Wolf und Politik – Interview mit Gero Hocker

Er ist vielen durch seine flammenden Reden im Niedersächsichen Landtag bekannt. Ihr JÄGER hat den FDP – Politiker Gero Hocker zum Thema Wolf befragt.

»DIE POLITIK MUSS TÄTIG WERDEN«

Wie kann Nutztierhaltern geholfen werden, die ihre Existenz durch den Wolf bedroht sehen?

Nutztierhalter dürfen maximal 15.000 Euro in drei Jahren für Präventionsmaßnahmen und Billigkeitsleistungen erhalten. Viele Nutztierhalter haben
diese Grenze bereits lange vor Ablauf des ersten Jahres erreicht. Eine solche Limitierung von Ausgleichszahlungen ist nicht hinnehmbar, zumal auch nur 80 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten gefördert werden. In Sachsen hat die dortige Landesregierung eine vernünftige Regelung getroffen, indem man mit der Heinz-Sielmann-Stiftung einen Partner ins Boot geholt hat, der die restlichen 20 Prozent der Kosten trägt. In Niedersachsen hat man an solchen Lösungen bislang leider noch nicht gedacht.

Viel diffuser ist auch die Problematik des panischen Fluchtverhaltens von Nutztieren. Tiere ertrinken bei der Flucht oder können auf Bahntrassen, Autobahnen oder Bundesstraßen schwere Verkehrsunfälle verursachen, wenn sie in Panik Gatter niederrennen und Zäune durchbrechen. Solche Fälle sind kaum versichert und die Tierhalter würden mit großer Sicherheit ihr ganzes Leben für die Folgen haften. Hier muss Politik tätig werden, um solche Szenarien zumindest abzumildern. Um es klar zu sagen: Die Politik wollte den Wolf und ist somit nun auch in der P icht, diejenigen zu schützen, die mit dem Wolf klarkommen müssen.

Wölfe ohne Scheu

Muss etwas gegen Wölfe unternommen werden, die ihre Scheu verlieren?

In den vergangenen Monaten sind Wölfe auch unmittelbarer Umgebung von Siedlungen und Ortschaften gesehen worden. Einzelne Gehöfte werden mittlerweile fast täglich von Wölfen „besucht“. Die Sichtung eines Wolfes in der Nähe eines Waldkindergartens in Goldenstedt im Landkreis Vechta erregte landesweit Aufmerksamkeit. Zuletzt wurde ein Schaf in unmittelbarer Nähe eines Wohnhauses gerissen. Solche Annäherungen sind für ein grundsätzlich scheues Tier wie den Wolf nicht normal. Daher muss in solchen Fällen von einem auffälligen Verhalten ausgegangen werden. Auffällige Wölfe sind weiterhin möglichst umgehend zu entnehmen – und „Verhaltensauffälligkeit“ beginnt nicht erst, wenn der Wolf gegenüber dem Menschen aggressives Verhalten zeigt. Der Schlingerkurs des niedersächsischen Umweltministers Stefan Wenzel bei diesem Thema schadet allen Beteiligten, nicht zuletzt auch dem Wolf selbst. Ein Besendern eines auffälligen Wolfes, wie es Wenzel bei der auf Nutztiere spezialisierten Fähe im Raum Goldenstedt plant, ist weder hilfreich für die Bevölkerung, noch ist es für das Tier selbst zumutbar. Im Endeffekt ist ein solches Besendern ein Tierversuch und muss juristisch auch ebenso bewertet werden.

Wolf im Jagdrecht


Sollte der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden?

Langfristig wird der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden müssen – verbunden mit der Garantie, dass durch den Wolf verursachte Schäden auch künftig durch Landesmittel kompensiert werden: Die Population wird weiter stetig steigen, was die Nutzungskon ikte automatisch vergrößern wird. Je früher die Aufnahme ins Jagdrecht erfolgt, umso größer sind die Möglichkeiten, kurzfristig auch populationsregulierend eingreifen zu können. Die Diskussion hierüber erst zu führen, wenn eine kritische Populationsgröße erreicht ist, würde unnötig Zeit kosten – gerade weil die Mühlen der Politik manchmal sehr langsam mahlen. Bereits im Frühjahr 2015 hat die FDP- Landtagsfraktion in Niedersachsen einen Gesetzentwurf in den Landtag eingebracht, in dem wir die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht bei ganzjähriger Schonzeit gefordert haben.

