Gehörnte Ricken: Wenn weibliches Rehwild ein Gehörn trägt

Gehörnte Ricken sind eine echte Rarität. Doch warum entwickeln weibliche Rehe überhaupt Rosenstöcke und Gehörn? Beobachtungen aus mehreren Revieren zeigen, wie unterschiedlich das seltene Phänomen auftreten kann.

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Eine echte Rarität: Bei gehörnten Ricken bilden sich Rosenstöcke und Gehörnstrukturen aus, obwohl es sich um weibliches Rehwild handelt. © Christian Schätze

Gehörnte Ricken sind so etwas wie weiße Raben. Man hat davon gehört, die meisten bekommen sie jedoch nie zu Gesicht. Auch ich kannte das Phänomen nur aus der Literatur – bis zu dem Tag, an dem mich eines Morgens in meinem Revier eine angewechselt hatte.

Im Doppelglas erkannte ich sofort den kleinen Spieß auf der linken Seite, weshalb ich das Stück zunächst für einen Jährling hielt. Kaum vier Zentimeter hoch, war die Stange noch vollständig von Bast umgeben. „Ein Einhorn“, dachte ich sofort. Denn die andere Seite war blank. Kein Bast, noch nicht einmal ein Rosenstock war zu erkennen.

Plantage

Obstplantagen bieten Rehwild Äsung und vergleichsweise viel Ruhe. Zwischen den Baumreihen lassen sich die Stücke jedoch nicht immer leicht entdecken.

Das Stück zog langsam im Getreide auf mich zu, wollte mir aber nicht so recht sein Blatt zeigen. Als es aus dem Bestand gezogen war, erkannte ich, dass es eine Schürze trug. Abwechselnd wanderte mein Blick vom kleinen Haarbüschel am Spiegel zum Haupt, bis das Reh im Grenzgraben verschwunden war. In der Hoffnung, das Stück mit der Kamera ablichten zu können, saß ich noch viele Male auf der „Wespenkanzel“ an, ohne es jedoch noch einmal vor die Linse zu bekommen.

Überraschendes Wiedersehen in der Apfelplantage

Erst Jahre später, die Hoffnung auf ein Wiedersehen längst aufgegeben, kreuzten sich erneut unsere Wege. Eine Radtour führte mich an einer gut zwei Kilometer entfernten Apfelplantage vorbei, die an unseren 800 Hektar großen Jagdbezirk grenzte. Während ich daran vorbeiradelte, blickte ich immer wieder in die Zeilen, in der Hoffnung, Wild zu entdecken.

Lange suchen muss man dabei nie, denn Obstplantagen zählen zu den Rehwildmagneten schlechthin. Kein Wunder, denn bis auf Traktoristen und Erntehelfer verirren sich nur selten Menschen in diese „Ruhezone“. Beides sind die Rehe gewohnt. Während der Apfelernte weichen sie den rumänischen Helfern geschickt aus, um kurze Zeit später wieder in ihrem Bett zu sitzen.

Das Bastgehörn erinnert (Ende Juni) an den Knopf eines Damspießers. © Christian Schätze

In einer der letzten Schneisen fiel mein Blick auf ein Stück, das sich zwischen den Apfelbäumen niedergetan hatte. Obwohl bereits Juli war, hatte das Stück noch nicht komplett verfärbt. Das Brustbein stand vor wie bei einem Atomeisbrecher. Beides Zeichen eines hohen Alters. Wegen des Kopfschmucks, den ich nur für eine Sekunde sehen konnte, dachte sofort an einen Perückenbock und fuhr sofort nach Hause, um die Digitalkamera mit dem Teleobjektiv zu holen.

Ricke mit Gehörn und Nachwuchs

Als ich zurück war, äste das Stück zwischen den Apfelbäumen und sicherte zu mir, nachdem es mich eräugt hatte. Ich nutzte die Chance und behielt den Finger auf dem Auslöser. Beim Vergrößern der Bilder erkannte ich, dass aus dem dünnen Spieß ein Knubbel geworden war, wie ihn schwache Damspießer tragen. Das Gebilde war vollständig von Bast umgeben.

Ende September desselben Jagdjahres war aus dem Gehörn ein kleiner Spieß gewachsen. Die größere Überraschung war jedoch, dass die Ricke zwei starke Kitze führte. Obwohl das Stück in den Folgejahren gelegentlich in Anblick kam, gelang es nicht, sie abzulichten.

Weitere gehörnte Ricken in Sachsen-Anhalt und am Peenestrom

Die zweite gehörnte Ricke hatte ich Jahre später in einem Revier in Sachsen-Anhalt vor. Beim Abendansitz stand sie plötzlich auf der Schneise. Dieses Mal erkannte ich zuerst die Schürze und erst danach die beiden Erhebungen auf dem Haupt. Die waren zwar bei Weitem nicht so groß wie bei der „Obstlandricke“, aber groß genug, um aufzufallen. Obwohl ich die Kamera neben mir liegen hatte, war die Zeit zu kurz, um ein Beweisfoto zu machen. Das Stück war vorher unbekannt und kam auch danach nicht wieder in Anblick.

Ausprägung

Auch andernorts lassen sich in seltenen Fällen gehörnte Ricken beobachten. Die Ausprägung der Rosenstöcke und Gehörnstrukturen kann dabei stark variieren. © Christian Schätze

Nach dieser Begegnung dauerte es gut zehn Jahre, um wieder eine gehörnte Ricke in Anblick zu bekommen. Natürlich war auch dieses Treffen reiner Zufall. Während eines Filmdrehs zur Blattzeit am Peenestrom kam zunächst ein Bock in Anblick, der jedoch hinter uns in den Wind gezogen war und absprang.

