Bockjagd: Fünf Fehlschüsse und ihre Ursachen

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Bei der Bockjagd kann es häufiger zu Verwechslungen und somit zu unngeplanten Fehlschüssen kommen. Foto: Unsplash/Julian Hanslmaier

Die Bockzeit ist in vollem Gange. Wer zu dieser Jahreszeit den Böcken nachstellt, der weiß jedoch: aus der Ferne betrachtet ist es nicht immer ganz leicht, das richtige Alter der Tiere zu erkennen. So kommt es früher oder später zwangsläufig zu Fehlschüssen. Hier sind fünf Beispiele für diese unbeabsichtigten Abschüsse und ihre Ursachen.

Der Gewinner

Anfang August auf dem morgendlichen Bockansitz sah ich, wie der rechts von mir stehende Platzbock in den Einstand des links von mir stehenden wechselte. Es kam, wie es kommen musste: der Eindringling überraschte den Platzherrn in flagranti. Da ich den Eindringling für knapp alt genug hielt, den anderen nicht so genau kannte, ging ich die beiden Streithähne an. Eine Zeit lang beobachtete ich ihren toternsten Zwist und entschloss mich dann, den Gewinner zu erlegen. Schließlich müsste der ja vom Alter her etwa passen. So lag der Platzbock. Allerdings nicht im passenden Alter, sondern maximal vierjährig. Im Nachhinein sah der Eindringling auch von Anfang an irgendwie gedrungener, älter aus. Grund des Fehlabschusses: der Glaube, dass Alter bei den Böcken respektiert wird und der ältere im Zweikampf deshalb immer als Sieger hervorgeht. Noch wichtiger scheinen aber die Eigentumsverhältnisse zu sein. Ein Territorium wird vehementer verteidigt als erobert.

Der ALTgesagte

Eines vorab: Anlässlich eines Kapitalbocks, der mir in England durch die Lappen ging, nur weil ich glaubte, schlauer als der Jagdherr zu sein, habe ich mir geschworen: Der Jagdherr hat immer Recht! So fuhr ich nach Einladung zur Bockjagd mit einem anderen Jagdherrn durch dessen Revier, als ein Bock in Anblick kam. Er schaute durchs Fernglas: „Den kenne ich, abgerundete Sprossen, alter Bock. Versuch mal, ihn zu kriegen.“ Ich stieg aus und ging den Bock an. Das klappte mehr oder minder gut, der Bock schreckte und flüchtete, aber nicht weit genug, im letzten Licht konnte ich ihn erlegen. Insgesamt hat die Aktion drei Stunden gedauert. In all dieser Zeit habe ich keinen Moment damit verbracht, die Aussagen des Jagdherrn bezüglich des Alters in Zweifel zu ziehen. Wenn er sagt, der ist alt, dann ist er alt. Auch wenn er gar nicht so aussieht. Vor dem Bock mit knuffigem, dunkel gefärbtem Gehörn stehend, schaute ich auf einen etwa dreijährigen Zukunftsbock. Grund des Fehlabschusses: mein Schwur. Aber trotz dieses Erlebnisses hat sich an diesem nichts geändert. Denn schließlich war es ja nicht mein Fehlversagen.

Der senile Jüngling

Eines vorweg: Fehlabschüsse sind keine Jugendsünden, sondern ziehen sich bei mir durchs gesamte Jägerleben. Dieser Bock, 2018 erlegt, zeugt davon. Er ist mein extremster Fehltritt, der mich an meine Ansprechkünste erstmals ernsthaft hat zweifeln lassen. Von Weitem als Jüngling angesprochen, änderte sich vorerst auch aus der Nähe daran nichts. Plötzlich äugte mich der Bock, dessen linker Lauscher eingerissen war, gelangweilt und mit knapp erhobenem Haupt an. In die- sem Moment sah er für mich genauso aus wie ein Bock, den ich wochenlang auf der Wildkamera hatte – senil! Ob es an dem zerfledderten Lauscher lag oder daran, dass ich Alter einfach nur er- kennen wollte, weiß ich nicht. In jedem Fall war für mich die Entscheidung gefallen, diesen ver- meintlichen Uraltbock zu erlegen – schließlich sollen Böcke dieses Alters ja wieder jugendlich er- scheinen. Allein schon um zu sehen, ob ich meine Ansprechkünste mittlerweile perfektioniert hatte. Weit gefehlt! Was aber klappte, war die Erlegung. Vor dem Bock stehend, wurden sofort sämtliche Wiederbelebungsversuche eingeleitet – ohne Erfolg. Dem eher Zwei- als Dreijährigen war kein Le- ben mehr einzuhauchen. Ein Zukunftsbock, dem ich die Zukunft genommen hatte – welch Schmach! Grund des Fehlabschusses: Überheblichkeit bzw. völlige Fehleinschätzng des eigenen Könnens.

Der Verwechselte

Im April bekam ich am Rande eines zwei Hektar kleinen Rapsschlags einen wirklich alten, nur links kurz vereckten Bock in Anblick. Ihm galt die Maijagd. Vom 300 Meter entfernten Ansitz sah ich jeden Abend, wie der Bock aus dem Raps kam und seine Runde machte. Irgendwann setzte ich mich so an, dass er an mir vorbeiwechseln müsste. So kam es auch. Kurz be- vor ich ihn erlegte, kämpfte er verspielt mit einer Ampferstaude – die Hinterhand dabei immer wieder wild hochschleudernd. Vor dem Bock stehend, traute ich meinen Augen nicht. Die Höhe des Gehörns stimmte, die Vereckung auch, nur die Stangenstärke war deutlich geringer. Vor mit lag ein Zweijähriger. Grund des Fehlabschusses: fehlende Erfahrung. Denn damalsmit erst wenigen Jagdscheinen habe ich mir nichts dabei gedacht, dass der Bock jeden Abend bei bestem Licht den gleichen Weg nimmt und hin und wieder ein Wildbegleitkraut spielerisch auseinandernimmt.

Der starke 08/15-Bock

Der netten Einladung nach Sachsen folgend, galt es einem bestätigten braven Sechser. Brav ist in Sachsen, was bei uns unter hochkapital läuft. Vom Ansitz aus konnte ein zwei-, dreijähriger, für sächsische Verhältnisse 08/15-Bock angesprochen werden. Und das mehrere Ansitze hinter- einander. Bei einer Vormittagspirsch kam endlich genau an der Stelle, wo der Brave stehen sollte, für einen kurzen Moment ein gut vereckter Sechser in Anblick: Das muss er sein! Also ran, und kurz bevor dieser ins Dichte zog, ereilte ihn die Kugel. Eine Hauruck-Aktion, die geklappt hatte – welch Freude! Diese währte aber nur kurz, denn vor mir und meinem Ältesten, der mich begleitet hatte, lang der uns schon bekannte 08/15-Bock. Grund des Fehlabschusses: die Täuschung der Sinne, hervorgerufen durch den Wunsch, etwas Langersehntes endlich vor zu haben.

Dieser Artikel erschien zuerst im Jäger 05/2019. Hier geht es zum aktuellen Heft.