Rehwild unter Druck: Ist die Jagdzeit zu lang?

Der Druck aufs Rehwild ist gestiegen. Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel erklärt, warum wir dringend über den Umgang mit Capreolus capreolus nachdenken sollten.

Jährlinge auf Feld

In den meisten Bundesländern beginnt die Jagdzeit auf Rehwild bereits im April. © Sven-Erik Arndt

Rehe fressen die deutschen Wälder auf. Diese Aussage ist immer wieder zu hören. Und bezeichnenderweise ist das nicht nur die Meinung der Wald-vor-Wild-Fraktion. Auch immer mehr nicht jagende Zeitgenossen sind derselben Ansicht. Die Reaktionen auf diese anscheinend in Stein gemeißelte Wahrheit waren und sind vielfältig. Durch eine Reihe von Maßnahmen wurde und wird versucht, die Rehwildstrecke zu steigern, damit der deutsche Wald vor allem im Zeichen des notwendigen Waldumbaus wachsen kann. Dagegen ist auch nichts einzuwenden.

Schlimm wird es allerdings, wenn nach der Jagd ein rücksichtlos zusammengeschossener Haufen zurückbleibt. Rabiate und wildbiologisch unsinnige Jagd widerspricht zudem der jagdgesetzlichen Forderung nach gesunden Wildbeständen. Das gilt übrigens nicht nur für Rehe!

Wird die Jagdzeit auf das Rehwild immer länger?

Ein Blick auf die Veränderungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte bezüglich des Jagdregimes für Rehwild ist hier hilfreich, will man Fehlentwicklungen erkennen. Zudem ist eine Betrachtung der Verhältnisse in unseren Nachbarländern nützlich. Verlängerung der Jagdzeiten, liberale Abschusskriterien, Dreijahresabschusspläne und kompletter Wegfall von Abschussplänen wurden für höhere Rehwildstrecken bereits in der Jagdpraxis umgesetzt. Liberalere Kriterien bei der Auswahl zu erlegender Stücke beziehen sich in der Regel auf den Bockabschuss und auf den sogenannten Mindestabschuss.

Letzterer führt Abschusspläne ad absurdum! Trophäenqualität – Stichwort Güteklassen – zugunsten des reinen Altersklassenabschusses zu vernachlässigen, ist aus wildbiologischer Sicht eine ausgesprochen sinnvolle Maßnahme. Wenn eine frühe Erlegung von Kitzen propagiert wird, ohne gleichzeitig die dazu gehörenden Ricken erlegen zu können, dann ist das tierschutzwidrig.

Dreijahresabschusspläne sind, vernünftig gehandhabt, vor allem Instrumente des dringend gebotenen Bürokratieabbaus. Vernünftig heißt hier, den Abschuss möglichst gleichmäßig auf diese drei geplanten Jagdjahre zu verteilen. Werden Abschüsse sehr ungleichmäßig auf drei Jagdjahre verteilt und z. B. in einem Jahr massiv konzentriert, wirkt sich das absolut negativ auf den Bestand aus.

Erlegter Bock: Rehwild Jagdzeit

Ist es wirklich nötig, auf Drückjagden Böcke zu erlegen? © Christian Schätze

Wie lang sollte die Jagdzeit auf das Rehwild wirklich sein?

In unserem Land ist die Tendenz zur immer weiteren Verlängerung der Jagdzeit auf Rehwild ungebrochen. Spitzenreiter sind Berlin, Hessen, Niedersachsen und das Saarland, wo die Jagd auf die „Knospenfresser“ am 1. April beginnt und am 31. Januar endet. Ganze zwei Monate Schonzeit wird dort dem Rehwild nur noch gegönnt. Lässt sich das mit Blick auf Artikel 20 a des Grundgesetzes rechtfertigen? Ich meine nein! Nur in zwei Bundesländern endet die Rehjagd statt am 31. „schon“ am 15. Januar: in Bayern und Thüringen.

Bei unseren europäischen Nachbarn gibt es allerdings noch schlimmere Fälle. In den Niederlanden, wo Rehe nur von staatlich Beauftragten bejagt werden, beginnt die „Jagd“ am 1. April und endet am 15. März! Auch in Ungarn werden Rehe bis Ende Februar bejagt. Paradebeispiele für kurze Jagdzeiten sind Belgien (15.4. bis 15.5. und 15.7. bis 15.8.) und Luxemburg (18.10. bis 31.1.).

Bei unserem kleinsten Nachbarn Luxemburg sind die Rehwildstrecken allerdings in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Ob das evtl. mit der kurzen Jagdzeit zusammenhängt? Gegen diese Vermutung spricht ein Vergleich mit den Rehwildstrecken Belgiens, die in den vergangenen Jahren trotz extrem kurzer Jagdzeit ohne auffällige Veränderungen stets so um die 17.000 Stücke pro Jahr liegen.

