Rehwild ansprechen: Wie die Unterscheidung von Schmalwild und Ricke gelingt

Mit dem April beginnt vielerorts auch die Jagd auf Rehwild. Wer Schmalrehe bejagt, sollte diese sicher von Ricken unterscheiden können. Wie das gelingt, erklärt JÄGER-Chefredakteur und Rehwildkenner CHRISTIAN SCHÄTZE.

Schmalreh Ricke 1

JÄGER verrät, wie man Schmalreh und Ricke in der Praxis voneinander unterscheiden kann. © Sven-Erik Arndt

Der April ist in vielen Bundesländern nicht nur der Beginn der Jagdzeit auf Rehböcke, sondern auch Schmalrehe sind frei. Gerade zu Beginn der Jagdzeit sind diese wegen der körperlichen Unterschiede noch gut von Ricken zu unterscheiden. Neben der geringen Körpergröße sind es vor allem das kindliche (kurze) Haupt, der schlanke Träger sowie der frühere Haarwechsel. Besonders an Maske, Träger und den Läufen ist bei Schmalrehen schon früh Rot zu sehen. Ricken tragen hingegen noch bis in den Mai ihre graue Winterdecke. Grund für den späteren Haarwechsel sind die Kitze, die für die Entwicklung viel Energie benötigen. Das richtige Ansprechen vom Rehwild, um Schmalreh und Ricke zu unterscheiden, bedarf allerdings häufig genaueres Hinsehen.

Rehwild: Familienverbände helfen bei der Unterscheidung von Schmalreh und Ricke

Weil die Familienverbände zu Beginn der Jagdzeit oft noch im Sprung zusammenstehen, hat vor allem der Jäger im Feldrevier in der Regel keine Probleme, die Unterschiede zwischen Alt und Jung zu erkennen. Bei einzeln ziehenden Stücken bedarf es etwas mehr Zeit, Schmalrehe sicher anzusprechen. Je näher der Setztermin beim Rehwild heranrückt, desto deutlicher sind die Unterschiede zu erkennen. Hochbeschlagene Ricken wirken dann kugelrund. Das Brustbein steht bei Ricken oft nach vorn heraus, wie der Bug eines Containerschiffes.

Rehwild im Feld

Deutlicher geht es nicht: Ricke mit drei Jährlingen (2 Böcke, 1 Schmalreh). © Sven-Erik Arndt

Überalterte Ricken für den Herbst vormerken

Doch keine Regel ohne Ausnahme: Besonders alte (gelte) Stücke können schnell für ein Schmalreh gehalten werden, wenn diese körperlich bereits stark abgebaut haben. Oft tragen solche Stücke Ansätze von Rosenstöcken, die ein Zeichen hohen Alters sind. Auch der mürrische Blick (ähnlich wie bei alten Böcken) ist ein Warnhinweis.

Hat man so ein Stück bestätigt, sollte man sich das notieren und dieses für September vormerken. Wie unterschiedlich Schmalrehe sein können, verdeutlichen die Wildbretgewichte. Während die meisten Stücke aufgebrochen 10 bis 14 kg auf die Waage bringen, können Jährlinge auch deutlich schwerer sein. Das stärkste Schmalreh, das ich gewogen habe, brachte Mitte Mai satte 19 Kilogramm auf die Waage! Ein Jagdfreund hatte es zwar sauber angesprochen, die Stärke mangels Vergleich mit anderen Stücken völlig falsch eingeschätzt. Tipp: Kommen im Revier regelmäßig Schmalrehe und Jährlingsböcke mit 10-12 kg oder weniger zur Strecke, muss der Abschuss erhöht werden.

Der Blick spitz von hinten zwischen die Läufe ist ein Muss

Sobald die Ricken gesetzt haben, was Mitte Mai zum Großteil der Fall sein sollte, kommt die Spinne (Gesäuge) als Ansprechmerkmal hinzu. Diese erkennt der erfahrene Weidmann in gefülltem Zustand von der Seite, am besten aber spitz von hinten. Doch Vorsicht: Auch bei Rehen gibt es große und kleine Gesäuge! Haben die Stücke zudem gerade ihre Kitze gesäugt, kann es schwer sein, die Spinne zu erkennen. Im Zweifel und bei schlechter Sicht (Dämmerung, Nebel, hohe Vegetation) muss immer der Finger gerade bleiben!

Schmalreh

Definitiv ein Schmalreh: Der Blick zwischen die Keulen hat es verraten. © Christian Schätze

Fotos helfen beim sauberen Ansprechen vom Rehwild

Beim Ansprechen haben sich Ferngläser mit 10-facher Vergrößerung (z. B. 10×42) und Digitalkameras mit Teleobjektiv (z. B. 100- 400 mm) sowie Kameras mit 20-fachem optischem Zoom bewährt. Um verwacklungsfreie Fotos hinzubekommen, sollten ein stabiles Dreibein oder Bohnensäckchen (Auflage auf dem Hochsitz) benutzt werden. Im Feld- oder Bergrevier leisten auch das Spektiv mit 40- oder 60-facher Vergrößerung und Stativ wertvolle Dienste. Der Vorteil ist, dass sich bei Digitalaufnahmen Details herausvergrößern und in Ruhe anschauen lassen. Unabhängig davon schulen die Fotos nach und nach das Jägerauge.

