Tierschutz für unser Rotwild! Die Hoffnung stirbt zuletzt …

JÄGER-Autor Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel macht sich Gedanken zum Tierschutz in unserem Land und fragt sich, was Wal und Rotwild unterscheidet.

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Die Zukunft unseres Rotwildes ist ungewiss. Doch das scheint kaum jemanden zu interessieren. © Tom Horak

Der mehrfach in der Ostsee gestrandete Buckelwal „Timmy“ wurde trotz aufwendiger „Rettungsversuche“ etlicher Fachleute und Geldgeber schließlich halbverwest am Strand der dänischen Insel Anholt angespült. Vor Ort wurde versucht, die Todesursache des Publikumslieblings zu ergründen. Gleichzeitig rollte eine Welle von Strafanzeigen über die „Retter“ des Wals hinweg. Selbst der zuständige Minister Till Backhaus (SPD), ein echtes politisches Urgestein, blieb davon nicht verschont.

Allerdings sei die Frage erlaubt, ob der Herr Minister tatsächlich nur aus Sorge um einen verirrten Wal für seine Dauerpräsenz in den Medien gesorgt hat. Zudem lässt sich bezweifeln, dass Buckelwal „Timmy“ bzw. „Hope“ (Hoffnung) tatsächlich gestrandet war. Hatte der erkennbar kranke Meeressäuger nicht vielleicht absichtlich flache Stellen zum Ausruhen gesucht, um zwar in seinem Element zu sein, aber nicht schwimmen und zum Atmen immer wieder auftauchen zu müssen?

Sterbehilfe, unter den gegebenen Umständen wohl das Mittel der Wahl, fand unter dem Druck einer empörten Tierschutzlobby nicht statt. Stattdessen wurde er, das sagen namhafte Walexperten, höchstwahrscheinlich zu Tode gequält oder zumindest das Leid des geschwächten Tieres durch den unnötigen Transport vergrößert.

In Einstandsgebieten „eingesperrtes“ Rotwild

Eigentlich sollte uns die gigantische Empathie des breiten Publikums für einen sterbenden Wal Hoffnung machen. Hoffnung darauf, dass Tierschutz, im Artikel 20 a des Grundgesetzes verankert, von den Menschen tatsächlich ernst genommen wird. Mitnichten, muss man leider festhalten, wenn man sich zum Vergleich die Situation des Rothirschs in unserem Land ansieht.

  • Das größte einheimische Säugetier wird in sogenannten Einstandsgebieten quasi eingesperrt.
  • Nur unter ständiger Angst totgeschossen zu werden, kann es sich im übrigen Land bewegen.
  • Jahreszeitliche Wanderungen zwischen natürlichen Sommer- und Wintereinständen verhindert der Mensch.
  • Im Winter wird der edle Rothirsch im Süden Deutschlands quasi zum Haustier, eingezäunt und gefüttert wie Vieh.

Doch damit nicht genug. Obendrein wird das „Wild“ dann im Gatter totgeschossen. Inzwischen sei die genetische Konstitution des Rotwildes alarmierend, warnen immer mehr Wildbiologen. Missbildungen als Zeichen der genetischen Verarmung (verkürzte Kieferknochen oder Läufe) treten immer häufiger auf. Die Wissenschaft spricht bereits von einem schleichenden Aussterbeprozess, der ohne Veränderungen im Umgang mit dem Wild unaufhaltsam sei.

Für diesen bedrohlichen und zweifellos tierschutzwidrigen Zustand der Art Cervus elaphus in unserem Land sind wildbiologisch irrsinnige Bejagungsrichtlinien ebenso verantwortlich wie das verantwortungslose Handeln vieler Jagdscheininhaber. In diesem Zusammenhang den Begriff Jäger oder Waidmann zu verwenden, fällt schwer.

„Jäger und Jagdverbände müssen nachdrücklicher für unser Wild werben.“

Gleichgültige Jagd- und Tierschutzverbände

Nun fragt man sich, weshalb die alarmieren de Situation dieser wunderschönen Wildart in der Öffentlichkeit keinen ähnlichen Hype auslöst wie ein einziger sterbender Wal. Ja, selbst denen, die sich „qua Amt“ Natur- und Artenschutz auf die Fahne geschrieben haben, nämlich der Jägerschaft und ihren Verbänden sowie Tierschutzverbänden und Tierliebhabern scheint das Rotwild gleichgültig zu sein. Wo bleibt hier der öffentlich wirksame Aufschrei in den Medien?

Für den Schutz verwilderter Katzen, die, von vielen Untersuchungen bestätigt, für die heimische Vogelwelt, um nur ein Beispiel zu nennen, eine Katastrophe darstellen, lassen sich wie für Straßenhunde in fernen Ländern ganze Völkerscharen mobilisieren. Was ich aber meist als erstes über Hirsch und Reh höre, wenn ich mich als Biologe und Jäger mit unter schiedlichsten Leuten unterhalte, ist: „Die fressen doch den ganzen Wald auf“.

Gibt es für die extrem unterschiedliche Sicht auf Wild und auf andere Tierarten einen plausiblen Grund? Eine Erklärung kann ein Sprichwort der alten Lateiner liefern: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Jahrelang hat die Wald-vor-Wild-Lobby ihre einseitige Sicht der Dinge öffentlichkeitswirksam dem Volk eingetrichtert. Parallel haben verschiedene Akteure die glücklicherweise weit verbreitete Tierliebe schamlos für ihre kommerziellen Zwecke ausgenutzt.

Mit dem übertriebenen „Wolfskuscheln“ nehmen NABU und Co. sehr viel Geld ein. Tierheime sowie Auffangstationen für Igel und alte Haustiere sind durch Dauerberieselung in aller Munde. Ausgesetzte Hunde und ausgemergelte Katzen sieht man jeden zweiten Tag in allen möglichen Medien. Ein missgebildetes Rotkalb sieht man dort eher nicht.

Zweiklassengesellschaft beim Tierschutz

Um nicht missverstanden zu werden: Alle ehrlichen Tierschutzmaßnahmen sind absolut wertvoll und verdienen breite gesellschaftliche Unterstützung. Aber die gegenwärtige Einseitigkeit zum Nachteil unseres Wildes muss endlich aufgebrochen werden! Hier sind an erster Stelle die Waidmänner vor Ort gefragt, in ihrem Umfeld Verständnis für die Lage des Wildes in der Kulturlandschaft zu wecken.

Jagdverbände der Bundesländer (LJV) und der Deutsche Jagdverband (DJV) als Dachorganisation müssen nachdrücklich und vor allem in der breiten Öffentlichkeit viel wirksamer als bisher für unser Wild werben. Erst wenn man etwas weiter in die Tiefe geht, wird allerdings die eigentliche Wurzel des Übels erkennbar. Und das ist meiner Meinung nach die andauernde und sich immer weiter verschärfende Trennung der Rechtskreise von Jagd und Naturschutz.

Porträt des Jägers und Autors Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel Der Jäger und Biologen ist ein Mann klarer Worte. Die findet er auch beim Thema „Tierschutz in Deutschland“ und kritisiert den Umgang mit dem Rotwild. © Hans-Dieter Pfannenstiel