Treffersitz und Schusshärte beim Wild

Titel

© P.v. Hardenberg

Der Schuss bricht, der Treffersitz passt, das Stück schlägelt und der Jäger stößt erleichtert den Atem aus. So soll es sein, aber oft genug rettet sich das beschossene Wild in die nächste Dickung – trotz eines angeblichen Kammerschusses.

Gibt es bei unserem Schalenwild tatsächlich unterschiedliche Schusshärten? Was für eine Rolle spielt der Treffersitz? Amtstierarzt a.D. Dr. Rudolf Winkelmayer  hat sich einmal Gedanken gemacht.

Treffersitz – das sind wir dem Wild schuldig

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© P. v. Hardenberg. Eine dicke Bache. Die meisten Jäger gehen von einer gewissen Schusshärte aus. Aber stimmt das?

Gute, waidgerechte Jagd ist ein hochqualifiziertes Handwerk, das ständiges Üben und großes Geschick erfordert  -insbesondere wenn es um den Schuss auf Wild geht. Die Grundforderung ist klar: Die Kugel darf nur aus dem Lauf, wenn der Schütze absolut sicher ist, das „Vitalzentrum“, also Kammer oder Träger (Haupt) des Stücks, exakt zu treffen. Nur so ist ein tierschutzgerechter, schmerzfreier Tod und gleichzeitig ein wildbrethygienisch einwandfreies Versorgen der Beute möglich.

Das unter Praxisbedingungen verschiedene Faktoren, wie zum Beispiel abrupte Bewegungen des Wildes oder Seitenwindabdrift des Projektils, den tatsächlichen Treffersitz vom Zielpunkt mehr oder weniger abweichen lassen, ist nicht völlig auszuschließen. Die früher oft salopp formulierte Einstellung „nicht geschossen ist auch gefehlt“ wird jedoch heutzutage zur Selbstanklage.

Gute waidgerechte Jagd ist aber auch eine Erfahrungswissenschaft – und viele erfahrene Jäger wissen, von unterschiedlichen Reaktionen des Wildes auf gut platzierte Schüsse zu berichten.  Um Treffersitz und Schusshärte bewerten zu können, sind zumindest die Grundfragen über Blattschuss und Hochrasanzmunition  zu beantworten.

Der Zusammenhang zwischen Blattschuss und Treffersitz

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© Tommi Atwell. Oft brechen wir Stücke im Liegen auf. Das verfälscht allerdings die Lage der Organe.

Wie immer diese Definition gesehen werden mag, das wesentliche daran ist, dass unter „Blatt“ zweifelsfrei eine Region des Rumpfes zu verstehen ist, die vor (kopfwärts) dem Zwerchfell liegt. Anatomisch wird dieser Gesamtbereich „Brustraum“ genannt. Der springende Punkt dabei ist, dass von manchen Jägern die Ausdehnung des Brustraums überschätzt wird, da sie nicht einkalkulieren, dass sich das Zwerchfell kuppelförmig in den Brustraum wölbt.

Jeder Schuss aber, der hinter dem Zwerchfell und somit in der Bauchhöhle (Weidwundbereich) liegt, ist aus Sicht des Tierschutzes und der Wildbrethygiene nicht optimal, auch wenn das Stück nicht weit flüchtet und sofort aufgebrochen sowie versorgt wird. Ein Leberschuss ist und bleibt ein schmerzhafter Weidwundschuss!

Von der Lage der Organe beim toten Organismus Rückschlüsse auf deren Platzierung beim lebenden Stück ziehen zu können, ist nur bedingt möglich. Bringt man beispielsweise ein erlegtes Stück auf leicht abschüssigen Boden in Rücklage, wie das üblicherweise beim Aufbrechen erfolgt, so ändert sich im Brustraum sicher die Position des Herzens, und noch viel mehr die des Zwerchfells.

Man muss daher schon den wissenschaftlichen Untersuchungen glauben und darf sich nicht von eigenen Beobachtungen irreführen lassen. Beim lebenden Wiederkäuer und beim Schwarzwild liegen nun einmal das Herz und der Herzbeutel von der vierten bis zur sechsten Rippe in der unteren Hälfte des Brustkorbs.

Die Lage der Organe

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© P.v. Hardenberg. An diese Linie sollten wir uns halten. Denn der Brustraum ist sehr viel kleiner, als man annimmt. Schnell wird sonst aus einem Blattschuss ein Waidwundschuss.

