Unsere Interview-Partnerin Agrita Žunna arbeitet als Wissenschaftlerin bei Silava (Lettisches Staatliches Forschungsinstitut für Forstwirtschaft) und ist daher bestens mit den Themen Wolfsmonitoring, der jährlichen Jagdquote und der Wolfsjagd vertraut.
Wie wird die Wolfsjagd in Lettland geregelt?
JÄGER: Nach welchen Kriterien wird die jährliche Abschussquote festgelegt?
Agrita Žunna: Berücksichtigt werden die auf den Monitoringdaten des Staatlichen Forstdienstes basierende Populationsschätzung, die Zahl der in der vorherigen Saison erlegten Wölfe sowie gemeldete Fälle von Nutztierrissen. Darüber hinaus werden das verfügbare natürliche Nahrungsangebot, die Empfehlungen des Artenschutzplans sowie wissenschaftliche Monitoringdaten von Silava berücksichtigt.
Wann ist in Lettland Wolfsjagdzeit und welche unterschiedlichen Jagdzeiten gelten?
Die Wolfsjagd beginnt am 15. Juli und endet am 31. März des Folgejahres. Seit der Jagdsaison 2025/2026 wird die Quote zwischen Einheit A (ständiges Vorkommen des Wolfes) und Einheit B (sporadisches Vorkommen) aufgeteilt. Die Jagd endet, sobald das regionale Limit erreicht ist oder die jeweilige Frist abläuft – am 31. März für Einheit A und am 31. Dezember für Einheit B.
JÄGER: Wie viele Wölfe werden pro Jahr erlegt?
In den vergangenen drei Jagdjahren lag die Quote bei 300 Wölfen, die auch jedes Jahr erlegt wurden. Von der Jagdsaison 2012/2013 bis zur Jagdsaison 2021/2022 lag die Quote bei 250 bis 300 Stück. In den meisten Fällen wurde diese staatliche Quote auch komplett bzw. nahezu vollständig von den Jägern durch Ansitz und Gesellschaftsjagd ausgeschöpft. Vor 2012/2013 lag die Quote bei weniger als 200 Tieren pro Saison.
Meldepflicht und Rudelverhalten bei Wolfsabschuss
Was muss ein Jäger bei der Wolfsjagd in Lettland nach dem Erlegen eines Wolfes unternehmen?
Der Wolfsjäger muss die Erlegung des Stückes dem Staatlichen Forstdienst melden. Heute wird dafür eine spezielle App verwendet. Die Meldung muss unmittelbar nach der Jagd und direkt aus dem Jagdgebiet heraus erfolgen. Über ein Formular werden außerdem Informationen über die Art der Jagd – beispielsweise Einzeljagd oder Bewegungsjagd – sowie Beobachtungen über Wölfe im Jagdgebiet erfasst.
Darüber hinaus muss der Jäger sicherstellen, dass der Wolfskörper den Wissenschaftlern zur Entnahme von Proben zur Verfügung steht, oder separate Proben – DNA und Zahnwurzel – für die Übergabe an die Wissenschaftler aufbewahren. Die Meldung an die Wissenschaftler muss innerhalb eines Tages erfolgen.
Wie reagieren Wolfsrudel auf die Entnahme einzelner Tiere?
Da wir keine Möglichkeit haben, Tiere in freier Wildbahn zu beobachten oder mit GPS-Halsbändern zu verfolgen, gewinnen wir Informationen über die Dynamik der Rudel aus DNA-Daten und Verwandtschaftsanalysen. Diese ermöglichen es uns teilweise, zu rekonstruieren, was innerhalb eines Rudels passiert ist.
In mehreren Fällen haben wir festgestellt, dass nach einem Jagdereignis die überlebenden Rudelmitglieder ihr bisheriges Territorium verlassen haben oder dass sich das Rudel aufgelöst hat und einzelne Tiere in verschiedene Richtungen abgewandert sind. Das war auch der Fall, wenn Jungtiere ihre Eltern verloren haben. Sie wanderten in andere Gebiete ab, teilweise 100 Kilometer und weiter. Diese Abwanderung erfolgte teilweise bereits sehr früh, schon im ersten Lebensjahr.
Beeinflusst die Bejagung die Rudelstruktur oder das Jagdverhalten?
Der Verlust von adulten Wölfen (Leitwölfen) kann zur Auflösung des Rudels führen. Rudel können ihr Territorium verlassen und eine frühe Abwanderung von Jungwölfen wurde bei einigen Rudeln beobachtet. Vermutlich kann der Verlust auch das Jagdverhalten beeinflussen. Wir verfügen jedoch nicht über Felddaten zur Zusammensetzung der Rudel und zur Auswahl der Beutetiere.
In mehreren Fällen enthielten die Mägen von Jungwölfen allerdings unverdauliche Gegenstände wie Papierabfälle, Plastik- und Ledertaschen, Holzspäne usw. Für mich deutet dies darauf hin, dass die Jungtiere nicht erfolgreich jagen konnten, wahrscheinlich weil sie ihre Eltern oder andere Rudelmitglieder verloren hatten.
Wolfsjagd in Lettland: Altwölfe und das Monitoring
Sind Altwölfe wirklich so schwer zu bejagen, wie immer wieder von manchen behauptet wird?
Das kann ich so nicht bestätigen. Obwohl etwa 50 Prozent der erlegten Wölfe Jungtiere sind, sind etwa 20–30 Prozent älter als drei Jahre. 10–15 Prozent sind sogar älter als vier Jahre. Gelegentlich werden auch acht bis elf Jahre alte Wölfe erlegt.
Welche Untersuchungen werden am erlegten Wolf durchgeführt und was lässt sich daraus über die Population erfahren?
Zunächst wird vom Jäger das ungefähre Alter des erlegten Wolfes geschätzt. Eine genaue Altersbestimmung erfolgt, wenn eine Zahnprobe zur Analyse vorliegt. Auch das Geschlecht wird vom Jäger bestimmt und bei Tieren, die den Wissenschaftlern zur Verfügung stehen, nochmals überprüft. In vielen Fällen wird das Gewicht bestimmt.
Mittels DNA-Analyse werden die genetische Struktur und Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Population untersucht. Ist der Magen gefüllt, wird der Inhalt ebenfalls untersucht. Die Untersuchungen liefern Informationen über die Geschlechts- und Altersstruktur der Population und ermöglichen die Durchführung einer „Virtual Population Analysis“ zur Schätzung der Mindestpopulationsgröße.
Die genetischen Parameter beschreiben die genetische Vielfalt und Stabilität der Population. Verwandtschaftsanalysen liefern Informationen über die soziale Struktur der Population. Die Fortpflanzungsfähigkeit gibt Hinweise auf die Erholungsfähigkeit der Population und ihre Reaktion auf den Jagddruck.












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