiener war sich unsicher und schließlich sprang der Rehbock wieder ab.

Mittlerweile war der spanische Berufsjäger so begeistert vom Blatten auf Rehbock, dass er noch einen Rehbock angehen wollte, der beim Pirschen oder vom Ansitz nicht zu bekommen war. In dem wirklich tollen Gebiet, in dem der Rehbock seinen Einstand hatte, waren rechts und links Felsen mit Buschlandschaften und in der Mitte ein kleines Tal, in dem einige Felder lagen. Zu Fuß stachen wir in das Tal ein und positionierten uns auf einem richtigen Feldherrnhügel. Vor uns lag ein kleines Feld, gegenüber ein Kanal. Fürchterlich war, dass wir mitten auf dem Präsentierteller standen – in etwa 10 m Höhe thronten wir über der Landschaft.

 

Mich beschlich bereits das Gefühl, dass das nichts werden würde.

Dann kam aufs Blatten ein Jährling und plötzlich sah ich oben am Kanal einen Rehbock zustehen und wusste, dass das der dicke Bock sein musste.

Es waren etwa 120 m und ich forderte den Italiener auf, den Rehbock zu erlegen. Auf mein „please shoot this roe buck“ hin ertönte allerdings kein lauter Knall, sondern der Gast begann immer wieder über das Glas zu schauen, dann wieder durchs Zielfernrohr – er war sich nicht sicher. Nach einer Ewigkeit sprang der Rehbock schließlich ab.

Egal was ich noch versuchte, es regte sich nichts mehr. Da der Rehbock nicht nochmal springen wollte, fand ich, dass jetzt alle Register gezogen werden mussten. Ich tauschte meinen Nordik-Roe-Blatter gegen den grünen Buttolo-Mundblatter und spielte wie die Wiener Philharmoniker.

Und dann kam der Rehbock von ganz woanders plötzlich herausgerast. Bis auf 17 m galoppierte er heran und stoppte unter unseren Füßen. Dadurch, dass es so trocken und heiß war, waren auch die Felder dort ganz niedrig und man konnte den kompletten Wildkörper des Rehbocks problemlos sehen.

Völlig in Rage machte der Rehbock dieselben Geräusche wie eine Hornisse, fuhr sich mit dem Lecker über den Nasenschwamm und sicherte in alle Richtungen.

Und jetzt wiederholte sich die Szene vom ersten Anlauf erneut. Wieder sagte ich dem Italiener, er solle schießen – und wieder starrte der eine gefühlte Stunde ins Zielfernrohr. Dann nahm er noch den Kopf hoch und fragte in normaler Lautstärke, ob ich glaube, dass es ein guter Rehbock sei. Wieder sagte ich ihm, dass er schießen solle, der Rehbock machte inzwischen einen Satz und stand ein paar Meter weiter. Wieder blattete ich, der Rehbock drehte sich daraufhin breit und mein italienischer Jagdgast schoss ihn endlich. Man kann es nicht anders sagen: Der Hochblattschuss auf den Rehbock nach einer gefühlten Ewigkeit war ein sehr befreiender Moment.

Am Rehbock angekommen, war auch mein Italiener zufrieden mit dem Ergebnis. Hatte er doch einen reifen Rehbock mit deutlich über 600 Gramm gestreckt.

Er ließ mich dann direkt wissen, dass er im nächsten Jahr wieder mit mir auf Rehbock blatten gehen wolle – ob ich das auch will, weiß ich noch nicht sicher.

Nach etlichen Anläufen hatte auch der Italiener schließlich Waidmannsheil. Foto: Josef Melcher