Auf der Fahrbahn: Dramatische Nachsuche auf Schwarzwild

Der Hund gab plötzlich Laut, ein Stück Schwarzwild bricht weg Richtung Autobahn. Dann plötzlich quietschende Reifen. Bericht einer haarsträubenden Nachsuche.

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Ausbruchsgefahr: Wildschutzzäune werden nicht immer gepflegt, Wechsel führen hindurch. © Björn Eberwien, erstellt mit KI

Es ist Gründonnerstag, der 20. April, 23:00 Uhr und das Telefon klingelt. Snickers-Man ist dran und bittet um Unterstützung für den nächsten Morgen. Snickers heißt eigentlich Joachim, da Joachim aber immer ein Snickers im Auto hat und dieser Riegel sein Grundnahrungsmittel darstellt, heißt Joachim bei uns nur noch Snickers-Man.

Snickers-Man saß an diesem Gründonnerstagabend im Wald an und beschoss aus einer Überläuferrotte gegen 22:30 Uhr einen dieser Überläufer, der passend stand. Joachim hatte ihn als Überläuferkeiler mit ca. 45 Kilogramm angesprochen und mit seiner 7×64 sowie KS-Geschoss beschossen.

Nachsuche auf Schwarzwild: Knochensplitter am Anschuss

Wie es sich gehört, kontrollierte der Schütze unmittelbar nach dem Schuss den Anschuss. Dabei fiel ihm ein Knochensplitter auf. Für den erfahrenen Jäger ein deutliches Pirschzeichen – Joachim vermutete einen Laufschuss.

Sofort war ihm klar, dass eine solche Situation nicht leichtfertig angegangen werden darf. Knochensplitter als Pirschzeichen deuten auf eine möglicherweise lange, erschwerte Nachsuche hin und verlangen ein erfahrenes Gespann, mit einem hetzstarken Hund.

Schweißhund nimmt die Wundfährte sicher auf

Am nächsten Morgen, Karfreitag, traf man sich schließlich zur Nachsuche. Am Anschuss nahm mein Hund die Fährte sofort sicher an.

Fährte aufgenommen

Normaler Start: Zunächst verlief die Fährte übers offene Feld. © Björn Eberwien

Die Nachsuche führte zunächst durch alte Buchenbestände, anschließend durch dichte Fichtendickungen und später durch Buchenstangenholz. Gestartet wurde im Bundesland Niedersachsen. Nach rund 40 Minuten konzentrierter Riemenarbeit überschritt die Nachsuche die Landesgrenze nach Hessen. Der weitere Verlauf führte über einen Kreideberg in Richtung einer Landstraße.

Schwierigkeit: Rotwild sorgt für Verleitungen

Während der Suche musste der Hund immer wieder die Fährte durch massive Verleitungen arbeiten. Plötzlich wurde vor uns Rotwild hoch, das unmittelbar vor dem Hund aus dem Bestand wechselte.

Er hob kurz den Kopf und zeigte für einen Moment Interesse an der frischen Fährte. Doch ebenso schnell sammelte er sich wieder und fokussierte sich wieder auf „seine“ Wundfährte. Mit tiefer Nase nahm er konsequent die Wundfährte wieder auf.

Nachsuche auf Schwarzwild über Asphalt

Im weiteren Verlauf erreichte die Nachsuche eine asphaltierte Straße, die der Überläufer überquert hatte. Zu diesem Zeitpunkt herrschte Verkehr, sodass zunächst Fahrzeuge angehalten werden mussten, damit der Hund sicher arbeiten konnte. Für jeden Schweißhundeführer ist eine Straßenüberquerung eine besondere Herausforderung.

Hund

Kurz vor dem Schnallen: Noch ahnen weder Hund noch Hundeführer, was sie in der Dickung erwartet. © Björn Eberwien

Der BGS arbeitete sich mit tiefer Nase bis an den Straßenrand heran und begann, die Fährte über den Asphalt auszubuchstabieren. Mit einigen Bögen und kurzen Korrekturen gelang es schließlich, den Abgang auf der gegenüberliegenden Seite zu finden. Die Nachsuche konnte fortgesetzt werden.

Erst nach rund fünf Kilometern Riemenarbeit standen wir schließlich vor einem Dickungskomplex aus Weißdorn, Schwarzdorn und einzelnen Obstgehölzen. Hinter dieser Dickung verlief eine Bundesautobahn. Die Autobahn war durch einen Wildschutzzaun gesichert, weshalb zunächst nicht davon ausgegangen wurde, dass das Stück die Richtung der Schnellstraße wählen würde.

Schwarzwild-Nachsuche nahe der Autobahn: Sicherheit hat Vorrang

Die anwesenden Jäger – Schützen, Revierinhaber und Helfer – wurden bewusst nicht unmittelbar an der Dickung angestellt. Stattdessen positionierte man sie in größerer Entfernung auf bekannten Fernwechseln.

