
Bunte Strecke
Liebe Leser,
als ich kürzlich nach dem Ansitz die Fotos meiner vergangenen Pirschgänge betrachtete, stellte sich plötzlich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit ein. Denn neben dem heimlichen Bock, der gewöhnlich bei der leisesten Störung im Schilf untertaucht, um danach mehrere Tage durch Abwesenheit zu glänzen, konnte ich zwei weibliche Stücke mit ihrem Nachwuchs ablichten. Während die eine Ricke, ein fahlgelbes, altes Stück mit leichtem Rosenstockansatz, ein starkes Bockkitz führte, hielt ich die andere zunächst für ein Schmalreh. Die knallrote Decke, der schlanke Körper, das bunte Gesicht und die fehlende Spinne … alles schien zu passen. Ihr vorsichtiges Verhalten kam mir allerdings seltsam vor.
Die erfahrenen Jäger werden es bereits ahnen … Genau! Erst 35 Minuten nachdem das Stück auf die Luzerne gezogen war, stürmten ihre beiden Kitze aus dem Mais, um ihre „unsichtbare“ Spinne zu leeren. Ich atmete tief durch und genoss den friedlichen Moment. Meinem Gefühl vertraut zu haben, machte mich glücklich. Zuhause habe ich noch lange darüber nachgedacht – über das vermeintliche Schmalreh, seine beiden Kitze und meinen jagdlichen Mentor. Denn der hatte mir vor vielen Jahren beigebracht, beim leisesten Zweifel den Finger gerade zu lassen. Das verlange die Waidgerechtigkeit! Der Begriff wird oft bemüht, schließlich will jeder ein waidgerechter Jäger sein. Also ein Mensch, der das Herz am rechten Fleck hat, sich an Recht und Gesetz hält, aber auch die ungeschriebenen Regeln beachtet.
Doch wie wird man das – ein waidgerechter Jäger? Durch Vorbilder! „Man muss die jungen Leute an die Hand nehmen, sie aber auch mal machen lassen“, lautete seine Devise. So habe er gelernt zu jagen, und so habe er es weitergegeben. Wichtig sei dabei, die Jungen nicht zu gängeln, sondern Vorbild zu sein. „Klugscheißer gibt es heute ja genug. Mensch bleiben und daran denken, dass man selbst irgendwann mal Jungjäger war“, resümierte er kürzlich.
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