So lässt sich das Alter von einem Damhirsch bestimmen

Biologe Gernot Maass widmet sich seit über 50 Jahren dem Damwild. Er verrät, warum es bei der Altersansprache nicht reicht, nur aufs Geweih zu schauen…

Zwei Damhirsche kämpfen

Geschlitze Schaufeln sind ein Abschussgrund. Doch wie alt sind die Hirsche? © Adobe Stock/Paul Abrahams

Nicht mehr lange hin, und es beginnt wieder die Jagdzeit auf den Damhirsch. Die Abschussgliederung erfolgt streng nach Altersklassen. Die meisten Abschussrichtlinien legen ein Zielalter für Hirsche von mindestens acht Jahren fest. Das setzt aber voraus, dass man das Alter am lebenden Damhirsch auch bestimmen kann.

Als Biologe beschäftige ich mich inzwischen seit über 50 Jahren mit Damwild. Von Anfang an war es mein Bestreben, das Alter von einem Damhirsch (dazu auch von Rothirschen) genau zu bestimmen, um dann ihre Entwicklung vom Spießer zum alten Hirsch zu dokumentieren und gleichzeitig ihre Verhaltensweisen, die ja in der Regel auch altersabhängig sind, sowie ihr Raum/Zeitverhalten zu untersuchen.

Daran lassen sich Damhirsche wiedererkennen

Mein Untersuchungsgebiet ist der Duvenstedter Brook. Dort lebt neben Rotwild auch eine relativ isolierte Damwildpopulation. Die Isolation ist für solche Untersuchungen ein Vorteil, weil man ziemlich sicher immer wieder auf bekannte Individuen stößt. Um einzelne Individuen zu unterscheiden und wiederzuerkennen, bedarf es unverwechselbarer Merkmale.

Das Geweih ist bei Hirschen innerhalb eines Jahres zwar unverwechselbar, allerdings verändert es sich von Jahr zu Jahr derartig stark, dass es als Erkennungsmerkmal über mehrere Jahre kaum brauchbar ist. Beim Damhirsch ist das kein Problem, denn die Decke zeigt ein auffälliges Fleckenmuster (jedenfalls im Sommer und Herbst!), das für jedes Stück genetisch festgelegt und damit einmalig und unverwechselbar ist.

Damspiesser im Herbst

Wie er später einmal aussehen wird, lässt sich anhand des Geweihs kaum einschätzen. © Sven-Erik Arndt

Mit Hilfe der Flecken das Alter vom Damhirsch bestimmen

In der Praxis hat sich erwiesen, dass die Fleckenzeichnung auf den Hinterkeulen am einfachsten zu unterscheiden ist, auf jeder Körperhälfte allerdings unterschiedlich, so dass man jedes Tier, das man erfassen will, von beiden Seiten aufnehmen muss. Das Erkennen des Musters erfordert einige Übung und selbstkritische Kontrolle, ob eine Übereinstimmung vorliegt. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass dies keine Methode ist, um Stücke im Feld zu erkennen.

Sie erfordert eine Auswertung am Monitor und dient der nachträglichen Altersbestimmung und Bestandserfassung. Obwohl Männchen und Weibchen Stücke theoretisch gleichermaßen zu erfassen sind, habe ich mich bei meinen Untersuchungen überwiegend auf die Hirsche beschränkt. Nur das war vom Aufwand her zu bewältigen, und damit konnte ich den Jägern des Hegeringes praktische Hilfestellungen bei der Altersansprache bieten.

So gelingt die Altersansprache

Zur Methode der Altersbestimmung wird das Wiedererkennen, wenn es gelingt, möglichst alle Tiere schon im Alter von einem oder zwei Jahren aufzunehmen. Dann ist nämlich eine sichere Altersbestimmung noch anhand der Geweihbildung möglich (Einjährige in der Regel Spießer, selten auch einmal ein dünnes Erstlingsgeweih, Zweijährige das typische Kniepergeweih). Einmal erfasst, hat man für diesen Hirsch quasi eine „Visitenkarte“, die immer wieder herangezogen werden kann.

Da die beschriebene Methode nur zum Erfolg führt, wenn man im Sommer oder Herbst Bilder bekommt (nur dann ist das Fleckenmuster gut zu erkennen), gibt es eine weitere Möglichkeit, Hirsche auch in den Wintermonaten sicher wieder zu erkennen.

Eine Auswertung meiner Fotos zeigte sehr schnell, dass die Lauscher offensichtlich besonders anfällig für kleine Verletzungen sind. Diese reichen von kleinen Einrissen, Kerben u.ä. bis hin zum Verlust von Lauscherspitzen. Derartige Verletzungen sind auf Fotos gut zu erkennen und können, als Wiedererkennungsmerkmal verwendet werden. Eine einmal vorhandene Verletzung muss auch in den Folgejahren vorhanden sein.

