Gehasst, verdammt, vergöttert – warum der Wolf uns spaltet

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Kaum ein anderes Tier polarisiert so stark, wie der Wolf. (Foto: unsplash/ Julien Riedel)

Das Thema Wolf steckt voller gegensätzlicher Emotionen. Doch statt großer Gefühle wären kühle Köpfe angebracht, um voranzukommen.

Fernab der Realität beherrschen Angst, Ideologie, Wut und Fanatismus die Diskussionen um den Wolf. Selten hat ein Tier so stark polarisiert. In einer Dokumentation des NDR wird die Frage gestellt, ob der Wolf geschützt oder geschossen werden sollte. Und das Ergebnis ist wie immer unklar.

Wann ist es genug?

Ich gebe es offen zu: ich vertrete die Meinung, dass der Wolf als Teil unserer Kulturlandschaft in Deutschland seinen rechtmäßigen Platz hat. Canis Lupus ist eine Bereicherung für die Artenvielfalt. Doch der Hass, der dem Wolf entgegenweht ist begründet. Warum wird der Wiederkehrer, der sich in Deutschland ungehindert ausbreiten darf, so verehrt? Warum regulieren wir ihn nicht und wer legt überhaupt fest, wie viele Wölfe in einem bestimmten Gebiet leben dürfen und ab wann es zu viele sind?

Zahlen würfeln

Offiziell leben 1.700 Wölfe in Deutschland, geschätzt sind es 2.000. In der NDR Dokumentation „Politikum Wolf: schießen oder schützen“ spricht Dr. Carsten Novak vom Senckenberg Institut jedoch von 3.700 individuellen Wolfsprofilen. Anhand von DNA-Proben kann nach jedem Riss der verantwortliche ermittelt werden. War es ein Wolf, kann bestimmt werden, welcher es war, sofern sein genetisches Profil bereits bekannt ist. Ist er noch nicht bekannt, bekommt er eine GW-Nummer. Also eine „Genetik-Wolf“ Nummer. Dank eingeschickter Haar- und Kotproben werden immer mehr genetische Codes erfasst und es entstehen ganze Stammbäume. Bleibt nun die Frage: 1.700, 2.000 oder doch 3.700 Individuen?

NABU hält dagegen

Der Nabu (Naturschutzbund Deutschland) sieht das Problem nicht beim Wolf, sondern beim mangelnden Herdenschutz. Es gäbe nicht genug Zäune. Dem Land Niedersachsen ging bereits im Herbst 2023 das Geld für Zuschüsse aus. Weitere Problematik: Gefördert wird die Erstbeschaffung. Das arbeitsintensive Aufstellen und die kostenintensive Instandhaltung trägt der Landwirt selbst.

Eine Bestandesreduktion des Wolfes und das Schießen einzelner Tiere bringe laut NABU nichts. Die Anzahl der Risse sei unabhängig von der Anzahl der Wölfe. Der politische Weg sollte Schutz statt Abschuss sein. Blöd nur, dass für den Schutz die finanziellen Mittel fehlen.

Doch da eilt der Umweltminister zu Hilfe: „Die Gesellschaft muss politisch und finanziell bei Entschädigungen unterstützen“. Wie gut, dass die Gesellschaft den Karren, der immer weiter in den Dreck gefahren wird am Ende wieder rausziehen darf. Während die Politiker mit sauberen Händen daneben stehe, und sich dafür loben, ihn nicht noch in Brand gesetzt zu haben.

Ein Hoch auf den Zaun

Im Landkreis Stade gab es einen Wolfsangriff auf eine seltene und geschützte Schafsrasse. Trotz eines „wolfssicheren“ Zaunes. In der NDR- Dokumentation sieht man den DJV- Präsident Dammann-Tamke kopfschüttelnd vor dem knapp 160 cm hohen Zaun stehen. Sechs stromführenden Litzen zählt er. Trotzdem gelangte der Wolf in diesen Hochsicherheitstrakt. „Ich frage mich, wie viele Nutztiere noch gerissen werden müssen, damit die Politik einsieht, dass wir hier ein Rudel haben, dass sich offensichtlich auf Nutztiere spezialisiert hat.“

Die andere Seite der Medaille

Im Burgdorfer Holz bei Hannover wird bereits zum siebten Mal Jagd auf einen Wolf gemacht. Der Rüde hat 50 Schafe auf dem Gewissen. Doch zum Wiederholten Male wird der falsche Wolf erlegt. Es trifft das Weibchen aus dem Rudel, die gerade Welpen führt. Das Muttertier ist tot, dem Rüden wird weiter nachgestellt. Ein untragbarer Zustand für den mittlerweile bekanntesten pro-Wolf-Aktivisten Christian Berge. In seinen Vorträgen sagt er, dass Isegrim sich hauptsächlich von Wildbret ernährt. Weidetiere machen nur 2% der Beute aus. Auf die Frage, ob Jungtiere aufgrund von Hunger in Ortschaften auf Nahrungssuche gehen, relativiert er. Möglich sei es, aber selten. Dabei wurden erst im Dezember 2023 und im Januar 2024 jeweils ein Jungtier in Sachsen-Anhalt erlegt, weil sie eben dieses „seltene“ Fehlverhalten zeigten.

Lemkes Zugeständnisse zum Wolf

Die Bundesumweltministerin Steffi Lemke macht Zugeständnisse: „wo viele Tiere gerissen werden, muss vermehrt der Wolf geschossen werden“. Das Problem sei ihrer Meinung nach jedoch das bürokratische und zersplitterte Verfahren. Ihr Vorschlag lautet, Wölfe dann schnell und praxisnah erlegen zu können, wo einmal der Herdenschutz überwunden wurde oder ein Riss stattgefunden hat. Doch man dürfe das Raubtier trotz allem nicht „wie Abfall“ behandeln. Der Wolf ist und bleibe in Europa streng geschützt.

Gegen jede Vernunft

Europa beheimatet mehrere 10.000 Wölfe. Trotzdem sieht das Umweltministerium in Berlin den „guten Erhaltungszustand“ noch nicht erreicht. Auch das Leibniz-Institut betont, der Wolf sei auf einem wackelnden Ast und die Population könne schnell einbrechen. Wie viele Wölfe müssen es noch werden? Der Hass auf den Wolf sorgt dafür, dass genau das passiert, was niemand möchte: aus Wut und Verzweiflung über die Politikverdrossenheit begeben sich Mensch abseits des geltenden Rechtes. Die zweithäufigste unnatürliche Todesursache sind illegale Tötungen. Diese machen 10% der Fälle aus.

Das Beste zum Schluss

Doch es ist Land in Sicht: Dank eines einstimmigen, bundesweiten Beschlusses darf nach einem Weidetierriss im Umkreis von 1000 Metern Jagd auf den Wolf gemacht werden. Und das ganz ohne DNA- Test und Genehmigung. Denn Studien zeigen: der Wolf kehrt für gewöhnlich zum Tatort zurück.

Und da das Beste bekanntlich zum Schluss kommt:

Die EU-Kommission hat bestätigt, dass diese Lösung rechtskonform und mit dem Europarecht zu vereinbaren sei.

 

Hier geht es zur NDR- Dokumentation: „Politikum Wolf: Schützen oder schießen?“