Kommentar zur SWR – Sendung: Dicht daneben ist auch vorbei

SWR Jagd Fernsehen Asche Florian

©Screenshot SWR

Ein kritischer Kommentar zur SWR Sendung „Durchgeknallt! Was bei der Jagd falsch läuft“ von Dr. Florian Asche

Es wird so viel Unsinn über Jagd und Jäger veröffentlicht, dass man sich herzlich freut, wenn ein echter jagdlicher Fachjournalist sich dem Thema widmet. In diesem Fall handelt es sich sogar um einen besonders beliebten Autor beim Flaggschiff der Jagdpresse, der alten Tante „WILD und HUND“. Und so sitze ich mit einiger Vorfreude am Mittwochabend vor dem Fernseher, schalte den SWR ein und warte auf den Beitrag von Lutz G. Wetzel „Durchgeknallt! Was bei der Jagd falsch läuft“.

Dr. Florian Asche

Dr. Florian Asche

Dabei hätte mich bereits der verunglückte Titel darauf vorbereiten können, was mir bevorstand. Wetzel hat nämlich den sorgfältigen Rechercheur auf seine alten Tage an der Garderobe abgegeben. Stattdessen fährt er in seiner Doku durch die Lande, immer auf der Pirsch nach „Skandaljägern“, jedoch auch mit einem offenen Auge für wackere, ehrliche Handwerker der jagdlichen Ethik oderkritisch gegenüber den Gralshütern der Tierrechtsbewegung, den Agitatoren von PETA. Heraus kommt ein seltsames Gemisch von Feindbildern, Verzerrungen und herrlich einfachen Vorurteilen. Seine Opfer sind dabei gutwillige Trottel wie zum Beispiel ich selbst, der glaubte, gegenüber einem erfahrenen Jagdjournalisten auf eine objektive Berichterstattung zählen zu können. Nun, ich wurde eines Besseren belehrt und kann mich zumindest damit trösten, nicht allein auf den Waidgenossen hereingefallen zu sein.

Beginnen wir aber mit einem anderen Leidensgenossen. Beginnen wir mit Wolfgang Grupp.

Nachdem der Trigemafürst seinen unsäglichen Affen als Werbeträger abgeschafft hat, war ich schon guter Hoffnung, dass auch er selbst seine Fernsehpräsenz ein wenig einschränken würde. Schließlich ist der König von Burladingen schon landauf landab in den Medien so präsent, dass ein gewisser Effekt der Langeweile eintritt, wenn es sich zur Erbschaftsteuer oder zur Wildbewirtschaftung äußert. Doch wer in der schwäbischen Provinz leben muss, der braucht anscheinend dann und wann ein wenig Auslauf, ein wenig Duft der großen, weiten Welt. Und so zeigt Wetzel sein argloses Medienopfer in jeder Pose, die geeignet ist, Sozialneid zu schüren: Grupp wie er mit dem Hubschrauber im Allgäu einschwebt, Grupp wie er mit dem Berufsjäger durch den Wald schreitet, wie er das Rotwild im Freigebiet füttert oder Grupp, wie er über die eigene, einhundertprozentige Treffsicherheit schwadroniert.

Wetzel greift die kleinen egomanen Skurrilitäten seines Gesprächspartners begierig auf. Allerdings fragt man sich, was der große „Jagd-Skandal“ hinter seiner Geschichte sein soll. Schließlich ist die rechtswidrige Wildfütterung eine Ordnungswidrigkeit und kein Verbrechen. Wenn Herr Grupp Rotwild in einem rotwildfreien Gebiet hegt, dann ist es außerdem Sache der bayerischen Staatsbehörden, den damit verbundenen Vollzugsstau zu beheben. Anstatt hier einen „Skandal“ zu wittern, wäre es durchaus wert gewesen, sich mit der ganzen Fragwürdigkeit der Rotwildfreigebiete in Bayern zu beschäftigen. Schließlich fordern sowohl NABU als auch die Deutsche Wildtier Stiftung dringend die Abschaffung dieser Total-Abschusszonen und verweisen mit Recht auf die Problematik der Verinselung von Rotwildvorkommen. Wetzel hätte auch über die Äsungsnot des Rotwildes im Gebirge sprechen können. Schließlich haben wir Menschen dieser Art die natürlichen Äsungsressourcen der Täler genommen und müssen uns deshalb mit Fütterung gegen Waldwildschäden behelfen. Doch es ist offensichtlich nicht die Sache des Autors, sich mit derartigen Fachfragen auseinanderzusetzen. Feindbilder machen unsere Arbeit immer so herrlich einfach und niemand taugt besser dazu, als ein tüchtiger Unternehmer, dessen Selbstbewusstsein einfach etwas groß geraten ist.

Interview mit Peta Pressesprecher ©Screenshot SWR

Interview mit Peta Pressesprecher ©Screenshot SWR

Der jagende Zuschauer kann kurz aufatmen, wenn Wetzel mit PETA ins Gespräch kommt. Die Tierrechtsorganisation ist allerdings auch immer eine sichere Bank, wenn es um unsinnige statements ohne Fachkenntnis geht. Wer Kuhglocken aus tierischen Lärmschutzgründen ablehnt oder Fischen (Allgäu) in Wandern umbenennen möchte, der sucht erst Recht nach einer Möglichkeit, auch die Jagd abzuschaffen. Regelmäßig wird dann die Mottenkiste des „jagdfreien“ Kantons Genf aufgemacht, in dem sich die Wildbestände angeblich selbst regulieren. Auch der völlig kenntnisfreie Pressesprecher betet dieses Mantra her. Dabei wird in Genf seit Jahren weitergejagt wird, nur auf öffentliche Kosten. Doch ganz ehrlich, es ist doch keine Kunst, fehlendes Wissen bei PETA zu dokumentieren Das ist Pflicht und keine Kür.

