Die Nachsuche in der Hochphase der Blattzeit hat es in sich. Nachsuchenführerin Teresa Michalewski von der Schweißhundstation Schaalsee e.V. weiß, warum.
Wenn Mitte Juli die Rehbrunft einsetzt, beginnt für viele Jäger eine intensive Phase. Die Jagd auf Rehwild erzeugt Spannung: Der Blatter tönt durchs Revier, irgendwo im Bestand bricht es, und plötzlich steht der gesuchte Bock da – aufmerksam, hoch konzentriert auf die vermeintliche Ricke. Böcke erscheinen plötzlich auf Freiflächen, ziehen überraschend ein oder kommen mit hoher Dynamik auf den Blatter. Für den Jäger bedeutet das: wenig Zeit, wechselnde Schusswinkel und Entscheidungen unter erhöhtem Druck.
Doch dort, wo Jagd besonders emotional wird, steigt auch das Risiko für Fehleinschätzungen. Gerade in der Blattzeit entstehen Situationen, in denen kleine Fehler große Folgen haben können – und in denen eine saubere Nachsuche über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Hohe Temperaturen, kleiner Fährtenabdruck und die vielen Widergänge machen die Arbeit so schwierig. © Teresa Michalewski
Böcke voller Adrenalin: Warum die Nachsuche auf Rehwild unterschätzt wird
Hat ein Treffer nicht die gewünschte Wirkung erzielt, ist höchste Disziplin des Schützen gefordert. Denn die Nachsuche auf Rehwild wird regelmäßig unterschätzt – dabei gehören diese Einsätze zu den anspruchsvollsten Arbeiten für Schweißhunde. In der Blattzeit steht das Rehwild unter hormonellem Einfluss, reagiert impulsiver, zieht weitere Strecken und konzentriert sich stark auf Reize aus seiner Umgebung.
Die Kombination aus erhöhter Aktivität des Wildes, hochstehender Vegetation, teilweise rasanten Kalibern und dem vergleichsweise geringen Körpervolumen des Rehwildes verlangt Umsicht – vor und besonders nach dem Schuss.
Nach dem Schuss: die wichtigsten Schritte
- Anschuss sofort markieren und nicht verlassen, bevor alles notiert ist.
- Ruhe bewahren! Kein voreiliges Nachgehen, auch wenn der Treffer sicher scheint.
- Mindestens 30 Minuten Wartezeit einhalten, bei Verdacht auf Waidwundschuss länger.
- Pirschzeichen sorgfältig sichern: Schweiß, Haar, Knochen, Panseninhalt.
- Fluchtrichtung notieren und Strecke gedanklich rekonstruieren.
- Bei unsicherer Lage frühzeitig professionelle Nachsuchenstation kontaktieren.
- „Wer ein Stück aufmüdet, verlängert die Fluchtdistanz“
- Eigenschaften moderner Jagdkaliber machen Nachsuchen auf Rehwild besonders komplex. Selbst gut getroffene Stücke können noch erstaunlich weit gehen – die „Todesflucht von wenigen Metern“ ist keine Garantie. Gerade während der Rehbrunft führt der hohe Adrenalinspiegel der Böcke dazu, dass die Stücke erhebliche Kraftreserven mobilisieren können.
Die größten Schwierigkeiten bei einer Nachsuche werden jedoch, wie so oft, von Menschen selbst verursacht. Rehwild wirkt klein und verletzlich, deshalb entsteht schnell der Wunsch, sofort nachzugehen. Genau das ist der Fehler: Auch ein sauber getroffener Bock kann noch ausreichend Kraft besitzen, um bei frühem Druck weiter zu flüchten. Wichtig ist also, die Stücke in Ruhe krank werden zu lassen. Wer zu schnell hinterhergeht, läuft Gefahr, das Wild aus dem Wundbett aufzumüden und eine ursprünglich chancenreiche Nachsuche zum Scheitern zu bringen.
Besonders im Einsatzgebiet der Schweißhundstation Schaalsee erschweren zusätzlich Straßen die Nachsuchenarbeit erheblich: Wer ein Stück aufmüdet, verlängert die Fluchtdistanz – und damit auch das Risiko, dass irgendwann eine Straße überquert wird. Je länger die Hetze, desto höher das Risiko für Hund und Wild.