Als kurz darauf ein roter Fleck an der Waldkante auftauchte und auf dem Luzerneschlag zu äsen begann, sprach mein Gastgeber das Stück sofort als Ricke an. Erst Minuten später erkannten wir die hohen Rosenstöcke und das Bastgehörn. Im Gespräch erfuhr ich, dass ein paar Kilometer weiter eine weitere abnorme Ricke ihren Einstand haben soll. Weil diese jedes Jahr Kitze führen würde, sei sie jedoch geschont.

Gehörnte Ricken: Besondere Schätze in den Jagdzimmern

An Trophäenwänden, zum Beispiel bei einem guten Jagdfreund in Ostfriesland, habe ich gelegentlich Trophäen gehörnter Ricken gesehen. Vorsichtig präpariert, blieb sogar die Decke auf den Stangen erhalten. Aber auch komplett abgekochte Schädel faszinieren. Denn so wird der Blick auf die Struktur der gebildeten Knochenmasse frei. So besitzt JÄGER-Autor Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel ein derartig präpariertes Gehörn, das an eine Mischung aus Trüffel und Blumenkohl erinnert.

Der Kopfschmuck dieser Ricke erinnert an Trüffel. © Christian Schätze

Warum können Ricken ein Gehörn entwickeln?

Dass solche Abnormitäten möglich sind, hängt mit der biologischen Grundlage der Gehörnbildung zusammen. Denn die für die Geweihbildung erforderlichen Strukturen sind bei beiden Geschlechtern vorhanden. Entscheidend ist die hormonelle Steuerung. Wir wissen heute, dass Testosteron die entscheidende Rolle spielt – aber wir wissen bei der gehörnten Ricke längst nicht in allen Einzelheiten, warum ausgerechnet dieses Individuum ein Gehörn entwickelt. Wird das fein abgestimmte hormonelle System beim weiblichen Reh verändert, kann es zur Ausbildung von Rosenstock- und Gehörnstrukturen kommen, sagen Wildbiologen.

Bemerkenswert ist, dass es sich beim beschriebenen Plantagenreh nicht um einen Zwitter gehandelt hatte, sondern die Ricke Kitze führte. Ob der Nachwuchs, der die Anlagen in sich trägt, sich besser oder schlechter als Kitze „normaler“ Ricken entwickeln, ist nicht bekannt. In der Fachliteratur wurde über Rehwild berichtet, dass sowohl ein vollständig gefegtes Gehörn als auch Hoden und Feuchtblatt besessen haben soll.

Weibliches Rehwild ganz genau ansprechen

Auch wenn es nur selten zur Gehörnbildung bei weiblichem Rehwild kommt, lohnt es sich immer, erlegte Ricken genauer anzuschauen. Mehrjährige Stücke bilden oft Rosenstöcke aus, die sich mit dem Fernglas gut erkennen lassen. Meinen Erfahrungen zufolge handelt es sich verhältnismäßig oft um ältere Stücke, die schwache oder gar keine Kitze mehr führen. Gerade Gruppenansitze im Herbst sind geeignet, solche Stücke zu bestätigen.

Bis Ende September hatte die Ricke einen weiteren kleinen Spieß geschoben. © Christian Schätze

Gehörnte Ricken untersuchen und ihr Alter bestimmen

Beim Versorgen solcher Stücke sollte zudem bei den inneren Organen (Gebärmutter, Tracht etc.) genauer hingeschaut werden. Manchmal sind sogar im Bauchraum liegende Hoden zu finden. Der abgekochte und gebleichte Schädel ist nicht nur aus wildbiologischer Sicht interessant, sondern auch im Jagdzimmer ein Hingucker. Tipp: Jungjäger oder Jagdschulen freuen sich über solche Anschauungsobjekte.

Sind die Schneidezähne nur noch Perlen und bereits mehrere Backenzähne ausgefallen, lohnt sich zudem die Altersbestimmung per Zahnzementzonenmethode. Sie werden überrascht sein, wie alt Rehe werden können. Die älteste, mir bekannte Ricke hatte beispielsweise 13 Jahre auf dem knochigen Ziemer. Der Schädelknochen war an vielen Stellen dünn wie Pergament und die meisten Zähne ausgefallen.

Warum tragen weibliche Rentiere ein Geweih?

Dass weibliche Stücke ein Geweih tragen können, ist bekannt. Bei Rentier/Karibu (Rangifer tarandus) ist es sogar die Regel. Bei den Alttieren hat das Geweih allerdings eine andere Funktion als bei den Hirschen. Während die männlichen Stücke es vor allem als Stirnwaffe während der Brunft einsetzen, behalten weibliche Stücke ihr Geweih über den Winter. Es hilft ihnen dabei, Schnee zu durchbrechen, um an Äsung zu gelangen. Es wird dabei aber auch dazu genutzt, die Äsungsstelle gegen andere Stücke zu verteidigen. Im arktischen Winter kann das einen erheblichen Vorteil darstellen.

Haben Sie schon einmal eine gehörnte Ricke gesehen?

Haben Sie schon einmal eine gehörnte Ricke oder eine Ricke mit deutlichen Rosenstöcken erlegt? Kennen Sie jemanden, in dessen Revier schon ein solches Stück oder ein Zwitter zur Strecke kam? Dann schreiben Sie uns. Die interessantesten Berichte (gern mit Bild) werden in einer der nächsten Ausgaben veröffentlicht. Unter allen Einsendungen verlosen wir ein JÄGER-Messer. Einsendeschluss ist der 31.12.2026. Betreff: „Gehörnte Ricke“. E-Mail bitte an: [email protected].