Zum Leichenfund in Österreich: „Ein Herz aus Stein“

Ein Radfahrer kommt im Wald ums Leben. Ein Jäger findet die Leiche – und schweigt. Fast zehn Jahre lang. Ein Kommentar von JÄGER-Chefredakteur Christian Schätze zu dem obskuren Fall aus Österreich.

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„Jäger haben Herzen. Herzen, die Mitleid empfinden.“ © Christian Schätze; Pixabay / MabelAmber

Wie lebt es sich mit dem Wissen, einen toten Radfahrer zehn Jahre im Wald liegen zu lassen? Diese Frage würde ich gern dem Eigenjagdbesitzer aus der Steiermark stellen, der vor einem Jahrzehnt einen Toten gefunden hatte, das aber lieber für sich behielt, um sein Wild nicht den Störungen lästiger Ermittlungen auszusetzen.

Wie oft haben den Mann, der nun seinen Wald der nächsten Generation übergeben wollte, die Bilder des Toten im Schlaf heimgesucht? Was hat er beim Anblick des Fahrrades gedacht, das er drei Kilometer vom Fundort der Leiche fand und einfach mit nach Hause nahm? Was ist dem Mann durch den Kopf gegangen, als dasselbe Rad gelegentlich für Radtouren benutzt wurde?

Zehn lange Jahre!

Zehn Jahre, in denen es dem Verunglückten verwehrt worden war, vernünftig beerdigt zu werden. Zehn Jahre, in denen Angehörige sich nicht von ihrem Sohn, Bruder oder Vater verabschieden konnten. Zehn verdammte lange Jahre. Die Ungewissheit sei das Schlimmste, sagen Menschen, die einen nahen Verwandten „verloren“ haben und jeden Tag hoffen, dass er vielleicht doch wieder zurückkommt. Psychologen haben dafür sogar einen Begriff: uneindeutiger Verlust.

Der Schmerz ist so groß, weil es keine Gewissheit gibt. Und ohne Gewissheit kein Trauerprozess. Ohne Trauer, kein Abschluss. Selbst Tiere trauern. Der Waldbesitzer hat das anderen Menschen verwehrt. Die Hirsche in seinem Revier waren ihm wichtiger. Selbst als seine Tochter nach der Erlegung eines Hirsches über die Schuhe des Verstorbenen stolperte, hielt er seinen Mund. Der Hirsch war ihm wichtiger.

„Dieser Mensch ist kein Jäger“

Ich glaube, dass er kein Herz hat. Oder eins aus Stein. Er ist alles, nur kein Jäger. Denn Jäger haben Herzen. Herzen, die Mitleid empfinden. Gefühle, die zu Tränen rühren. Jäger haben Ehrfurcht vor dem Leben und auch vor dem Tod. All das hat dieser Mensch nicht.

Aus Mitleid suchen tagtäglich unzählige Jägerinnen und Jäger Wiesen ab und retten Kitze vor dem sicheren Tod. Wenn der Winter hart ist, bringen sie Futter in den Wald. Die Leiche des Mannes wurde in der Nähe einer Fütterung einfach liegen gelassen. Ich glaube, dass es für den Finder keine Rettung gibt …

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