Rotwildbestände: Bestandsaufnahme und richtige Bejagung

Die Entwicklung von Rotwildbeständen – ein Buch mit sieben Siegeln? Prof. Dr. Pfannenstiel stellt seine Bestandsaufnahme vor.

Hirsch

Davon haben wir zu wenige! © Roland Hemmig

Eigentlich sollte inzwischen in allen für Jagd zuständigen Ministerien unseres Landes bekannt sein, wie verhängnisvoll sich die teilweise dramatische Beschränkung des Lebensraums für unsere größte einheimische Cervidenart Cervus elaphus – Stichwort Einstandsgebiete – in genetischer Hinsicht auswirkt. Ebenso sollte bekannt sein, dass sich Deutschland vertraglich zum Biodiversitätsschutz verpflichtet hat, bspw. FFH-Richtlinie, Berner Konvention.

Die EU-Kommission hat 2020 eine EU-Biodiversitätsstrategie für das Jahr 2030 vorgelegt. In unserem Land gibt es zudem eine Nationale Biodiversitätsstrategie, die den negativen Trend, sprich den fortschreitenden Verlust von Arten, von Lebensräumen und von genetischer Vielfalt, umkehren soll. Die Praxis mancher Bundesländer, Rotwild in Einstandsgebieten einzusperren, die gegen vertragliche Verpflichtungen eklatant widerspricht, hat sich allerdings nicht geändert.

Dass Landesjagdverbände und auch der DJV nicht energischer gegen diesen Missstand protestieren oder eine Veränderung vor Gericht zu erzwingen versuchen, verwundert schon, stellen sich die Verbände doch immer wieder als Anwälte des Wildes dar.

Wie lassen sich Rotwildbestände an die Landeskultur anpassen?

Je nach Bundesland darf oder muss Rotwild außerhalb von Einstandsgebieten erlegt werden. Diese Praxis ist deshalb so verhängnisvoll, weil auf diese Art auch noch der geringe Genaustausch zwischen den Rotwildgebieten, insbesondere durch wandernde Hirsche, unterbrochen wird.

Und selbst dort, wo diese Hirsche erlegt werden können, nicht müssen, übersteht kaum einer der Wanderer seinen geplanten Ausflug in ein anderes Einstandsgebiet. Sie bleiben im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Mindestens ein Jagdverband billigt die Freigabe solcher Wanderhirsche, um Jagdscheininhabern in den rotwildfreien Gebieten gelegentlich die Erlegung eines Rothirschs zu ermöglichen. Anwalt des Wildes?

Rotwildbestände müssen in unserem Land an die Landeskultur angepasst sein oder werden. D. h., Land- und Forstwirtschaft sowie Fischereiwirtschaft müssen ohne allzu große Beeinträchtigungen durch Wild möglich sein. Die dadurch definierte Habitatkapazität liegt meist unter der natürlichen Habitatkapazität. Insofern ist die Anpassung an die Landeskultur eine Daueraufgabe, ein Prozess.

Welche Rolle spielen Abschusspläne bei der Rotwildbejagung?

Mehrere Umstände stehen der Schaffung oder Erhaltung gesunder Rotwildbestände – Forderung von Jagdgesetzen – jedoch im Wege. An erster Stelle seien Bejagungsrichtlinien erwähnt, die unter dem Druck der Wald-vor-Wild-Fraktion zustande kommen. Am Beispiel Hessen wird deutlich, dass es eben nicht um einen gesunden Rotwildbestand geht, sondern um eine radikale und erbarmungslose Reduktion des Rotwildes im Zeichen des durch den Klimawandel erforderlichen Waldumbaus.

Selbstverständlich ist der Umbau vieler heutiger Wälder zu Waldökosystemen, die diesen Namen verdienen, unerlässlich und wird wohl kaum ernsthaft in Frage gestellt. Zur Absenkung von Beständen verbeißenden und schälenden Schalenwildes ist der teilweise zu beobachtende Feldzug gegen Wild jedoch keinesfalls notwendig. Wie viele Beispiele zeigen, geht das auch auf andere Weise.

Kahlwild

Jagdliche Herausforderung – Wie lässt sich das Alttier mutterschutzkonform erlegen? © Roland Hemming

Ein weiterer wichtiger Umstand ist das Verhalten vieler „Jäger“. Die unsinnige Erlegung von sog. Wanderhirschen wurde oben schon erwähnt. Wenn Abschusspläne sinnvoll unter Beachtung relevanter Daten eines Bestandes (Zahl, Geschlechterverhältnis, Altersaufbau) und der naturräumlichen Gegebenheiten – Stichwort Anpassung an die Landeskultur – aufgestellt werden, müssen sie auch möglichst gut erfüllt werden, um Wirkung zu entfalten.

Wenn ein Wildbestand nach menschlichen Kriterien zu hoch ist, kann einfache Erhöhung des Abschusses kontraproduktiv sein. Auch beim Abschussplan und bei der tatsächlichen Bejagung gilt: Qualität ist ebenso wichtig wie Quantität! Ein Abschussplan wird ja überhaupt nur deshalb aufgestellt, um nach Ende der Jagd möglichst naturnah lebende Bestände zu haben.