Die Frage nach der Haftung, die mir oft von Jägern gestellt wird, werden wir gesondert debattieren müssen. Ich bin überzeugt, dass hier eine Regelung gefunden werden kann, die alle Seiten zufrieden stellt. Unserer Überzeugung nach wird auch die Klassifizierung des Wolfes in Anhang IV der FFH-Richtlinie nicht mehr lange Bestand haben können. Wie auch schon der Deutsche Jagdverband (DJV) sehe auch ich den aktuellen Fitnesscheck der FFH-Richtlinie als geeigneten Zeitpunkt der Überführung des Wolfes in den Anhang V dieser Richtlinie an. Mein Credo war seit Beginn meiner Zeit als umweltpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, dass Arten- und Naturschutz wichtig ist, dieser aber nur mit den Menschen durchgesetzt werden kann. Wenn Politik versucht, den Menschen ihre Meinung von oben herab aufzudrücken, geht dies immer schief und führt zu Akzeptanzverlusten. Wenn dann noch Existenzen bedroht sind, wie es beim Thema Wolf der Fall ist, ist eine Bevormundungspolitik noch gefährlicher.

Wolfsmanagement

In einigen Gebieten verliert der Wolf zunehmend an Akzeptanz in der Bevölkerung. Wie könnte das Wolfsmanagement Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Ein Wolfsmanagement kann in Niedersachsen nur gelingen, wenn Beteiligte und betroffene Gruppen ernsthaft einbezogen werden. Gerade in Niedersachsen hat die Landesregierung bei Fragen des Wolfes und bei der Hilfe für Geschädigte viel zu lange gezögert und sich führungsschwach gezeigt. Überboten wird dies nur noch von Plänen der Landesregierung, den Jägern das Wolfsmonitoring zu Gunsten von Naturschutzverbänden zu entziehen: diejenigen, die sich in der Natur wirklich auskennen, sind nicht zuletzt unsere Jäger – anders als Mitglieder in Naturschutz- und Umweltverbänden, bei denen vermeintlich jeder alleine durch- seine Mitgliedschaft zum Experten für Umwelt- und Naturschutz wird. Durch die Jagdscheinprüfung beweisen die Jäger hingegen, dass sie Fachkenntnis über Tiere, Natur und rechtliche Bestimmungen haben. Sollten die Pläne der Landesregeriung tatsächlich umgesetzt werden, wäre dies in meinen Au- gen ein Skandal und eine Kampfansage der Grünen an Jäger und Tierhalter.

Bereits das Wolfsbüro war schon eine ebenso teure wie nutzlose Erfindung des Umweltministers, die den Betroffenen in keiner Weise hilft, aber viel Geld kostet. Die insgesamt über eine Million Euro p.a., die das Wolfsbüro kosten wird, hätte man weitaus sinnvoller für Schadensregulierungen und Präventionsmaßnahmen einsetzen können. Die Niedersächsische Landesjägerschaft hat das Wolfsmonitoring übernommen und leistet hervorragende Arbeit, die selbst von Kritikern anerkannt wird. Umso unverständlicher wäre ein Wechsel bei der Verantwortung für das Monitoring. Es müssen schnellstmöglich Regelungen getroffen werden, damit Mensch und Wolf möglichst kon iktarm nebeneinander und miteinander leben können. Dazu gehört auch, dass ein Tier im Notfall geschossen werden darf. Erst wenn auf diese Weise konfliktarmes Zusammenleben möglich ist, könnte man auch als Betroffener davon sprechen, dass die Rückkehr des Wolfes nach Niedersachsen eine gute Nachricht ist.

Herzlichen Dank für die Beantwor-tung unserer Fragen, Herr Hocker.