Die Stellung des Zwerchfells ist je nach Tierart und Atmungszustand verschieden. Der Gipfel der Zwerchfellkuppe, die sich weit nach vorn in den Brustraum wölbt, bleibt mit seinem Niveau auf der Höhe des siebten Brustwirbels ziemlich konstant. Der Magen (Pansen), die Leber und die Milz liegen bauchseits dem Zwerchfell unmittelbar an. Das Lungenfeld dehnt sich seitlich an den Rippen unterschiedlich weit nach hinten aus.

Soll der Schuss beim breitstehenden Schalenwild die Bauchhöhle nicht verletzen, sondern ein reiner Kammerschuss sein, so ist als hinterste Grenze eine senkrechte Linie ausgehend von der hinteren Kontur des oder der Vorderläufe zu ziehen.

Nur Treffer vor dieser Linie bringen einigermaßen die Sicherheit, dass das Stück rasch getötet und dabei der Bauchraum nicht verletzt wird – und somit daraus auch keine negativen Auswirkungen auf die Wildbrethygiene entstehen. Ein Schuss im oberen Teil des Brustkorbs kann weiter hinten (bis etwa zum elften Zwischenrippenraum) liegen, ohne als Weidwundschuss zu gelten. Das ist aber der klassische Hohlschuss, der nur, sofern nicht die Wirbelsäule getroffen wird, die Lungenspitze verletzt. Lange, schwierige Nachsuchen sind die Folge. Viele Hundeführer können ein Lied davon singen.

Wie wirkt Hochrasanzmunition?

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© Archiv Jäger. Moderne Munition sorgt für hohe Schockwirkung – wenn ein paar Punkte beachtet werden.

Hochrasanzmunition ist aus der heutigen Jagdpraxis kaum mehr wegzudenken. Mit der zunehmenden Beunruhigung haben in vielen Revieren zwangsläufig auch die Schussentfernungen zugenommen. Hochrasanzmunition erzeugt neben massiven Zerstörungen im Ein- und Ausschussbereich am Wildkörper mitunter weitläufige, blutunterlaufene Flächen. Hat sie aber darüber hinaus hinsichtlich der Tötungspotenz einen Vorteil gegenüber langsamerer Munition?

Über dieses Thema ist derzeit noch kaum Fachliteratur vorhanden. Lediglich das bereits 1967 erschienene Buch „Der Schuss auf Schalenwild“ von Walter Lampl und Dr. Hans Jürgen Langenbach gibt verständliche Hinweise:

Es wurde bei Untersuchungen in den USA beobachtet, dass sich bei Auftreffgeschwindigkeiten des Projektils, die höher lagen als 800 bis 850 Meter pro Sekunde, im Schußkanal um das Geschoss herum ein Hohlraum, eine Kaverne bildet, deren Größe und Form ständig wechselt. In Zeitspannen von Tausendstel-Sekunden verkleinert sich die zunächst ziemlich große Kaverne infolge der Elastizität des Körpergewebes, um anschließend wieder größer zu werden und erneut zurückzufedern, wobei diese Bewegungen nach und nach abklingen. Man bezeichnet das als Pulsieren. Diese pulsierende Kavernenbildung begleitete das Geschoss auf seinem Weg durch das Körpergewebe solange, bis die Grenzgeschwindigkeit von 800 Meter pro Sekunde unterschritten wurde. Weiter hatte man festgestellt, dass zugleich mit der Entstehung der Kavernen die Geschosse eine wesentlich stärkere biologische Wirksamkeit im Sinne eines Schocks entfalten, als dies bisher bei langsameren Geschossen beobachtet worden war.

So gesehen ist die Tötungspotenz von Hochrasanzmunition tatsächlich höher als von langsameren Projektilen, allerdings nur bei Entfernungen, bei denen die Auftreffgeschwindigkeit noch entsprechend hoch ist. Un den gut platzierten Schuss kommt man aber auch dabei nicht herum!

Unterschiedliche Schusshärte?

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© P.v. Hardenberg. Der Frischlingt ist schon erlegt, denn der Schuss sitzt, das beweist der rote Kreis um den Einschuss. Aber der Frischling flüchtet weiter. Liegt es am Adrenalin?