In der Kulturlandschaft, in der viele komplexe ökologische Zusammenhänge nicht so funktionieren wie in unberührter Natur, ist die Bejagung von Schalenwild und zwar möglichst nach vernünftigen Abschussplänen, unabdingbar. Und genau da fängt das Fehlverhalten vieler Rotwildjäger an.

Wie beeinflusst der Trophäenkult die Rotwildbestände?

Eine wichtige Triebfeder jagdlicher Fehler bei der Rotwildbejagung ist im nach wie vor präsenten Trophäenkult zu sehen. Die Auswertung der Streckendaten mancher Rotwildgebiete zeigt deutlich, dass anscheinend erkleckliche Mengen erlegter Rothirsche als sog. Kofferraumhirsche enden. Zudem wird in der Jugendklasse (Spießer, Hirsche bis Alter vier Jahre) oft wesentlich zu stark eingegriffen.

Die verhängnisvollen Folgen des Fehlens alter Hirsche (ab Alter 10 Jahre) sind sattsam bekannt. Dagegen wird die Erlegung weiblichen Wildes teilweise vernachlässigt. Insbesondere die Erlegung von Alttieren ist wegen des unabdingbaren Mutterschutzes (§ 22 Abs, 4 Bundesjagdgesetz) eine jagdliche Herausforderung. Selbst wenn Hegegemeinschaften sich bemühen, ansteigender Rotwildbestände durch jährlich steigende Abschusszahlen Herr zu werden, steigen manche Bestände weiter.

Sicher, die durch den Klimawandel und die moderne Landwirtschaft höhere Lebensraumkapazität spielt dabei auch eine bedeutende Rolle. Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist ein Eingeständnis aus Verlautbarungen zum hessischen Wolfsmanagement:

„Grundsätzlich ist in Hessen durch eine günstigere Nährstoffbilanz in den Wäldern und auf den Feldern als noch vor 100 oder 50 Jahren von einer deutlichen Erhöhung der Habitatkapazität für Pflanzenfresser und damit weite Teile des Schalenwildes auszugehen.“

Selbstverständlich gilt diese Feststellung nicht nur für Hessen, sondern für unser ganzes Land.

Warum darf die Rotwildjagd nicht an der Biologie vorbeigehen?

Bevor Bejagungsrichtlinien erstellt werden, ist ein Blick auf die Biologie des Rotwildes und insbesondere auf seine Reproduktion sinnvoll und hilfreich. Der Verlauf des Körperwachstums ist bei weiblichen und männlichen Stücken recht unterschiedlich.

Tiere beenden bzw. verlangsamen ihr Wachstum, sobald sie an der Reproduktion teilnehmen. Energie wird dann vorwiegend in Reproduktion bzw. Aufbau von Feistreserven gesteckt. Die allermeisten Schmaltiere werden bereits in der Brunft im Herbst ihres zweiten Lebensjahres beschlagen und setzen im dritten Lebensjahr das erste Kalb. Hirsche dagegen investieren vorwiegend in Körperwachstum und weniger in Bildung von Reserven.

Hirschkälber vs. Wildkälber

Bei zu hohen Wilddichten werden Körpergewichte unabhängig von der Habitatqualität geringer. Das wirkt sich bei weiblichem Wild in allen Altersstufen aus, bei Hirschen macht sich dieser Effekt erst etwa ab Alter fünf Jahre bemerkbar. Wenn die Körpergewichte bei zu hohen Wilddichten sinken, setzen Tiere mehr Wildkälber. Dagegen setzen gut konditionierte Tiere in Beständen lebensraumangepasster Dichte mehr Hirschkälber als Wildkälber.

Es ist unbekannt, wie das geregelt wird. Plausibel wird das, wenn man weiß, dass Hirschkälber schon bei der Geburt schwerer sind und deshalb mehr Einsatz von Reservestoffen von der Mutter während der Trächtigkeit und mehr Milch während der Laktationsphase benötigen. Das können sich nur körperlich starke Tiere leisten.

Die Vaterrolle des Rothirschs

Wenn ein Hirsch, der solch ein gut konditioniertes Alttier zur Mutter hatte, später selber sehr erfolgreich in der Brunft ist, werden so nicht nur seine, sondern auch die Gene dieses gut konditionierten Alttiers sehr erfolgreich in der Population verbreitet.

Beim Elch steigt übrigens die Wahrscheinlichkeit der Zeugung eines Hirschkalbes mit dem Alter des Vaters. Gleiches wurde in Gattern für den Rothirsch gezeigt. Wie das geregelt wird, ist bisher unbekannt. Auch daraus wird ersichtlich, wie bedeutsam ein hoher Anteil alter Hirsche im Bestand ist. Die Beachtung dieser biologischen Fakten ist selbstverständlich extrem wichtig für das Geschlechterverhältnis im lebenden Bestand.

Wie schaden zu hohe Wilddichten der Altersstruktur der Rotwildbestände?

