Wolfsbegegnung bei der Jagd: Auge in Auge mit Isegrim

Wölfe sind scheu und meiden den Menschen, heißt es. Völlig andere Erfahrungen hat Torsten Dietsch während einer Rotwildjagd im Thüringer Wald gemacht.

1-Waldweg-Schneise

Von diesem Sitz aus kamen zuerst Rotwild und dann ein Wolf in Anblick. © Torsten Dietsch

Am 8. August 2026 trafen sich ein paar Mitjäger und ich im Forstamt Frauenwald im Thüringer Wald zum Gruppenansitz auf Rotwild. Ich saß dabei auf einem vier Meter hohen Drückjagdbock. Im Rücken hatte ich einen Fichten-Hochwald mit dichter Naturverjüngung (Tageseinstand des Wildes). In Blickrichtung befand sich eine Lichtung mit vereinzelter Naturverjüngung. Es war ein fast windstiller und wolkenfreier Sommermorgen, also ideales Jagdwetter.

Rotwildjagd im Thüringer Wald: Ein Morgen mit Überraschungen

Gegen sechs Uhr wechselte mich aus östlicher Richtung auf gut 100 Meter ein Rotwildkalb an. Als dieses Richtung Freifläche hinter einer Fichtenverjüngung verschwand, legte ich mein Fernglas zur Seite und machte mich bereit.

Plötzlich sah ich im linken Augenwinkel ein Alttier mit Kalb anwechseln, welches kurz darauf auf der Lichtung verhoffte, um in Richtung Fichtenverjüngung zu äugen. Nach wenigen Augenblicken warf es sich herum und sprang in die Richtung ab, aus der es gekommen war.

Ich war zunächst ratlos, denn sie konnten eigentlich keinen Wind von mir bekommen haben, und bewegt hatte ich mich auch nicht. Zweimal schreckte das Alttier noch, dann kehrte wieder Stille ein.

Eine Wolfsbegegnung sorgt für Unruhe beim Rotwild

Jetzt entdeckte ich den Grund für das seltsame Verhalten. Ein Jungwolf, der etwa die Größe eines Schäferhundes hatte, flüchtete am gezäunten Gatter am Hochsitz vorbei und verschwand hinter mir im Einstand.

Fundstelle

Im Schutz der Bäume pirschten sich die Wölfe an Rotkalb und Jäger heran. © Torsten Dietsch

Nach diesen aufregenden Minuten sah ich wieder in Richtung Freifläche, um zu sehen, ob das Kalb erscheinen würde. Und tatsächlich! Keine 40 Meter vor mir zog es breit aus dem Bestand. Auf den Schuss hin machte es eine kurze Todesflucht, um neben meinem Hochsitz zu verenden.

Nach dem Schuss: Lockt er Wölfe zur Beute?

Die Geschichten eines Lausitzer Jägers schossen mir durch den Kopf. Denn er hatte mir erzählt, dass in Wolfsrevieren die Grauen den Schuss inzwischen mit „frischer Beute“ verbinden.

Entsprechend froh war ich, als mir gegen 6.45 Uhr mein Jagdfreund schrieb, ob wir nicht langsam abbaumen wollen. Dem stimmte ich zu und sagte ihm, dass ich das Rotwildkalb schon mal versorgen werde und er mich mit dem Auto direkt an meinem Hochsitz abholen könne.

So baumte ich mit entladener Waffe ab, stellte sie an den Hochsitz und brach in rund 15 Metern Entfernung das Kalb auf.

Rotwild

Wollte sich das Wolfsrudel dieses Rotkalb sichern? © Torsten Dietsch

Kurze Zeit später kam Jagdfreund Dr. Matthias Harnich mit dem Auto zu mir und hielt direkt neben meinem Sitz. Wie es unter Waidgenossen üblich ist, werteten wir angeregt den Morgenansitz aus.

Als er zum Auto ging, um etwas aus dem Kofferraum zu holen, knackte es laut vor mir in der Dickung. Ich trat auf den Weg und wollte schauen, ob da nicht vielleicht Sauen durch den Bestand ziehen. Als ich die Stelle erreicht hatte, äugte mich auf etwa sechs Meter ein Altwolf in Lauerstellung an!

Wolfsbegegnung auf sechs Metern Entfernung

Vom Schock dieses Anblicks getrieben, schrie ich den Wolf an, machte ein paar Schritte auf ihn zu und klatschte dabei in die Hände. Der Räuber sprang daraufhin zurück ins Dickicht und flüchtete.

Noch unter Adrenalin stehend, lief ich den Weg hoch und wollte sehen, wohin Isegrim verschwunden war. Am Ende des Dickichts entdeckte ich drei ausgewachsene Wölfe, die mir locker bis zur Hüfte gereicht hätten.

Um sie auf Abstand zu bringen, schrie ich sie an und klatschte in die Hände, während ich sie 50 Meter verfolgte. Zeitgleich vernahm Jagdfreund Matthias ein Knacken unterhalb des Dickichts, was darauf deutet, dass noch mehrere Wölfe in unmittelbarer Nähe waren.

Wolfsrudel zeigt wenig Scheu vor Menschen

Es ist bemerkenswert wie auch erschreckend, dass sich die Wölfe offensichtlich ranschlichen, obwohl sie nicht nur das Kalb witterten, sondern auch Menschen vernommen und gewittert haben müssen. Dieses Wolfsrudel zeigte sehr wenig Scheu. Wir vermuten, dass es sich (trotz unserer Anwesenheit) das Kalb schnappen wollte.

Welche Folgen hat die Wolfsbegegnung für den Jäger?

Ich bin ein passionierter Jäger und habe unter anderem weit über 150 Stück Schwarzwild erlegt und im Mondlicht ohne Angst, aber mit Respekt nachgesucht und versorgt.

Nach dieser Wolfsbegegnung werde ich mir zukünftig jedoch überlegen, ob es noch verantwortungsvoll ist, allein in der Dunkelheit Wild zu bergen und zu versorgen.

Bild Torsten Dietsch

Jäger Torsten Dietsch ist mit dem Schrecken davon gekommen. © Torsten Dietsch

Nach diesem Ereignis ist es für mich nur eine Frage der Zeit, wann der erste Mensch von einem Wolf angegriffen wird!