Damhirsch mit einer Schaufel, geschlitzter Lauscher

Das Geweih hat wenig Wiedererkennungswert, der stark geschlitzte Lauscher hingegen schon. © Klaus-Herbert Schröter

Durch Langzeitbeobachtungen das Alter vom Damhirsch bestimmen

Mit den beschriebenen Methoden habe ich in meinem Untersuchungsgebiet von fast allen Hirschen fotografische Entwicklungsreihen erstellen können. Viele beginnen schon mit dem ersten Kopf, viele aber auch erst mit dem 2. Kopf, denn trotz der weitgehend isolierten Lage gibt es besonders in den jungen Jahrgängen Zu- und Abwanderungen. Trotzdem sind es wohl über 200 Entwicklungsreihen aus dem Duvenstedter Brook mit sicherer Altersbestimmung bis zum Lebensende der Tiere.

Um einer Diskussion über die Verallgemeinerbarkeit der untersuchten Brookhirsche etwas entgegensetzen zu können, besuche ich seit fast 20 Jahren zusätzlich einige Reviere in Ostholstein, um dort ähnliche Entwicklungsreihen zu erhalten. Ein optimistisches Unterfangen, denn es zeigte sich sehr schnell, dass man in den großen Holsteinischen Populationen nur mit allergrößtem Aufwand zu ähnlichen Erfolgen kommen könnte.

Welche Damhirsche sollten geschont werden?

Der Aufwand übersteigt meine Möglichkeiten, aber immerhin ist es mir gelungen, einige Abschnitte einer Entwicklungsreihe zu erhalten, also etwa vom 2. bis 5. Kopf, oder auch von einem mittleren Alter bis zum Zurücksetzen. Insgesamt kann ich ca. 80 Entwicklungsreihen vorweisen, seit dem letzten Jahr sogar eine Reihe vom 1. bis zum 8. Kopf, die mit etwas Glück auch in diesem Jahr noch fortgeführt werden kann.

Der Abschuss bzw. die Reduktion eines Bestandes sollte vor allem in der Jugendklasse erfolgen. Bis zum 2. Kopf ist das Alter der Hirsche ziemlich sicher anzusprechen. Über die „Qualität“ der Geweihentwicklung muss man sich keine großen Gedanken machen, wenn man die auffällig starken Hirsche schont. Eine genaue Vorhersage über die weitere Entwicklung ist kaum möglich. Hier gilt „Zahl vor Wahl“. Je nach Bestandssituation sollte man in die Mittelklasse möglichst nicht eingreifen, eigentlich schon ab dem 3. Kopf nicht.

Welche Rolle spielt das Alter bei der Brunft?

Eine sichere Altersansprache ist nur mit den beschriebenen Methoden möglich. Das ist in der Revierpraxis nur ausnahmsweise der Fall. Deshalb lieber diese Hirsche leben lassen, zumal die natürliche Mortalität in dieser Altersklasse recht hoch ist und auch mit Zu- und Abwanderungen gerechnet werden muss. Der Hauptteil der Reproduktion lastet auf den sechs- und siebenjährigen Hirschen.

Je mehr Hirsche in diesem Alter vorhanden sind, umso stärker verteilt sich die Belastung durch das kräftezehrende Brunftritual und umso mehr genetisch unterschiedliche Hirsche sind an der Fortpflanzung beteiligt. Beim Rothirsch ist inzwischen viel über die Zusammenhänge zwischen genetischer Verarmung der Populationen und Isolation und zu geringen Bestandsgrößen erforscht worden.

Für die „Ernte“ vom Damhirsch das Alter bestimmen

Beim Damwild ist darüber bisher wenig bekannt, man kann aber befürchten, dass es dort ähnliche Effekte gibt. Mit acht Jahren zeigt das Damhirschgeweih erste Alterszeichen. Zusammen mit Körpermerkmalen ist das für das geübte Auge und einiger Erfahrung in der Regel ganz gut zu erkennen. Wenn man die Hirsche nicht ganz alt werden lassen möchte, wäre dies der richtige Zeitpunkt für die „Ernte“.

Wenn man aber bedenkt, dass der Hirsch vom 8. Kopf sich noch aktiv an der Brunft beteiligt und dies wahrscheinlich erst das dritte Jahr ist, in dem er sich fortpflanzt, wird man ihm vielleicht auch noch ein weiteres Lebensjahr gönnen. Ein leicht zurückgesetztes Geweih ist auch noch ganz beeindruckend und auch für viele Jäger die reizvollere Trophäe.