Deshalb hat Wetzel nicht nur abschreckende Beispiele ausgegraben. Herzerwärmend ist seine Geschichte von Hubertus Kapp, dem wackeren Nachsuchen-Experten aus dem Schwarzwald. Bescheiden trabt der Nachsuchenführer durch den Wald und nimmt es sogar mit einem angreifenden Frischling auf. Mit diesem Gesprächspartner konnte der Autor wenig falsch machen, denn zu sympathisch kommt ein Handwerker daher, bei dem sich badische Mundart, Ohrring und Fachwissen verbinden. Allerdings wäre es durchaus interessant gewesen, mit Kapp nicht nur zum Thema der „professionellen Jagd“ zu sprechen, sondern auch über seine Leidenschaft und Passion. Wir jagen schließlich primär aus Freude und nicht zur Eindämmung von Seuchen. Doch wer will das schon hören? Hauptsache, die Gesichter der Jäger sind auf den Jagden bedeutungsschwer und ernst. Passion verboten.

Da schwenkt die Kamera doch lieber nach Lüdersburg, um einen NABU-Funktionär bei „seinen Ermittlungen“ gegen einen blaublütigen Jagdgatterbetreiber zu begleiten. Hier hat Wetzel sein perfektes Feindbild gefunden. Er zeigt angeblich tot aufgefundene Greifvögel, verschlammte Teiche und „halbzahmes“ Gatterwild. In Lüdersburg, so die Botschaft, werde einfach nur „Kill for Cash“ angeboten. Angewidert schlendert der Vizepräsident der Landesjägerschaft neben Wetzel über seinen Hof und erklärt aus tiefster Seele das so etwas für ihn keine Jagd sei. NABU und Landesjägerschaft ziehen endlich an einem Strang: Gemeinsam gegen die schwarzen Schafe.

Mit keinem Wort geht Wetzel darauf ein, dass in Lüdersburg nicht der NABU, sondern erst der jagdorientierte Eigentümer aus einer landwirtschaftlichen Produktionssteppe eine Teichlandschaft mit 43 Gewässern geschaffen hat, die einen bis dahin nie gekannten Artenreichtum beheimatet. Von über 800 Arten auf den Teichen von Lüdersburg nutzt der Eigentümer nur eine einzige. Doch wen interessiert’s?

Keinen Satz ist es Wetzel wert, dass Jagdgatter in Niedersachsen von Gesetzes wegen Bestandsschutz genießen. Er erwähnt auch nicht, dass selbst die rot-grüne Landesregierung im Jagdgehege Springe „Kill for Cash“ anbietet, in einem Jagdgatter, in dem schon Generationen der jetzt so politisch korrekten Verbandsfunktionäre zur Jagd gingen. Jede Jagdverpachtung, lieber Lutz Wetzel, ist „Kill for Cash“.

Er findet es auch nicht wichtig, dass in Deutschland über 100.000 Stück Wild in landwirtschaftlichen Produktionsgattern gehalten und geschossen werden. Diesen Tieren geht es am Ende des Tages ebenso wie dem Wild in Lüdersburg. Sie landen als Bio-Braten auf den Tellern der Gastronomie und die Gäste freuen sich. Endlich keine Massentierhaltung!

Mit keinem Wort erwähnt Wetzel, dass der Landkreis Lüneburg auf eigene Kosten ein wildbiologisches Gutachten über das Jagdgatter in Auftrag gegeben hat, dessen Feststellungen eindeutig sind: Ausgezeichnete Konstitution des Wildes, reiches Biotop, keine Überpopulation. Einhundert Sauen auf dreihundert Fußballfelder sind tatsächlich kein Problem.

All das interessiert Wetzel nicht und – noch schlimmer – er meint, es solle auch den Fernsehzuschauer nicht interessieren. Das ist schlechter Journalismus.

Mit diesem Stil zeigt er lieber meine Studentenschmisse und verweist reißerisch auf mein Buch „Jagen, Sex und Tiere essen“ (Danke für die Werbung!). Genüsslich tischt er meine Formulierung vom Gatter als Jagdbordell auf, anstatt mich zu fragen, warum ich mit meiner Einstellung eine solche Einrichtung anwaltlich vertrete. Schade! Meine Antwort wäre sehr einfach gewesen:

Auch Bordelle, seien sie erotische oder jagdliche, sind Ausdruck unserer Geschichte und Kultur. Sie sind Ausdruck menschlicher Freiheit. Und die Freiheit sollte uns mehr wert sein, als die aufgepfropfte Moral der Medien. Wo heute Jagdgatter verboten werden sollen, ohne auf Freiheit und Eigentum Rücksicht zu nehmen, da wird es morgen die private Jagd als solche, das Angeln oder der Zoo.

Ich jedenfalls werde auch für eine Einrichtung weiterkämpfen, die ich selbst in Teilen kritisch sehe. Denn die Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden, sagt Rosa Luxemburg. Wetzel hat das offenbar vergessen.

Sehen Sie hier die ganze Dokumentation. (©SWR)