In Relation zur Habitatkapazität zu hohe Wilddichten führen nicht nur dazu, dass mehr Wildkälber gesetzt werden. Aus solchen zu großen Beständen wandern (alte) Hirsche auch gerne aus. Auch damit wird der Überhang weiblicher Stücke noch vergrößert.

Wenn Hirsche fehlen, kommen immer mehr eigentlich zu junge Hirsche in der Brunft zum Zuge. Die Brunft verschiebt sich dadurch weiter in den Spätherbst, weil junge Springinsfelde offenbar nicht so gut wie alte in der Lage sind, Tiere gleich bei deren erstem Eisprung zu beschlagen.

Sinkende Lebenserwartung durch intraspezifische Konkurrenz

Bei starker Übernutzung der Lebensraumkapazität steigt auch beim Rotwild die intraspezifische Konkurrenz, was verschiedene negative Auswirkungen hat. Kälber wachsen langsamer, bis schließlich sogar ihre Mortalität steigt. Damit werden Reproduktion und Lebenserwartung geringer. Beim männlichen Geschlecht wirkt sich die intraspezifische Konkurrenz schon bei geringeren Wilddichten aus.

Hirsche werden außerdem aus biologischen Gründen im Mittel nicht so alt wie Tiere. Dieses Phänomen ist bei vielen Säugetierarten einschließlich Mensch zu beobachten. Z. T. wird das durch einen geringen Überschuss männlicher Individuen beim Geburtsgeschlechterverhältnis ausgeglichen. Selbstverständlich müssen auch diese Umstände jagdlich berücksichtigt werden.

Die Streckenauswertung eines Rotwildrings aus Deutschland (Auswertung von 1980 bis 2014), soll einige Fehler bei der Rotwildbejagung beispielhaft verdeutlichen. Die Alarmglocken müssen läuten, wenn der Anteil weiblicher Kälber am Abschuss übermäßig steigt.

Warum ist das Geschlechterverhältnis innerhalb der Rotwildbestände entscheidend?

Im vorliegenden Beispiel wurden mehr als doppelt so viele Wildkälber wie Hirschkälber erlegt. Dies ist in Anbetracht der oben gemachten Bemerkungen zur Reproduktionsbiologie tatsächlich ein alarmierender Hinweis auf eine deutlich zu hohe Wilddichte. Man kann davon ausgehen, dass die allermeisten Kälber gestreckt werden, ohne dass deren Geschlecht genau angesprochen wurde. Insofern wird das Abschussgeschlechterverhältnis dasjenige bei der Geburt recht gut reflektieren.

Zwar überwiegen beim Geschlechterverhältnis der gesamten Strecke weibliche Stücke deutlich, es werden aber zu wenige Alttiere erlegt, von den der Zuwachs ja stammt. Damit dreht sich die Spirale in Richtung weiteren Bestandeswachstums trotz steigender Abschusszahlen immer schneller, wie die Streckenentwicklung deutlich zeigt.

Der Schmaltieranteil ist deutlich höher als der Alttieranteil. Das kann zu einer Überalterung des weiblichen Bestandes führen. Bei den Hirschen ist ein deutliches Streckenplus bei jungen Hirschen (Hirschkälber und junge Hirsche bis Alter drei Jahre) erkennbar. In Anbetracht der extrem geringen Strecke reifer Hirsche (ab Alter 10 Jahre) ist auch der Anteil mittelalter Hirsche (Alter vier bis neun Jahre) zu hoch. Die negativen Folgen des Fehlens reifer Hirsche wurde bereits erwähnt.

5 Lehren für die Rotwildbejagung

  1. Rotwildbestände müssen so an den Lebensraum angepasst werden, dass ihre Dichte die vorgegebene Grenze der Habitatkapazität nicht überschreitet.
  2. Stets sollte mehr weibliches als männliches Wild gestreckt werden.
  3. Um einer Überalterung des weiblichen Bestandes entgegenzuwirken, sollten mehr Alttiere als Schmaltiere gestreckt werden.
  4. Der Kälberanteil der Strecke (weiblich und männlich) sollte etwa 40 Prozent des gesamten Abschusses ausmachen.
  5. Wie schon mehrfach gesagt, müssen in einem gesunden Rotwildbestand ausreichend alte Hirsche vorhanden sein. Deshalb Eingriff bei mittelalten Hirschen so sparsam wie möglich und auch bei jungen Hirschen vernünftige Vorgaben nicht überschießen.

Unter natürlichen Bedingungen, bei hohem Beutegreiferdruck bspw. durch den Wolf, bei ungünstigen klimatischen Verhältnissen, bei Äsungsknappheit, bei Krankheiten und Parasitenbefall hat Jungwild geringere Überlebenschancen. Die jagdliche Reaktion darauf muss unter dem Stichwort Kompensatorische Mortalität die Erlegung von mehr Jung- als Altwild sein. Bei Anwesenheit des Wolfs muss je nach Lage der Kälber- und Kahlwildanteil an der Strecke reduziert werden.