Wildwarnreflektoren wirken Wunder – wenn richtig eingesetzt!

Rehunfall

Erstaunt reibt man sich als Jäger die Augen, wenn versicherungsnahe Institutionen wie der Gesamtverband der Versicherer (GdV) methodisch falsche Untersuchungen durchführt oder die Unfallforschung der Versicherer (UDV) Universitäten beauftragt, die Nicht-Wirksamkeit der Wildwarnreflektoren zu bestätigen.

Warum, wenn man doch jedes Jahr Schäden zwischen 500.000 und 600.000 Millionen Euro regulieren muss? Ralf Schmidt ist erfahrener Jäger und erläutert, warum Wildwarnreflektoren in jedes Revier gehören. 

Wildwarnreflektoren auf allen Straßen

@ An-d Wiki Commons

Seit Oktober 2014 leite und betreue ich eine Studie zur Wildunfallverhütung, welche unter dem Namen „Blau auf allen Straßen“ in unserem Landkreis durchgeführt wurde und auch weitergeführt wird. Unsere 24 Testreviere wurden nach unterschiedlichen Geländestrukturen (Feld/Wald), Topografie und Wilddichten ausgesucht.

Die zu Projektbeginn erfassten Wildunfallzahlen wurden registriert und die Wildunfälle exakt ein Jahr nach Reflektormontage erfasst. Hier erreichten wir eine Reduktion der Wildunfälle von 69,05 Prozent. In unserem Fall wurden 168 Stück Fallwild auf 52 Stück reduziert.  Wie untere Tabelle zeigt, sind Wildwarnreflektoren sinnvoll. 18,66 Reflektoren im Revier entsprechen einem verhinderten Wildunfall!

Revier

Montagezeitpunkt

Reflektorenanzahl

Fallwild vorher

Fallwild nachher

Veränderung

Veränderung (%)

1

10.2014

125

5

3

-2

-40

2

12.2014

135

11

0

-11

-100

3

12.2014

40

7

0

-7

-100

4

02.2015

40

4

2

-2

-50

5

07.2015

107

7

0

-7

-100

6

03.2015

220

8

1

-7

-87,5

7

03.2015

50

7

2

-5

-71,5

8

04.2015

70

5

5

0

0

9

04.2015

90

4

0

-4

-100

10

04.2015

60

5

1

-4

-80

11

04.2015

40

3

0

-3

-100

12

05.2015

200

12

6

-6

-50

13

06.2015

80

4

1

-3

-75

14

05.2015

70

7

1

-6

-86

15

06.2015

100

13

0

-13

-100

16

06.2015

32

2

0

-2

-100

17

02.2015

100

15

4

-11

-73

18

08.2015

30

2

2

0

0

19

08.2015

130

8

1

-7

-87,5

20

09.2015

70

5

0

-5

-100

21

06.2015

205

13

17

4

30,8

22

01.2016

30

5

2

-3

-60

23

03.2016

90

6

3

-3

-50

24

03.2016

50

10

1

-9

-90

Gesamt

2.164

168

52

-116

-69,05

Straßennahe Feldfrucht

Ralf Schmidt liebt sein Wild - und hasst Wildunfälle. Der Jäger erklärt, warum Wildwarneflektoren effektiv sind und was die meisten Studien nicht beachten.

©Pixabay. Perfekt für Wildwarnreflektoren sind weite offene Äcker ohne viel Bewuchs am Wegesrand. So können die Reflektoren zu allen Seiten hin Licht abstrahlen.

Erkenntnisreicher als der Erfolg waren aber die Misserfolge in einigen Revieren. In der Folgezeit zeigten sich nämlich erhebliche Abweichungen in den einzelnen Revieren, welche mal positiv, aber auch negativ auffielen. Die Gesamtstatistik wurde davon nicht wesentlich tangiert. Es kam zu Verschiebungen im einstelligen Prozentbereich. Wichtig ist und bleibt daher die gesamtheitliche Betrachtung, denn es gab Reviere, in denen kaum Reduktionen, ja sogar mehr Wildunfälle nach Reflektormontage geschahen als vorher ohne Reflektoren.