Rasante Kaliber als Ursache für unsichtbare Anschüsse
Ein weiteres Thema, das in der Praxis immer wieder auffällt, ist die Wirkung sehr schneller Laborierungen auf Rehwild. Moderne Jagdmunition liefert hohe Geschwindigkeiten und oft beeindruckende Augenblickswirkung. Beim kleinen Wildkörper des Rehwildes entstehen daraus jedoch Besonderheiten, die gerade für die Nachsuche relevant sind: Rehwild verfügt über eine geringe Körpermasse und geringe Schweißmengen. Hohe Geschossgeschwindigkeiten führen häufig zu starker Energieabgabe im Wildkörper – in der Regel mit ausgeprägter Gewebezerstörung.
Was zunächst nach optimaler Wirkung klingt, kann die Beurteilung nach dem Schuss erheblich erschweren. Immer wieder finden sich Anschüsse mit wenig oder nahezu keinen sichtbaren Pirschzeichen – trotz tödlichem Treffer. Schweiß verbleibt im Körper, Wundkanäle verschließen sich zeitweise, Ausschüsse liefern keine saubere Schweißabgabe.
Kein Anschuss gefunden? Das steckt oft dahinter
- Rehwild hat geringe Körpermasse und produziert wenig Schweiß. Oft fehlen die Pirschzeichen.
- Hohe Geschossgeschwindigkeiten führen zu starker Energieabgabe und Gewebezerstörung.
- Fehlende oder schwache Pirschzeichen am Anschuss bedeuten nicht automatisch einen Fehlschuss.
- Wundkanäle können sich zeitweise verschließen – Schweiß verbleibt im Körper.
- Ausschüsse bei schnellen Kalibern liefern oft keine saubere Schweißspur.
- Erfahrung und Geduld entscheiden mehr als Kaliber und Munitionswahl.
Praxisbeispiel: „Dicke Pille, nichts zu sehen“
Erst vor Kurzem kam es wieder zu genau so einer Situation. Ein Bock hatte, nachdem er mit einer .300 Win. Mag. beschossen worden war, deutlich gezeichnet. In der hohen Vegetation verschwand das Stück anschließend sofort aus dem Blickfeld des Schützen – keine Angaben über Art oder Richtung der Flucht, kein hörbares Zusammenbrechen in der dichten Vegetation.
Die erfahrene Hannoversche Schweißhündin zeigte am Anschuss keinerlei Interesse, keine Pirschzeichen waren zu finden. Hatte der Schütze den Bock doch gefehlt? Trotz der stark steigenden Temperaturen entschloss sich die Führerin, die Hündin in großen Bögen vorsuchen zu lassen – und tatsächlich, gut 300 Meter vom Anschuss entfernt, nahm sie eine Fährte an. Nach weiteren 200 Metern die Bestätigung: der erste Tropfen Schweiß, stecknadelkopfgroß. Konzentriert, mit tiefer Nase, arbeitete sie sich Schritt für Schritt voran. Böcke flüchten in der Blattzeit nicht geradlinig – Schleifen, Richtungswechsel und das Annehmen des eigenen Rückwechsels sind keine Seltenheit. Nach weiteren 400 Metern lag der Bock verendet im Unterholz.
Diese Suche zeigt einmal mehr, dass jeder abgegebene Schuss gründlich kontrolliert werden muss.
Fazit: Blattzeit verlangt besondere Disziplin bei der Nachsuche
Die Blattzeit fasziniert – daran besteht kein Zweifel. Aber sie fordert auch besondere Disziplin. Nicht jede Gelegenheit muss genutzt werden, nicht jeder ziehende Bock ermöglicht einen waidgerechten Schuss, und nicht jede freie Lücke im hohen Bewuchs ist tatsächlich frei. Die Blattzeit schenkt besondere Jagdmomente. Aber sie erinnert auch daran, dass zwischen Schuss und Jagderfolg oft mehr liegt als ein paar Meter – und dass Rehwild Respekt, Geduld und eine saubere Nachsuche verdient.
Unterschätzt! Fakten zur Nachsuche in der Blattzeit
- Böcke stehen unter starkem Hormonstress. Ihre Fluchtbereitschaft ist deutlich erhöht.
- Fluchtstrecken sind selten geradlinig: Schleifen und Rückwechsel sind typisch.
- Dichte Sommerwildkraut-Vegetation erschwert Sichtung und Spurarbeit erheblich.
- Hohe Temperaturen beschleunigen den Verderb und verursachen Zeitdruck bei der Nachsuche.
- Geringe Bodenverwundung erfordert eine ausgedehnte Vorsuche in Bögen.
- Frühe Alarmierung des Schweißhundführers erhöht die Erfolgsaussichten.











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