Das Wildschwein (Schwarzwild) gilt als das gefährlichste heimische Wild in Deutschland. Doch warum, wann und wo kommt es am häufigsten zu Verletzungen durch Wildschweine? Die Ärzte und Wissenschaftler Markus Maier und Christoph Schmitz von der Universität München wollten es in ihrer Studie ganz genau wissen.
Für die detaillierte Analyse wurden bundesweit 101 Jägerinnen und Jäger befragt, die mindestens eine Verletzung durch Schwarzwild erlitten hatten. Im Rahmen ihrer Untersuchungen fanden die Mediziner heraus, dass die meisten schweren Verletzungen durch Wildschweine während der Nachsuche entstanden.
Wer wird am häufigsten von Wildschweinen geschlagen?
18 von 23 geschlossenen Verletzungen entstanden auf der Nachsuche, 42 von 46 ambulant behandelten offenen Verletzungen ebenfalls. Bei den stationär behandelten offenen Verletzungen waren es 24 von 32, die bei der Nachsuche durch Schwarzwild verursacht wurden. Dabei war die Erfahrung der Betroffenen oder das Alter kein ausschlaggebender Faktor für besondere Verletzungshäufigkeit oder Schwere. Die jagdliche Erfahrung der Befragten reichte von 3–4 bis hin zu 57 Jahren. Vielmehr sind die räumliche Nähe, die eingeschränkte Sicht und die Stresslage ursächlich für die häufigen Verletzungen auf der Nachsuche.
- Häufig erwischt es erfahrene Jäger (ca. 50 Jahre), oft mit jahrzehntelanger Praxis.
- Sehr oft waren es Hundeführer und Nachsuchenführer.
- Schwerpunkt: eindeutig bei der Schwarzwild-Nachsuche.
- Meist bei Tageslicht; Häufungen in besonders jagdintensiven Monaten.
- Überwiegend Wildschwein-Keiler, aber auch Bachen/Überläufer – nicht nur „Riesenstücke“.
- Wildschweinangriffe ereignen sich überwiegend am Tag.
Welche Verletzungen durch Wildschweine sind am häufigsten?
Jede durch Schwarzwild verursachte Verletzung wurde anatomisch und klinisch präzise klassifiziert. Erfasst wurden Verletzungstyp, Begleitstrukturen, Behandlungsverlauf, Komplikationen, Arbeitsausfall und langfristige funktionelle Einschränkungen. Dass sich Unfälle in der Gruppe der Hunde- und vor allem Nachsuchenführer besonders häufen, verweist weniger auf fehlende Kompetenz als auf erhöhte Exposition: Wer viele Nachsuchen absolviert, bewegt sich häufiger im unmittelbaren Wirkbereich angeschweißter, aggressiver Wildschweine und damit in hochriskanten Situationen.
Bemerkenswert ist auch, dass die meisten Verletzungen durch Schwarzwild am Tag auftreten. Dunkelheit ist somit nicht der zentrale Risikofaktor. Ausschlaggebend sind vielmehr eingeschränkte Sichtachsen im dichten Bestand, kurze Distanzen und das Verhalten verletzter Wildschweine, die häufig unvorhersehbar drehen oder annehmen – sowie vor allem die hohe Zahl der Gefahrensituationen, denen sich die verletzten Nachsuchenführer aussetzen.
Unterer Beinbereich am stärksten gefährdet bei Wildschweinangriffen
Bei allen drei Schweregraden der Verletzung kommen Verletzungen im Beinbereich am häufigsten vor. Bei den geschlossenen Verletzungen durch Schwarzwild waren es 16 im unteren Beinbereich; lediglich in drei Fällen wurde auch der obere Beinbereich verletzt. Bei zwei geschlossenen Verletzungen war der Thorax betroffen.
Bei den offen ambulanten Verletzungen entfielen 32 auf den unteren Beinbereich, vier auf die Arme und sieben auf den oberen Beinbereich. Zwei Schwarzwildverletzungen traten im Bereich des Beckens auf, eine sogar im Gesicht. 21 der stationären Wunden entfielen auf den Beinbereich, sieben auf die Arme, drei ausschließlich auf den Armbereich und eine auf den Thorax. Absoluter Hotspot bei Wildschweinangriffen sind die Unterschenkel und der Kniebereich, gefolgt von Oberschenkel- und Knöchelverletzungen.