Hier stellte ich fest, dass alles, was die seitliche Reflexion kaschierte, auch den Erfolg minimierte. Pauschal: Im Wald, durch den seitlichen Bewuchs, waren die Ergebnisse meist schlechter als in der offenen Landschaft. Aber vor allem die Fruchtfolgen im Offenland spielten eine große Rolle: Mais oder Raps, meist bis zur Straße gewachsen, erhöhten das Unfallrisiko erkennbar. Hier lieferte ein Revier den Beweis: ohne Wildwarnreflektoren = 13 Unfälle, mit Wildwarnreflektoren = 17 Unfälle.

Die Recherche ergab, dass der Jagdpächter in diesem Jahr fast nur Raps auf den straßenzugewandten Feldern hatte. Im Folgejahr (Fruchtfolge Zuckerrüben) waren es noch drei Unfälle. Auf einem Straßenabschnitt in einem anderen Revier konnte eine sehr unfallträchtige Straße durch die Wildwarnreflektoren für zwei Jahre auf null Wildunfälle reduziert werden. Nachdem Raps angebaut wurde, fanden drei Unfälle innerhalb von zwei Wochen statt. Nach der Ernte bis heute (2 Jahreszeitraum) verzeichneten wir dort lediglich einen Wildunfall.

Nur im Dunkeln geht’s

Ralf Schmidt liebt sein Wild - und hasst Wildunfälle. Der Jäger erklärt, warum Wildwarneflektoren effektiv sind und was die meisten Studien nicht beachten.

© Pixabay

Auch zur Unterscheidung von Tageslicht- und Dunkelunfällen konnten viele Jagdpächter in einigen Fällen keine genauen Angaben machen, da die Polizeiauskunft dies nicht zuließ. Wir haben dies ebenfalls protokolliert. Hier fallen auch die ersten Falschaussagen in anderen Studien auf: Während sämtliche Versuche, die Wirkungsweise der Wildwarnreflektoren zu erfassen, davon abhängig sind, wann die Unfälle geschahen (Dunkel/Tageslicht), werden von den Polizeidienststellen nur die gesamten Unfallzahlen erfasst und in der Folge auch weitergegeben.

Zwar wissen wir, dass etwa 80 Prozent der Unfälle im Dunkeln passieren (trotz sinkenden Verkehrsaufkommens), allerdings verfälschen die 20 Prozent Tageslichtunfälle die Statistik. Exakte Angaben können hier nur die Jäger machen, da diese in der Regel von den Dienststellen informiert werden und somit die zeitliche Zuordnung besteht. Merke: Bei Tageslicht wirkt kein Reflektor! Hier ist „die Wissenschaft“ eindeutig im Nachteil.

Zu berücksichtigendes

© Unfallforschung der Versicherer

Daraus folgt: Eine aussagefähige Statistik zur Wirkungsweise der Wildwarnreflektoren muss groß angelegt sein, unterschiedliche Biotoptypen umfassen und über einen längeren Zeitraum laufen, welcher einen Querschnitt der äußeren, wechselnden Umstände darstellt und eine exakte Trennung der Tageslicht- und Dunkelunfälle beinhaltet. Der dabei entstehende Mittelwert hängt zusätzlich auch von der Geländetopographie ab. Ebenso von hohen Wildbeständen, die beim Schalenwild in unserer Kulturlandschaft ständig ansteigen. Hier heben sich nochmal bestimmte Zeiten wie Brunft, Zeitumstellung, Jahreszeit (Sommer/Winter) ab. 

