Lasst Chico schlafen!

Kampfhund chico Hannover

Aus dem Editorial der Mai-Ausgabe des JÄGER Magazin:

Lasst Chico schlafen!

Kürzlich kam ich aus den Ferien zurück. Kaputt und müde von der langen Reise, schaltete ich mein Smartphone an. Zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Es mag altmodisch klingen, aber ich habe es nicht vermisst. Nur Minuten später wusste ich auch, warum. Auf dem Display stand eine Berliner Nummer. Ich nahm ab. Das Sat.1 Frühstücksfernsehen. Ob ich schon von Kampfhund „Chico“ gehört hätte? Hatte ich nicht. Der habe just zwei Menschen getötet? Wusste ich nicht. Und nun sollte er eingeschläfert werden! Störte mich nicht. Klang prima.

Doch bereits 280.000 Hundefreunde hätten per Internet-Petition dagegen gestimmt! Ob ich am nächsten Morgen ins Hauptstadt-Studio kommen könne, eine Stimme der Vernunft würde gesucht? Doch ich hatte überhaupt keine Stimme mehr. War heiser, selbst wie eingeschläfert. Ich sagte freundlich ab und versank in kraftlosem Kulturpessimismus. Hätte mich „Chico“ in dem Moment angegriffen, er hätte sicher leichtes Spiel gehabt.

Zurück am Schreibtisch stellte ich fest, dass die Welt erneut verrückter geworden war als noch vor Wochen. Da gibt es also mündige Bürger, denen das Leben eines Hundes wichtiger scheint als das eines Menschen. Einige von denen haben sogar versucht, „Chico“, jenes boshafte Knautschgesicht von einem Staffordshire-Terrier, welcher den Behörden seit 2011 als gefährlich bekannt war, gewaltsam aus seiner „U-Haft“ in Hannover zu befreien. Die Tierfreunde sehen das Problem nämlich nicht im Kopf des Kampfhundes, sondern „am anderen Ende der Leine“. Da dürften sie richtig liegen.

Und auch wenn man über das „andere Ende der Leine“ drei Mal nachdenkt, fragt man sich, ob Wohlstand und Vollbeschäftigung den Menschen in diesem Land wirklich so gut tun. Es sind vermutlich dieselben Irrlichter, die sich – vehement, doch vergeblich – auch für das Leben der sechs Wolfshybriden von Ohrdruf eingesetzt haben dürften.

Wenn man ihre Facebook-Profile ansieht, dann wirken viele dieser Tierfreunde oftmals schlicht einsam. Irgendwie vom Leben enttäuscht. Sie scheinen in ihrem „Hasso“ mehr als ein Haustier zu sehen. Einen Partner, den sie nicht mehr nur vermenschlichen, sondern verübermenschlichen. Das fellgewordene Fabelwesen, ein Stück kuschelige Unzähmbarkeit auf der verwaisten Kunstledercouch, den letzten Fleischfresser in einer Welt aus Kürbistalern, Kork-Sandalen und veganen Fahrradhelmen.

Doch diese Leute leiden wohl nicht nur an einem Mangel an Zuwendung – und einem Zuviel an Zeit; sie haben auch eine Wählerstimme. Und mit der nötigen sie unsere Umweltminister permanent, Jagdgesetze zu verschlimmbessern, klimatisierte Wolfsanhänger zu präsentieren und gummierte Abzugeisen für Hybrid-Wölfe zu bestellen. Blinder Aktionismus und Naturschutzgefasel werden zu einem halluzinogenen Polit-Püree vermengt, das besonders stark nach einer Zutat schmeckt: zermalmtem Steuergeld.

Allein in Norddeutschland sind im vergangenen Jahr 500 Weidetiere dem Wolf zum Opfer gefallen. Kein Tierfreund hat deren Halter gefragt, ob sie traurig sind über den Verlust ihrer Schafe und Rinder. Stattdessen dürfen sie sich an der „Förderkulisse Herdenschutz“ laben. In Deutschlands Haushalten leben knapp neun Millionen Hunde. Die fressen täglich viel Fleisch. Niemand fragt, wie viele Tiere dafür leiden und sterben müssen. Wie aber kann man einerseits gegen Tierleid sein und andererseits jeden Tag Tierleid verursachen?

Wie kann man Tiere mit Menschen gleichsetzen, solange es nur die Tiere betrifft, die einem persönlich am Herzen liegen? Indem man sich von der Natur entfremdet hat. Und in einer digitalen Erregungsgemeinschaft lebt, die ein unerträgliches Maß an Verlogenheit erreicht hat.

Es wird Zeit, dies zu ändern – und sein Smartphone einfach mal wochenlang auszuschalten.

Lasst Chico schlafen!

Ihr Dr. Lucas von Bothmer

– Chefredakteur JÄGER & SAUEN –