Bei den Armverletzungen dominieren Hand, Unterarm, Ellbogen, Oberarm und Schulter. Becken- und Gesichtsverletzungen waren deutlich seltener.
Bei den geschlossenen Verletzungen traten überwiegend Weichteilverletzungen an Gewebe, Muskeln oder Sehnen auf; allerdings waren auch zwei Brüche dabei. Bei den offenen Verletzungen gab es immer Weichteilverletzungen. Während bei den ambulant behandelten Wunden nur ein Bruch vorkam, traten bei den stationär behandelten Verletzungen durch Wildschweine mehrere Brüche sowie vaskuläre und Nervenverletzungen auf.
Viel Schwarzwildkontakt – viele Verletzungen
Alle Teilnehmer gaben an, jährlich mehr als fünf Schwarzwildkontakte zu haben. Die hohe Zahl der Schweißhundeführer zog sich durch alle Verletzungsarten wie ein roter Faden. Die Befragten jagen in ganz Deutschland: Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen. Dabei fällt auf, dass zwischen 13 und 16 der Verletzten aus jeder Gruppe bestätigte Nachsuchenführer sind und auch die übrigen Verletzten pro Jahr meist eine hohe zwei- bis dreistellige Zahl an Wildschwein-Nachsuchen arbeiten.
Bei den geschlossenen Verletzungen trugen 56,5 % der Verletzten eine Sauenschutzhose, 26,1 % trugen zusätzlich eine Schutzjacke. Immerhin 17,4 % trugen keinerlei Schutz gegen Schwarzwildangriffe.
Bei den ambulant behandelten offenen Verletzungen trugen 58,7 % Sauenschutzhosen, 21,7 % auch die passende Jacke. 19,6 % der Befragten trugen weder Sauenschutzhose noch Jacke.
Bei den stationär behandelten offenen Verletzungen trugen 65,6 % eine Sauenschutzhose, 3,1 % auch eine zusätzliche Schutzjacke. 31,3 % trugen weder noch. Fast alle Befragten führten zum Zeitpunkt des Wildschweinangriffs eine Waffe – die meisten eine Büchse, einzelne auch eine Kurzwaffe. Alle Teilnehmer trugen zudem eine kalte Waffe bei sich.
Sind Keiler aggressiver als Bachen?
Die annehmenden Wildschweine waren keineswegs nur schwere Keiler oder Bachen; die Überläuferklasse und mittelalte Stücke dominierten. Entscheidend war die situative Dynamik im Einstand: Ein verletztes Wildschwein, das sich bedrängt fühlt, kann unabhängig von Gewicht und Alter erhebliche Verletzungen verursachen – Stichwort: „Hosenflicker“!
Die meisten Verletzungen riefen dennoch Keiler hervor. Die Gewichtsspanne der Wildschweine, die die meisten Verletzungen verursachten, liegt zwischen 72 und 85,3 kg. Die kleinsten Stücke wogen 25 bis 40 kg, die schwersten zwischen 135 und 155 kg.
Das Thema Erste Hilfe spielt bei Wildschweinverletzungen immer eine zentrale Rolle. Obwohl fast alle Befragten über Grundkenntnisse verfügen, zeigten die Interviews, dass diese Kenntnisse unter realen Einsatzbedingungen oftmals nicht ausreichend abrufbar waren.
Zudem fällt auf, dass bei einer großen Zahl der Schwarzwildangriffe keine Schutzkleidung getragen wurde – und trotz Schutzkleidung immer ein Restrisiko für Verletzungen besteht, sei es weil diese unzureichend war oder die Sauenschutzhose im entscheidenden Moment nach oben rutschte. Tipp: Die Sauenschutzhose am Schuh richtig zu fixieren ist entscheidend für guten Halt. Auch Gamaschen können hier stabilisierend wirken. Im Zweifel entscheidet der richtige Schutz darüber, ob der Kontakt mit dem Wildschwein glimpflich ausgeht oder nicht.