Von wegen Gewöhnung

© Pauline von Hardenberg. Junges Rehwild versucht viele Wildunfälle

Wenn durch die eingangs erwähnten Studien das Wildverhalten durch Hightech wie Kamerabeobachtungen oder Bewegungsmelder zu einem bestimmten Zeitpunkt gewisse Rückschlüsse vermitteln sollen, wie in der UDV-Studie dargestellt, möchte ich entschieden widersprechen. Diese Momentaufnahmen spiegeln nicht das tatsächliche Raum-Zeit-Verhalten im Laufe des Jahres, die wechselnden Äsungsangebote, Konkurrenz und/oder die starken Beunruhigungen in unserer Kulturlandschaft wider. Diskussionen über einen Gewöhnungseffekt sind über-
flüssig: Wie alt wird der Hauptunfallverursacher Reh in unserer Kulturlandschaft? Wichtig ist: Das Ergebnis zählt!   

Überflüssiger Wettbewerb

Leider entsteht fast der Eindruck, dass es zu einem Wettbewerb um die Deutungshoheit in der Wildunfallforschung zwischen Wissenschaftlern und Praktikern gekommen ist. Leider zum Nachteil von menschlichen Todesopfern, mehr als 3.000 Verletzten im Jahr sowie unsäglichem Tierleid auf der anderen Seite. Es sollte dabei auch keine Rolle spielen, ob wir 30, 40, 60 oder 90 Prozent weniger Unfälle registrieren: Jeder Unfall kann zu den erwähnten Folgen führen und ist somit einer zu viel.

Mein Vorschlag

Ralf Schmidt liebt sein Wild - und hasst Wildunfälle. Der Jäger erklärt, warum Wildwarneflektoren effektiv sind und was die meisten Studien nicht beachten.

©pixabay. Ohne Wildwarnreflektoren sind solche Unfälle schnell passiert.

Stabile und geeignete Wildwarnreflektoren müssten in die Fertigung neuer Straßenleitpfosten integriert werden und bei einem sukzessiven Austausch der alten Leitpfosten zum Einsatz kommen. Innerhalb weniger Jahre wären alle Straßen abgesichert. Defekte Leitpfosten würden in der Folge auch ergänzt. Die Material- und Herstellungskosten können als Ausschreibung erörtert werden, dürften jedoch je Pfosten nicht mehr als wenige Euro Mehrpreis betragen. Hier müsste der Staat eintreten, egal ob Bundes-, Land-, Kreis- oder Gemeindestraße. Was ist ein Menschenleben wert? Wo bleibt der Tierschutz? Die Sicherheit von Menschen und Tieren kann dauerhaft nicht aus den Taschen der Jäger bezahlt werden.

Zwei falsche, ein richtiger: drei Studien vorgestellt

GDV-Studie

© Gesamtverband deutscher Versicherer

Die 2018 erschienene und vom Gesamtverband Deutscher Versicherer (GDV) in Auftrag gegebene Studie ist von der Methodik her fragwürdig angelegt. Um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob blaue Wildwarnreflektoren  wirken oder nicht, teilte die Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie 151 Streckenabschnitte in zwei Hälften, stattete eine davon mit Wildwarnreflektoren aus, die andere diente als Referenz. Nach einem Jahr tauschte man, schraubte die Wildwarnreflektoren der einen Hälfte ab und brachte sie an der anderen an. Beobachtungszeitraum: wieder nur ein Jahr.

Man stelle sich vor, dass man auf diversen Strecken im ersten Bereich – womöglich mit unattraktivem Äsungsangebot – zuvor zehn Wildunfälle registrierte. Nun erfolgt die Montage der Wildwarnreflektoren. Zeitgleich (im Extremfall) wächst in diesem Jahr z. B. vermehrt Raps. Auf dem nächsten, reflektorfreien Bereich stehen (im günstigen Fall) Zuckerrüben. Das Ergebnis wäre wahrscheinlich: Abschnitte 1, mit Reflektoren = mehr Wildunfälle, Abschnitt 2, ohne Reflektoren = gleichbleibend. Nun tauscht man wie in der GDV-Studie die Reflektoren: Abschnitt 1 = Demontage, gleichzeitig werden in der Fruchtfolge Zuckerrüben bestellt. Abschnitt 2 Reflektormontage, in der Fruchtfolge Raps. Das Ergebnis ist ein Anstieg der Unfälle trotz Reflektoren.