Ricke und Kitz auf Wiese

Fragwürdige Jagdzeiten: In Sachsen sind Kitze und Ricken ab August frei. © Carol Scholz

Mehr Jagd, mehr Wildschäden?

Der extrem frühe Beginn der Jagd auf Rehe schon am 1. April wird unterschiedlich begründet. Einmal ist das Wild zu dieser Zeit am Ende des Winters besonders aktiv und somit gut sichtbar. Zudem wird die gute Sichtbarkeit im Wald durch die noch fehlende Belaubung gesteigert. Wenn Letzteres ein wichtiges Argument wäre, spricht doch eigentlich nichts dagegen, den ganzen Winter über zu jagen, oder?

Zur Aktivität des Rehwildes im April ist Folgendes festzustellen: Als Wiederkäuer haben Rehe ihre Verdauungsorgane und ihren Energiestoffwechsel in Anpassung auf die Äsungsknappheit außerhalb der Vegetationsperiode so etwa ab der Wintersonnenwende auf Energiesparbetrieb umgestellt. Das funktioniert nur richtig, wenn das Wild seine Bewegungsaktivität stark einschränkt. Insofern ist die Jagd im Januar, und hier sind besonders Bewegungsjagden gemeint, kontraproduktiv, denn die in Bewegung gebrachten Stücke haben dadurch einen höheren Energiebedarf. Den können sie nur decken, wenn sie mehr äsen: Wildschäden sind somit vorbestimmt.

Ist eine frühe Jagdzeit auf das Rehwild sinnvoll?

Zum Ende des Winters beginnt die Vegetationsperiode heute etwa ein bis zwei Wochen früher als noch vor einigen Jahrzehnten. Das Wild stürzt sich mit Heißhunger auf das frische Grün auf Freiflächen, um wieder Energie zu tanken. So erklärt sich die hohe Aktivität des Wildes zu dieser Zeit. Werden die hungrigen Stücke nun durch Jagd von solchen Flächen vertrieben, müssen sie in dichteren Partien ihren Hunger stillen: Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weiteres Programm für Wildschäden. Es gibt aber seit Kurzem noch ein weiteres und absolut stichhaltiges Argument gegen die Apriljagd.

In einer Untersuchung in Rheinland-Pfalz, die über drei Jagdjahre lief, hat die Forschungsgruppe Wildökologie (Leiter: Dr. Ulf Hohmann) geschaut, wie sich die Jagd im April auf die Streckenentwicklung auswirkt. Jährlich stark schwankender Vegetationsstart und Jagderfolg waren nicht korreliert.

Besonders aussagekräftig: Die Rehwildstrecke eines Jahres war bei Apriljagd nicht höher als in Revieren, die erst im Mai mit der Jagd beginnen. Der anfängliche Streckenvorsprung bei Apriljagd wird durch geringere Strecken im weiteren Jahresverlauf kompensiert! Auch das Argument der besseren Ansprechbarkeit von Schmalrehen im zeitigen Frühjahr und der dadurch erhoffte höhere weibliche Streckenanteil erwies sich als nicht stichhaltig. Die Gesamtzahl erlegter Schmalrehe eines Jagdjahres war bei Apriljagd nicht höher!

Rehbock auf Feld

Wertewandel: Auch Rehwild hat es verdient, gehegt zu werden. © Carol Scholz

Wie beeinflusst der Wolf die Rehwildstrecke?

Der auffällige Rückgang der Rehwildstrecke in Brandenburg ist vor allem in den Privatrevieren zu verzeichnen. In der Landesforst, waldreiche und gut geeignete Wolfshabitate, ist die Strecke nicht zurückgegangen. In Sachsen, wo der Wolfsbestand ähnlich hoch ist wie in Brandenburg, ist die Rehwildstrecke sogar höher als vor zehn Jahren. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Grauen in Brandenburg lieber Rehe erbeuten als in Sachsen.

Seit 2014 werden Rehe in Brandenburg ohne Abschussplan bejagt. Jeder Jagdausübungsberechtigte entscheidet ganz alleine, wie viele Reh er erlegt. Aber, er entscheidet ebenso frei, ob er überhaupt Rehe erlegt. Ich gehe davon aus, dass freiwilliger Jagdverzicht eher für den Streckenrückgang in Brandenburg verantwortlich ist als Isegrim.

Alle hier vorgestellten Maßnahmen haben per saldo nichts gebracht, wie ein Vergleich der Gesamtstrecken Deutschlands heute mit denen vor zehn Jahren zeigt. Ob es nicht endlich Zeit wird, wildbiologisch unsinnige und unwirksame Jagdkonzepte in die Mottenkiste zu verbannen?