Obwohl ich das Glück habe, in guten Rehwildrevieren zur Jagd gehen zu dürfen, kenne ich sie – die Schneidertage während der Rehbrunft. Die Gründe können vielfältig sein. Einmal ist es der Familienurlaub, der die Bockjagd erschwert, das andere Mal der Vollmond oder die Hitzewelle, die einem einen Strich durch die Rechnung macht. Manchmal hat man aber auch einfach nur Pech.
Wenn die Brunft vorüber ist, muss es „Plan B“ richten. Denn auch ohne wildes Treiben, lässt sich im September/Oktober noch der eine oder andere Bock überlisten. Während die Jährlinge an den bekannten Orten zu finden sind, machen es dem Rehwildjäger die älteren Böcke etwas schwerer. Von der Brunft gezeichnet, suchen sie nun Ruhe und versuchen, in den Einständen ihre leeren Akkus aufzufüllen.
Bockjagd im Herbst: Wo die alten jetzt stehen
Im Wald ziehen sie sich dazu gern in abgelegene Ecken mit guter Äsung (Eicheln, Bucheckern, Brombeere etc.) zurück, um Feist für den kommenden Winter auf die Rippen zu bekommen. Ansitze auf den bekannten Reviereinrichtungen bringen Waidmannsheil, sofern sie in oder in der Nähe der Äsungsplätze liegen. Auch die Wechsel zu diesen sind immer einen Ansitz wert.
Eine sichere Bank sind immer die Wald-Feld-Kanten – vor allem, wenn auf dem Feld Raps aufgelaufen ist, die Maisstoppel oder Zuckerrüben stehen. Vorsicht: Rapsstoppeln können mitunter sehr hoch sein, sodass man beim Ansprechen und Schießen vorsichtig sein muss.
Mit der Pirsch zum späten Rehbock
Pirschgänge, bei denen der Jäger mehr steht als geht, können bei der Bockjagd im Herbst ebenfalls sehr erfolgreich sein. „Pirschen stehen“, nannte das einer meiner Jagdmentoren. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel Strecke zu machen – ganz im Gegenteil. Hier und da ein wenig verhoffen (10-30 Min.) und dann vorsichtig weiterpirschen bringt oft mehr als der „Dauerlauf“ durch die Einstände.
Dass man dabei mal ein Stück vertritt, kommt vor, ist aber kein Problem. Einfach zwei, drei Tage später noch mal einen Versuch starten. Rehwild ist bezüglich derartiger Störungen nicht ansatzweise so empfindlich wie Rotwild. Übertreiben sollte man es aber nicht!
Herbst-Bockjagd: Immer die Ruhe bewahren!
Sind Pilzsammler unterwegs, verlieren manche Waidmänner schnell die Nerven. Mir haben die Sammler mit dem Pilzkörbchen auf jeden Fall schon mehrfach Weidmannsheil beschert. Das Wild wird durch die „schnatternden“ Sammler in Bewegung gebracht und wechselt dabei relativ ruhig, immer wieder sichernd durch die Bestände.
An den bekannten Wechseln angesetzt, stellt sich schon bald Anblick ein. Es versteht sich bei diesem kleinen „Drückerchen“ von selbst, dass man nur schießen darf, wenn Sicherheit gegeben ist.
Übrigens: Pilzsammler gehen ihrem Hobby mit ähnlich großer Leidenschaft nach, wie wir Jäger es tun. Also immer höflich grüßen und einen schönen Tag wünschen. Dann gehen auch beide zufrieden nach Hause.
Auf den Äsungsflächen – viel Zeit, um sauber anzusprechen
Im Feldrevier ist es etwas leichter, nach der Rehbrunft einen Bock in Anblick zu bekommen. Wird der Mais geerntet, kommt immer Rehwild in Anblick. Die Herausforderung ist, dass es dann manchmal schnell gehen muss. Ansitzen, ansprechen, schießen … das ist nicht jedermanns Sache.
Haben die Erntefahrzeuge das Feld verlassen, hat man deutlich mehr Ruhe und auch Zeit, die Böcke genauer anzusprechen. Weil nach der Maisernte der Tisch wirklich reich gedeckt ist, muss man nicht lange aufs Wild warten.