Alle Beteiligten bezogen dabei Ansitzeinrichtungen, sodass jederzeit größtmögliche Sicherheit für Hund und Führer gewährleistet war. Die Entfernung zur Autobahn betrug lediglich etwa 200 Meter, was eine besonders sorgfältige Planung und Absicherung der Situation erforderte.

Der Schweißhund gibt Laut: Das verletzte Schwarzwild ist nah

Langsam arbeitete ich mich mit meinem Hund am langen Riemen in den dichten Bestand hinein. Dornenranken und dichter Bewuchs machten jedes Vorankommen mühsam. Schritt für Schritt kämpften wir uns weiter in die Dickung. Etwa 80 Meter waren wir bereits vorgedrungen, als sich das Verhalten meines BGS schlagartig veränderte.

Der Riemen spannte sich. Der Hund lag nun hart im Riemen und arbeitete mit deutlich mehr Druck nach vorn. Dann gab er plötzlich Laut. Ein unmissverständliches Zeichen: Das Stück musste ganz in der Nähe sein. Der Hund wollte geschnallt werden.

Schwarzwild-Nachsuche: Mögliche Gefahr für den Hund verhindern

Unter anderen Umständen hätte ich den Hund in diesem Moment ohne Zögern zur Hetze geschnallt, doch die Nähe zur Autobahn ließ mich kurz innehalten. Sicherheit geht vor. Der Hund blieb am Riemen.

Nur Sekunden später brach vor uns mit lautem Krachen ein Stück Schwarzwild aus der Dickung. Fast gleichzeitig drangen von der Autobahn quietschende Reifen herüber. Dann folgten mehrere dumpfe Aufprallgeräusche.

In diesem Moment wurde schlagartig klar, was geschehen sein musste. Und ebenso schnell wurde mir noch etwas anderes bewusst: Zum Glück hatte ich den Hund nicht zur Hetze geschnallt.

Wildunfall auf der Autobahn: Zwei Fahrzeuge und ein Überläufer

Ich arbeitete mich sofort zurück zum Einwechsel. Ich übergab den Schweißhund einem Helfer und rannte Richtung Autobahn. Damit einhergehend informierte ich die Autobahnpolizei.

Wildunfall

Mitten auf der Fahrbahn: Der Überläufer hatte den Wildschutzzaun durchbrochen, war auf die Autobahn geflüchtet und mit einem Fahrzeug kollidiert. © Björn Eberwien

Als ich ankam, standen zwei Fahrzeuge auf dem Standstreifen, beide deutlich beschädigt. Offenbar hatte ein Fahrer den gesuchten Überläuferkeiler frontal erwischt und dann stark abgebremst. Der nachfolgende Wagen war aufgefahren. In einem Fahrzeug saß eine Familie mit einem kleinen Kind, im anderen ein älterer Fahrer.

Überläufer durchbrach den Wildschutzzaun

Die Situation war verständlicherweise emotional angespannt. Das Kind weinte, die Erwachsenen standen unter Schock, und niemand wusste so recht, was in diesen wenigen Sekunden eigentlich genau passiert war. Auf der linken Spur, nahe der Mittelleitplanke, lag der gesuchte Überläuferkeiler – mausetot. Offenbar war es dem Stück gelungen, den Wildschutzzaun zu durchbrechen und auf die Autobahn zu gelangen.

Glücklicherweise gab es keine verletzten Personen, lediglich Blechschäden. Das Stück wurde anschließend von der Fahrbahn geborgen, um weitere Unfälle zu verhindern. Kurz darauf traf auch die Autobahnpolizei ein und sicherte die Unfallstelle ab. Der Vorfall wurde schließlich „nur“ als Wildunfall aufgenommen.

Wildschutzzäune bieten bei der Nachsuche auf Schwarzwild keine absolute Sicherheit

Diese Nachsuche hat einmal mehr gezeigt, dass krankes oder verletztes Schwarzwild nur schwer vorhersehbar reagiert. Gerade Stücke mit Laufschüssen können noch erstaunlich weite Strecken zurücklegen. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: Wildschutz- oder Autobahnzäune vermitteln häufig ein Gefühl von Sicherheit – doch dieses Gefühl ist trügerisch.

Krankes oder flüchtendes Wild reagiert oft völlig anders als gesundes Wild. In solchen Situationen sind Stücke durchaus in der Lage, selbst stabile Wildschutzzäune zu durchbrechen oder zu überwinden. Zudem sind diese Zäune in der Praxis nur selten vollständig dicht. Häufig haben sich Wildtiere über die Jahre alte Wechsel wieder geöffnet.