Milchreife: Warum Weizen Sauen magisch anzieht

Wenn der Weizen milchreif wird, verlassen Sauen die Kirrung – und wechseln ins Feld. Drei Wochen, die über Wildschäden und Jagderfolg entscheiden.

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Hotspot: Auch wenn die meisten Ähren die Milchreife schon überschritten haben, in vielen Revieren knabbern die Sauen das Getreide trotzdem noch gerne. © Unsplash/ Life.Time.Values

Wenn die Milchreife im Weizen beginnt, verlassen Sauen die Kirrung – und wechseln ins Feld. Was steckt hinter diesem Phänomen, und was bedeutet das für den Feldjäger?
Die wichtigsten Fakten und die richtige Strategie im Überblick.

Key Facts:

  • Milchreife tritt je nach Region ab Anfang/Mitte Juni auf und erstreckt sich beim Weizen bis in den Juli hinein
  • Gefährdet: v. a. Weizen- und Haferschläge, waldnah oder an Raps angrenzend
  • Aktiver Zeitraum: ca. drei Wochen
  • Gerste und Roggen werden meist gemieden
  • Vergrämungsmittel verlieren jetzt zunehmend an Wirkung
  • Kirrungen werden während der Milchreife oft abrupt aufgegeben

    Milchreife: Was ist das?

    Milchreife bezeichnet ein Entwicklungsstadium des Getreides, in dem die Körner noch weich sind und eine stärkehaltige, zuckerreiche Flüssigkeit enthalten – daher der Name. Für Weizen, Hafer und Mais tritt diese Phase in Mitteleuropa typischerweise ab Anfang bis Mitte Juni ein. Für den Feldjäger ist sie der Startschuss für eine der anstrengendsten Phasen des Jagdjahres. Wer genau wissen will, wann die Milchreife beginnt, kann in regelmäßigen Abständen einige Körner zerdrücken und testen, ob diese bereits süßlich schmecken.

Was im Korn passiert – und warum Sauen es riechen

In der Milchreife läuft im Weizenkorn Hochbetrieb auf biochemischer Ebene: Die Pflanze wandelt Zucker aus der Fotosynthese schrittweise in Stärke um, das Korn füllt sich und wird zunehmend energiedichter. Der Zuckergehalt ist in dieser Phase maximal – danach fällt er mit fortschreitender Ausreifung wieder ab. Gleichzeitig enthalten die Körner noch viel Wasser, was sie weich und leicht verdaulich macht.

Für Wildschweine ist das eine nahezu perfekte Nahrungsquelle: hohe Energiedichte, wenig Aufwand beim Fressen, kein hartes Kauen wie bei vollreifem Korn. Hinzu kommen flüchtige organische Verbindungen, die reifendes Getreide in großen Mengen ausdünstet – Sauen nehmen diese Duftstoffe mit ihrer außerordentlich leistungsfähigen Nase auf Distanz wahr. Der Weizenduft wirkt im wörtlichen Sinne wie ein Lockstoff. Laktierende Bachen mit Frischlingen haben in dieser Phase einen besonders hohen Energiebedarf – die Milchreife kommt ihnen zeitlich fast ideal entgegen. In der heißen Phase schieben sich die Sauen oft wie die Krokodile durchs Feld, der Schaden ist dann maximal.

Warum Sauen dem Weizen nicht widerstehen können

Waldnahe Schläge und Felder in der Nähe von Rapseinständen sind besonders gefährdet. Wer hier die ersten Aktivitäten verschläft, kann den Wildschaden meist nur noch begrenzen, nicht mehr verhindern. Gerste und Roggen werden von Sauen dagegen in der Regel gemieden – die Körner haben eine härtere Spelze, die Attraktivität ist deutlich geringer. Roggen kann jedoch als Tageseinstand genutzt werden, auch ohne dass Fraßschäden entstehen.

Der Zeitdruck ist real

Das Fenster ist eng: Die Milchreife dauert nur rund drei Wochen. In dieser Zeit sind Sauen oft hochgradig mobil, wechseln Tageseinstände und legen Kirrungen abrupt brach. Wer auf Ansitz an der Kirrung setzt, wird plötzlich feststellen, dass sich dort nichts mehr tut. Die Sauen sind im Feld – und wer sie dort nicht bejagt, zahlt am Ende die Wildschadensrechnung.

Weniger beliebt, aber trotzdem von den Sauen angenommen: Der Grannenweizen. © Kim Trautmann

Milchreife-Strategie im Feldrevier

Tägliche Kontrolle der gefährdeten Schläge ist Pflicht – am besten nach Regen, wenn frische Trittsiegel im weichen Boden eindeutig zu lesen sind. Mit dem Hund hat man die heißen Wechsel rasch identifiziert. Der Zielstock ist dann das Mittel der Wahl, um dicht an die Schwarzkittel heranzukommen. Mobile Sitze eignen sich ebenfalls, allerdings dienen diese im Idealfall als Ausgangspunkt, um sich einen Überblick zu verschaffen und anschließend anzugehen. Nachtsicht- oder Wärmebildtechnik ist in dieser Phase kein Luxus, sondern zwingend erforderlich, um vernünftig ansprechen zu können. Vergrämungsmaßnahmen verlieren von Jahr zu Jahr an Wirkung – insbesondere dort, wo die Schläge größer werden und benachbarte Felder ungeschützt bleiben. Aktive Bejagung bleibt das effektivste Instrument.
Erlegt man ein Stück im Beisein möglichst vieler „Zeugen“ hat dies eine Vergrämungswirkung, teils bedarf es aber der Erlegung mehrer Stücke, bis eine Rotte den Schlag final meidet.

Ein letzter Hinweis: Im dichten Getreide sind Frischlinge schwer zu erkennen. Kein Stück schießen, das vermeintlich allein steht – die Rotte steht oft nur wenige Meter entfernt im Bestand.

Aufpassen: Während die Bache in den Weizen zieht, stehen die Frischlinge, oft verdeckt von hohem Gras und Unkraut, am Feldrand… © Unsplash/Kemal Berkay Dogan