Zuckerrüben, Mais und Raps als Rehwildmagneten
Beliebt sind auch Zuckerrübenäcker. Die bieten nicht nur Deckung, sondern auch energiereiche Äsung. Doch nicht nur auf den Feldern sind die Böcke zu finden. Es ist erstaunlich, in was für kleine Ecken sich Böcke nach der Brunft zurückziehen.
Einen uralten Gabler habe ich vor Jahren während der Mittagsrunde am Dorfrand gleich hinter einer Kleingartenanlage erlegt. Ihm reichte ein Unkrautfeld von wenigen Quadratmetern als Einstand.
Läuft vor dem Maisacker Raps, Luzerne oder Gründüngung auf, ist dieser Platz ein echter Rehwildmagnet. Neben den Morgen- und Abendstunden sind auch die Mittagsstunden erfolgversprechend.
Das Wärmebildgerät hilft bei Dunkelheit, störungsarm zum Sitz zu kommen. Beim Abendansitz musste ich schon viele Böcke ziehen lassen, weil sie so spät aus dem Mais wechselten, dass sie nicht mehr anzusprechen waren. Wer sich für den Abendansitz entscheidet, sollte so früh wie möglich den Hochstand beziehen.
Gelegenheiten auf weibliches Rehwild nutzen
Neben den genannten Flächen suchen Böcke gern Feldholzinseln und Sölle auf. Faustformel: Je kürzer der Weg vom Ruheplatz zur Äsung, desto besser. Wo erlaubt, kann auch die Kirrung Anblick und Waidmannsheil bringen.
Neben Mais und Getreide locken auch Äpfel zuverlässig Rehwild an. An alten Obstbaumalleen ist ebenfalls immer mit Rehwild zu rechnen. Auch Salzlecken gewinnen vor dem Haarwechsel wieder an Attraktivität. Lockstoffe können dafür sorgen, dass die Sulze noch besser bzw. schneller angenommen wird. Das gilt vor allem für Salzlecken, die relativ neu sind.
Flexibel reagieren bei der Bockjagd im Herbst
Befindet sich kein Hochsitz in der Nähe, lohnt es sich, eine Leiter oder einen Drückjagdbock aufzustellen. In kupiertem Gelände reichen oft ein Dreiecksschirm oder ein Sitzrucksack, manchmal sogar nur Tarnbekleidung und Dreibein.
Ich sitze bevorzugt in der ersten Maisreihe, wenn es die örtlichen Gegebenheiten (Weg zum Sitz, Kugelfang etc.) zulassen. Kommt weiter entfernt Wild in Anblick, kann es angepirscht werden. Eile ist dabei nicht geboten. Wenn das Rehwild einmal damit begonnen hat zu äsen, bleibt es lange auf der Fläche.
Bei der Bocknachlese habe ich immer meinen Rottumtaler Blatter dabei. Der hilft mir nicht nur, Böcke zum Verhoffen zu bringen, sondern hat mir auch schon mehrfach zu Rehwild-Dubletten oder gar Tripletten (Kitz, Kitz, Ricke) verholfen.
Es versteht sich dabei von selbst, dass immer zuerst die Kitze erlegt werden und erst dann die Ricke. Auch wenn immer wieder etwas anderes behauptet wird, aber auch Rehkitze bedürfen der Führung durch die Ricke.
Jagddruck bei der Herbst-Bockjagd vermeiden
Dubletten gelingen umso besser, je kürzer die Todesflucht des Kitzes ist. Denn nach dem Schuss verhofft die Ricke nach wenigen Fluchten, um nach dem Kitz zu sehen. Zu Beginn der Jagdzeit kommt sie oft auch zum erlegten Kitz zurück oder umschlagen es, weil die Bindung noch so hoch ist. Der Kitzfiep hilft dabei, das Stück vor den Sitz zu locken.
Im Idealfall bekommt man Kitz(e) und Ricke. Erlegt man immer nur die Kitze, sorgt das dafür, dass die älteren Ricken immer scheuer, fast schon „unsichtbar“ werden und die Jagd auf weibliches Rehwild erschweren. Biologen haben herausgefunden, dass Ricken nach dem Abschuss ihrer Kitze diese Stelle für Wochen oder gar Monate meiden!
Ein besonderes Erlebnis hatte ich vor Jahren Ende September in einer großen Brache. Eigentlich auf weibliches Rehwild ansitzend, wurde ich Zeuge, wie ein starker Sechser vor dem Sitz mehrfach eine Ricke beschlug. Von der Nachbrunft bei Rehwild hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur gehört.
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