Nach den Erläuterungen über Blattschuss und Hochrasanzmunition sind wir immerhin soweit vorgedrungen, dass der Zielpunkt und die Projektilgeschwindigkeit entscheidende Faktoren für den raschen Todeseintritt darstellen. Wie verhält es sich mit der Schusshärte aus biologischer bzw. physiologischer Sicht? Nach derzeitigem Stand des Wissens gibt es keinen Hinweis darauf, dass seitens physiologischer Parameter irgend eine heimische Schalenwildart grundsätzlich „schusshärter“ wäre als eine andere.

Erklärbar ist jedoch der Unterschied zwischen ruhigem Wild und solchem, welches unter Adrenalin steht. Nervöses, verunsichertes bzw. alarmiertes Wild flüchtet – sofern nicht wesentliche Teile des Bewegungsapparats oder des (Zentral-) Nervensystems verletzt wurden- oft auch nach solchen Schüssen, die beim ruhigen Wild ein sofortiges Zusammenstürzen bewirkt hätten. Aus physikalischer Sicht besteht natürlich ein Zusammenhang zwischen Wildbretgewicht einerseits und Geschossgewicht bzw. -aufbau, Auftreffenergie und tatsächlich vom Wildkörper absorbierter Geschossenergie. Auch Unterschiede in der Hautdicke bzw. Fell- oder Schwartenbeschaffenheit sind physikalische Faktoren, die eine Rolle spielen können.

Der langen Rede kurzer Sinn

Kommt es zur Schalenwildjagd, ist nichts wichtiger als ein guter Treffersitz. Wie ein solcher aussieht und worauf man achten muss, erläutert ein Tierarzt.

© Markus Gelhardt. Was für eine Munition der Jäger mit sich führt, spielt eine untergeordnete Rolle – der Treffersitz zählt!

Aufgrund unterschiedlichen Körpergewichts und Decken- bzw. Schwartenbeschaffenheit gibt es zwischen den Schalenwildarten aus rein physikalischen Gründen Unterschiede in der Schusshärte. Prinzipielle physiologische Unterschiede zwischen den Tierarten bestehen diesbezüglich nicht, jedoch können Unterschiede in der Schusshärte innerhalb einer Tierart unter vergleichbaren Individuen durch Stresseinfluss (Adrenalinschub) gegeben sein.

Für unterschiedliche Schusshärten, die so mancher Jäger vermeintlich selbst schon feststellen konnte, scheinen in erster Linie Trefferabweichungen vom Idealpunkt verantwortlich zu sein, die jedoch aufgrund mangelnder anatomischer Detailkenntnisse nicht als solche eingestuft werden.

Für den tierschutzgerechten und wildbrethygienisch einwandfreien, rasch tötenden Schuss sind folgende Faktoren – in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit – ausschlaggebend:

1.Zielpunkt
2. Geschossaufbau
3.Kaliber

Die Kaliberfrage, wenn wir den bei uns üblichen mittleren Bereich zwischen 6,5 und 8mm Durchmesser als Beispiel heranziehen, ist dem Geschossaufbau und dem Geschossgewicht relativ untergeordnet. Die mangelnde Eindringtiefe steht dabei auf einer Seite der Betrachtung, der nahezu energieabgabelose Durchschuss durch den Wildkörper auf der anderen. Der wichtigste Punkt ist und bleibt aber der, wo die Kugel trifft. Ein schlechter Treffersitz ist bei unserem heimischen Schalenwild auch durch ein überdimensionales Kaliber kaum wettzumachen.

Der ideale Zielpunkt

Ein guter, waidgerechter Schuss ist so anzutragen, dass entweder das Zentralnervensystem (Gehirn, Wirbelkanal) oder die Organe des Brustraums (Herz, Lunge) getroffen werden. Empfohlener Zielpunkt bei breitstehendem Wild: An den Vorderläufen senkrecht hochfahren, etwas unter der Körpermitte anhalten und abdrücken! Die Folge ist, dass das Wild unmittelbar im Feuer liegt oder nur noch wenige Fluchten macht.

Der unbestreitbare Vorteil dabei ist, dass wir das Stück sehr bald nach dem Schuss aufbrechen können. Dieser empfohlene Treffersitz ist übrigens sicher keine neue Erfindung. Viele Jäger, insbesondere Großwildjäger praktizieren ihn seit langer Zeit äußerst erfolgreich. Denkt man zum Beispiel an Kaffernbüffel, wäre jeder andere Zielpunkt beim breitstehenden Stück lebensgefährlicher Leichtsinn.