Drückjagdstände verlosen?

Guter Stand, schlechter Schütze? Es gibt Für und Wider. ©Gothaer

Guter Stand, schlechter Schütze? Es gibt Für und Wider. ©Gothaer

JÄGER-Diskussion 

Ein Thema – zwei Expertenmeinungen

Drückjagdstände verlosen?

Zwei Experten gehen der Frage nach, ob man die besten Schützen auf die besten Stände stellen sollte oder aber das Los über die Standvergabe entscheiden lassen sollte. Und antworten unterschiedlich.

Gabriel Bussche ©Jägermagazin

Gabriel Bussche ©Jägermagazin

Jedes Jahr gibt man sich als Organisator einer Drückjagd der gleichen Illusion hin. Wir wissen, wo das Wild zieht, und wir wissen, wer der jeweilige Schütze ist, der dem vermeintlichen Anlauf am besten gewachsen ist. Man setzt sich mit seinen Mitorganisatoren zusammen, und los geht die jagdliche Wahrsagerei mit den obligatorischen Floskeln: „Auf dem Stand kam letztes Jahr die Rotte“, „Das ist der Stand des Jagdkönigs von vor drei Jahren“, „Hier muss ein erfahrener Schütze hin“, „Der Urs muss auf jeden Fall auf die 8“. Alles Quatsch und vergebene Mühe. Wer glaubt, den Jagdverlauf und die Fähigkeiten der Schützen am Reißbrett abwägen zu können, und denkt, im Voraus der Jagd den entscheidenden Faktor zu geben, irrt und verkennt zudem die vielen Unwägbarkeiten eines Jagdtags. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es sinnvoll sein kann, Stände und Schützen aufeinander abzustimmen. Zum Beispiel ist es wohl kaum sinnvoll, einem Jungjäger einen Stand zuzuteilen, der nur das Sichtfeld einer kleinen Schneise bietet. Genauso mag es als vergebene Chance gelten, einen bekannten Scharfschützen auf eine Kanzel am Fernwechsel abzustellen, wo er doch am Rande einer Dickung effektiver dem Jagdverlauf dienen kann. Allerdings sollte man nicht glauben, dass man die Erfolgsaussichten eines jeden Stands voraussagen kann. Ich kann es aus eigener Erfahrung sagen: Vor jeder Jagd habe ich Stunden damit verbracht, den Gästen den vermeintlich besten und idealen Stand zuzuweisen, nur um am Ende wieder einsehen zu müssen: Es kommt bei der Jagd eh anders, als man denkt. Der „beste“ eingeladene Jäger beichtet im Nachgang, im entscheidenden Moment seiner Liebsten eine SMS geschrieben zu haben. Die übelste Graupe vom Fernwechsel, der man nicht viel zutraute, erlebt plötzlich seinen ganz großen Tag und strahlt einem als Jagdkönig entgegen.

Max Meyr-Melnhof ©Jägermagazin

Max Meyr-Melnhof ©Jägermagazin

Wir haben in unseren Revieren jedes Jahr die ein oder andere Verkaufsjagd. Dabei erwerben Teilnehmer einen Anspruch auf Gleichbehandlung, denn sobald etwas Geld kostet, wird dafür eine Leistung erwartet. Da die Gäste alle den gleichen Betrag zahlen, haben sie auch alle den gleichen Anspruch. Bei jeglicher Verkaufsjagd muss also gezogen werden, alles andere wäre unfair und kann zu empfindlichen Streitigkeiten führen im Nachgang einer solchen Gesellschaftsjagd. Wer selbst Drückjagden verkauft, wird mir beipflichten. Wenn wir in unseren Revieren aber Reduktionsjagden durchführen und darauf angewiesen sind, nur einmal pro Saison zu jagen, um möglichst wenig Stress und möglichst hohe Strecken zu erzielen, so setze ich die besten Schützen auf die besten Stände. Dies kann ich aber nur machen, wenn ich das Revier wirklich gut kenne. Zudem muss bei einer Einladung der Wunsch des Jagdherrn berücksichtigt werden. Dieser hat eine mühevolle Vorbereitung, hat hohe Kosten, zahlreiche Faktoren zu bedenken und er allein ist für die Auswahl der Gäste zuständig. Somit obliegt ihm auch die Standvergabe. Dabei ist häufig nicht böser Wille sein Kernkriterium, sondern Jagdethik und Effizienz. Unerfahrene Jäger haben in der Regel Stände, die nicht ganz so hohe An- sprüche an ihr Schieß- und Ansprechvermögen stellen, während Experten gerne in Stangenhölzer oder gar auf Schneisenkreuze gesetzt werden. Dies trägt den Fertigkeiten der Einzelnen Rechnung und vermeidet Nachsuchen sowie ausbleiben- den Jagderfolg. Ich gebe aber zu bedenken: Bei der Drückjagd ist vieles nicht planbar, und somit kommt es immer wieder vor, dass die Sauen und das Rotwild an Stellen und bei Leuten ausfahren, mit denen keiner gerechnet hatte. Insofern gilt: Auch junge oder unerfahrene Teilnehmer haben Grund zur Hoffnung und zur konstanten Aufmerksamkeit.