Jagd auf Rotwild im Januar – Physiologischer Klimawandel?

Jagd auf Rotwild im Januar? Die bestimmende Faktoren

Um entscheiden zu können, ob man an einem milden Januartag ruhigen Gewissens Unruhe im Einstand stiften kann, ist es wichtig zu wissen, ob innere oder äußere Faktoren den größten Einfluss auf die Physiologie und das Verhalten des Wildes im Winter haben. Beim Rotwild lassen sich die Veränderungen in Verhalten und Stoffwechsel nicht allein mit der Abnahme der Tagestemperatur und der Verfügbarkeit von Äsung erklären, wie wissenschaftliche Beobachtungen an zahmem und halbzahmem Farmwild ergaben.

Die Äsungsaufnahme

Sie zeigten, dass bei Rotwild die Bereitschaft zur Äsungsaufnahme ab einer bestimmten Tageslichtlänge im späten Herbst sinkt, auch wenn Äsung im Überfluss zur Verfügung gestellt wird. In direkter Abhängigkeit dazu nehmen mit verminderter Äsungsaufnahme auch Körpergewicht und -fettanteil mit der Zeit ab. Schließen lässt sich daraus, dass sich auch mit Fütterungen der Effekt, dass Rotwild seinen Stoffwechsel in der dunklen Jahreszeit reduziert, nicht vollständig umkehren lässt.

Rotwild im Januar – Anpassung an die Tageslänge

Rotwild zeigt über das Jahr hinweg große physiologische Schwankungen, wie etwa die saisonale Anpassung der Äsungsaufnahme und des Energieverbrauchs. Viele dieser jahreszeitlichen Anpassungen werden durch körpereigene Signale vermittelt, die sich an der Tageslichtlänge orientieren. Diese werden, wie bei vielen anderen Arten der gemäßigten Breiten auch, durch das während der Nacht freigesetzte Zirbeldrüsen-Hormon Melatonin reguliert. Dieser Botenstoff wird je nach Nachtlänge in unterschiedlichen Mengen produziert.

Anpassung an Sommer und Winter

So nimmt es am Ende des Sommers Einfluss auf die Produktion von Geschlechtshormonen und beeinflusst im Winter die jahreszeitlichen Anpassungen an Äsungsknappheit und Kälte, wobei Faktoren wie Bodentemperatur, Pflanzenwachstum und Äsungsverfügbarkeit zusätzlich verstärkenden Einfluss haben.

Äsung im Sommer

Während der Sommermonate, wenn das Äsungsangebot großzügig ist, kann aufgenommene Energie, die nicht unmittelbar benötigt wird, zur Reproduktion und zur Anlage von Feistdepots genutzt werden. Letztere werden schließlich während der Brunft und in Zeiten mit geringerem Äsungsangebot benötigt. Im Winter hingegen, wenn die nutzbaren Ressourcen knapp sind, muss mit den aufgebauten Reserven, mit dem Feist also, gehaushaltet und der Energieverbrauch so weit wie möglich reduziert werden.

Effektive Anpassung

Verstärkt durch die genannten Umweltfaktoren, führen die körpereigenen Signale zu einem Rückgang der Äsungsaufnahme im späten Herbst bzw. Winter – selbst wenn noch genügend Ressourcen, etwa durch Fütterungen, zur Verfügung stünden. Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Wien fanden heraus, dass eine stetige Reduktion der Pansenfüllung nach neun Tagen einen maximalen Effekt auf Energieverbrauch und Verhalten erreicht.

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Körperliche Veränderungen

Die körperlichen Veränderungen beinhalten die Verringerung des Pansenvolumens und seiner Oberfläche sowie der Bakterienanzahl im Pansensaft. Dadurch wird eine zusätzliche Reduktion von Herzfrequenz und Pansentemperatur bewirkt, die wiederum eine Drosselung des Stoffwechsels bedingt. Die Herzfrequenz kann dann Werte erreichen, die 60 Prozent unter denen im Sommer liegen.

Faktor Ruhepausen

Während ausgedehnter Ruhephasen sinkt dabei auch die Körpertemperatur unter der Haut ab und kann zeitweise auf Tiefstwerte unter 32 Grad Celsius fallen. Dieses ausgetüftelte Zusammenspiel lässt sich jedoch nur effektiv erreichen, wenn die körperliche Aktivität während dieser Zeit auf ein Minimum reduziert werden kann – denn Muskelarbeit erhöht den Puls und produziert Wärme, und damit wird der Energieverbrauch drastisch gesteigert. Um die körperlichen Anpassungen an den Winter zu erreichen, ist also auch ein Veränderung des Verhaltens notwendig.