Der Endbericht lässt zudem – neben einigen weiteren fragwürdigen Details – jegliche Aussagen zur naturräumlichen Ausstattung missen. Es finden sich keinerlei Angaben über die landschaftliche Beschaffenheit seitlich der Strecken. Diese sind allerdings von höchster Bedeutung. Auf offenem Feld haben Wildwarnreflektoren die ihnen zugedachte Möglichkeit der Reflexion über eine sinnvolle Strecke bis hin zum Wild, während beispielsweise dichte Hecken oder Wald bis zum Straßenrand – im ungünstigsten Fall tief beasteter Nadelwald – steile Böschungen, enge Kurven und spitze Kuppen die Wirkung von Wildwarnreflektoren von vorne herein stark einschränken. Diese Parameter sind allerdings bekannt und dürften in einer Studie mit dieser Fragestellung keine Anwendung finden.

Neben der statistischen Auswertung wurden letztlich Wärmebildkameras an den ausgewählten Abschnitten angebracht, um das Verhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Wildwarnreflektoren zu untersuchen. Auch hier kann in der Zusammenfassung nachgelesen werden, dass der Untersuchungszeitraum zu kurz gewählt war.

ADAC-Studie

Ralf Schmidt liebt sein Wild - und hasst Wildunfälle. Der Jäger erklärt, warum Wildwarneflektoren effektiv sind und was die meisten Studien nicht beachten.

© ADAC

Wildunfälle zu verhindern und die Sicherheit von Mensch und Tier zu steigern, das hat sich der ADAC zusammen mit dem Deutschen Jagdverband vorgenommen. Die Bilanz des vierjährigen Forschungsprojekts zeigte 2016, dass durch den Einsatz von Duftzäunen und blauen Reflektoren die Zahl der Wildunfälle durchschnittlich um 60, örtlich um bis zu 80 Prozent reduziert werden konnte. Erprobt wurden die Präventionsmaßnahmen an 26 Versuchsstrecken in Schleswig-Holstein, die als Unfallschwerpunkte gelten, sprich eine besonders hohe Zahl an Wildunfällen aufweisen.

Zuständig für die Durchführung der ergebnisoffen geführten Studie war das Institut für Wildbiologie in Göttingen. Der Untersuchungszeitraum betrug vier Jahre mit Reflektoren. Die Ergebnisse wurden mit Unfallzahlen aus vier Jahren vor Beginn der Studie verglichen. Somit ergaben sich Zahlen aus insgesamt acht Jahren, die das oben genannte Ergebnis lieferten. Die Studie wurde in enger Zusammenarbeit mit Jägern durchgeführt und gilt als belastbar

UDV-Studie:

© Unfallforschung der Versicherer

Eine im Auftrag der UDV von der Uni Göttingen in Kooperation mit der Uni Zürich erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, das Wildwarnreflektoren wirkungslos sind. Die zentrale Frage war, ob neuartige blaue oder mehrfarbige Reflektoren die Zahl der Wildunfälle nachhaltig reduzieren. Dies ist nicht der Fall. Dazu wurden zum einen 76 vorhandene Studien ausgewertet, zum anderen an 150 jeweils zirka zwei Kilometer langen Streckenabschnitten das Wildunfallgeschehen ausgewertet. An den ausgewählten Abschnitten waren zuvor keine
Reflektoren angebracht. Neben der sta
tistischen Auswertung wurden Wärmebildkameras an den ausgewählten Abschnitten angebracht, um das Verhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Wildwarnreflektoren zu untersuchen. Auch hier kann in der Zusammenfassung nachgelesen werden, dass der Untersuchungszeitraum zu kurz gewählt war.