Schneller Erfolg bei der Frühjahrsjagd auf Rehwild

Der Vorteil bei der Frühjahrsjagd ist, dass Schmalrehe noch sehr unbedarft sind. Ihnen fehlt einfach die Erfahrung. Passt es beim ersten Ansprechen nicht, ergibt sich meistens in den kommenden Tagen eine weitere Chance. Die Bejagungsschwerpunkte sollten im April und Mai an Straßen gesetzt werden, weil dort zu Beginn der Jagdzeit oft junge, unerfahrene Stücke überfahren werden. Dasselbe gilt für Böcke, die beim Abstecken ihres Reviers oft unbedacht die Straßen kreuzen.

Beim Abschuss sollte die Trophäenstärke keine allzu große Rolle spielen. Das habe ich im Lauf der Jahre leider lernen müssen. Schon oft habe ich starke Gabler und Sechserjährlinge von der Straße holen müssen, die ich zuvor pardoniert hatte. Wenn man an den unfallträchtigen Ecken stark eingreift, kann bzw. sollte man andere besser gelegene Revierteile im Gegenzug in Ruhe lassen.

Die Folgen vom Jagddruck auf Rehwild

Auch Salzlecken und (wo erlaubt) Kirrungen sind immer einen Ansitz wert. An Äsungsflächen und Wildäckern sollte im Frühjahr die Jagd ruhen, selbst wenn sich dort schnell Jagderfolg erzielen lässt. Tipp: Lieber an den Wechseln zu diesen Flächen ansitzen und den Stücken (ggf. Sprüngen) beim Äsen Ruhe gönnen. Wer ständig an den Äsungsflächen wiederkäuendes Schalenwild beunruhigt, darf sich nicht über Verbiss in den Waldbeständen und „unsichtbares“ Wild beschweren. Daran sind dann nämlich nicht nur der Wolf, Hundehalter mit ihren Vierläufern oder Freizeitsportler schuld, sondern vor allem der Jäger selbst. Jagddruck lenkt Wild oft effektiver, als mancher glaubt.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Morgenansitz öfter Weidmannsheil bringt als der Ansitz am Abend. Das liegt daran, dass Rehwild oft erst am späten Abend aus dem Bestand austritt und es bei schwindendem Büchsenlicht immer schwerer wird, die Stücke sauber anzusprechen. Beim Morgenansitz spielen die Zeit und das zunehmende Licht für den Jäger. Rechtzeitig aufgebaumt, jagt man ins Helle. Das Wild ist dann in der Regel (wenn es nachts nicht gestört wurde) viel vertrauter. Hat der Jäger beim Ansitz kein Weidmannsheil gehabt, sollte er noch mal auf Pirsch gehen. Dabei ist keine Eile geboten, ganz im Gegenteil. „Pirschstehen“, nennt das der erfahrene Weidmann. Was nichts anderes bedeutet, als sich sehr viel Zeit zu lassen. Nach rund hundert Metern leiser Pirsch stehen bleiben, Natur genießen und für ein paar Minuten nur beobachten.

Rehwild mit Jungtier

Ab Mitte Mai ist besondere Vorsicht bei der Jagd geboten © Carol Scholz

Jährlinge sind morgens lange auf den Läufen

Gerade die Altersklasse der Jährlingsböcke und Schmalrehe bummelt noch sehr lange umher und sucht nach schmackhafter Äsung. Oft ergibt sich dabei eine Chance. Um diese nutzen zu können, sollte der Jäger nicht nur einen Schießstock für den sauberen Schuss mitführen, sondern auch das Schießen damit auf dem Stand geübt haben. In kupiertem Gelände oder im Gebirge kann auch ein Zweibein an der Waffe sehr nützlich sein. Achtung: Immer auf Kugelfang achten!

Welche Waffe geführt wird, ist Geschmackssache. Der eine mag die einläufige Kipplaufbüchse, der andere den Repetierer oder den Drilling. Welches Kaliber geschossen wird, hängt davon ab, welche Wildarten neben dem Rehwild mitbejagt werden können (Dam-, Rotwild oder Sauen). Wichtiger ist mir da der richtige Haltepunkt (1-2 Finger hinters Blatt), um nicht zu viel Wildbret bei den schwachen Stücken zu entwerten. Um den Abschuss zügig zu erfüllen, sind Gruppenansitze mit Jagdfreunden das Mittel der Wahl. Dabei unbedingt an die Jungjäger denken!

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