Friedrich-Karl v. Eggeling über das Sauenfieber

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Passion und Jagdwahn trennt manchmal nicht viel – Unser Autor Friedrich Karl von Eggeling übt Selbstkritik – und erzählt unterhaltsam von der Saujagd.

Wer anderen Leuten was am Zeug flicken will, etwa um ein Unrecht anzuprangern, das sich in Herzen und Hände der Menschen eingefressen hat, der sollte zunächst mal nach dem Balken im eigenen Auge sehen. Gut denn, ich tue es so!Um also vom Fieber, dem Jagdfieber, zu reden: Da war als allererstes das Spatzenfieber, gefolgt vom Eichkatzerlfieber, das so ziemlich bis zum 14. Lebensjahr anhielt. Später kam mit dem Jugendjagdschein das Bockfieber, und nach dem Bockfieber das Hirschfieber und sogar das Gamsfieber. Aber doch immerhin: Mit allen diesen Fiebern, mochten sie am Anfang noch so lodern und glühen, Schweißtropfen selbst in bitterer Kälte auf die Stirn zaubern, mit diesen Fiebern wurde ich ziemlich bald fertig. Oder besser gesagt, ich lernte, sie zu beherrschen, zu unterdrücken bis nach dem Schuss, wo sie dann ausbrechen ganz elementar, dass ich mich manchmal hinsetzen und nach Luft schnappen muss, bis sich das dumme alte Herz wieder beruhigt.

Das also mag ganz normal sein und wird vielen anderen genauso gehen, aber was mich halt doch manchmal ärgert, das ist das Sauenfieber, gegen das nun überhaupt kein Kraut gewachsen zu sein scheint nicht bei mir, nicht bei den meisten anderen. Die Folgen können mitunter ganz fatal sein. Wie nur kommt solch eine Ausnahmsfolge zustande? Ich will Ihnen zwei kleine Geschichten erzählen, die ich erlebte und die uns unser Verhalten auch Fehlverhalten erklärlich machen. Nicht immer entschuldigen, nur erklären als erste Grundlage zu tieferem Nachdenken.

Das erste Erlebnis geschah mir im Lehrforstamt Bramwald bei Hannoversch-Münden, in das ich als Referendar eingewiesen war. Ich vertrat dort den Revierförster in dem Belauf Glashütte, der sich vor allem entlang der Steilhänge zur Weser hinzog, in die hinein neben einigen Forstwegen eine ganze Reihe von Pirschpfaden angelegt worden waren, die sich sehr gemächlich zur Hochebene des Bramwaldes hinauf zogen. An einem sehr frühen und frostigen Wintermorgen stieg ich einen solchen Pirschsteig entlang, um zu meinen Holzhauern zu kommen, als ich unter mir in einer Schlucht, die sich weit in den Berg hineinzieht, eine Bache mit drei starken Frischlingen sah, die den Grund der Schlucht entlang steil nach oben strebten und meinen Pfad weit vor mir kreuzen mussten. Es entstand ein Wettlauf zwischen Sau und Mensch, den der Mensch gewann.Also stellte ich mich an eine dicke Buche und schoss, schoss, schoss, bis alle drei Frischlinge vor mir schwarz im roten Herbstlaub lagen und die Bache über mir fast am Ende der Schlucht.

Hunde Drückjagd ©Flickr/MajaDumat

Da lagen also vier Sauen, auf die ich mit fast ungläubigen Augen sah und aus einer Art von Trance erwachte, in mich hinein horchte und nichts anderes empfand als Scham vor dem, was ich ohne Geist und Verstand, aus schierem Instinkt, aus einer Art von Schusswahn he-raus getan hatte.Heute nun, nach manchen Jahren, weiß ich, dass mein Handeln so ungewöhnlich nicht war. Dass man doch immer wieder erlebt, wie bei einer Jagd mal dem einen, mal dem anderen die Sicherungen durchbrennen, und Sauen bejagt werden, als seien sie Ungeziefer. Wie ist das möglich, wie kommt es zu solchem Handeln, woher mag es rühren? Ich denke und erkläre es mir ohne doch zu verzeihen , dass es der uralte Trieb des Menschen-Tieres ist, die flüchtige Beute, die ihm das winterliche Überleben sichert, doch noch zu erlangen, fast in Verzweiflung den Speer zu schleudern, mit der Axt um sich zu schlagen, die Schlinge zu werfen, denn der Jagdzug der Sippe darf nicht vergeben sein, sonst droht die nackte Not, der Hunger, der Tod. Sind wir in unseren Urinstinkten so sehr noch gefangen?
Das zweite Erlebnis Das zweite Erlebnis geschah bei einer Drückjagd, an der auch einige amerikanische Offiziere teilnahmen, die noch nie auf Sauen gejagt hatten, wohl aber auf alle in den USA vorkommenden Wildarten. Nach dem Abblasen des Treibens, in dem einige Schüsse gefallen waren, ging ich die Front ab und kam an einen Oberst der berühm-ten Ledernacken, also einen harten Burschen, der vor dem von ihm erlegten, wohl dreijährigen Keiler im Schnee kniete und in Tränen des Glücks ausbrach, die er nur mit Mühe stoppen konnte, als ich ihm den Bruch reichte. Am Ende des Schüsseltreibens habe ich den Mann dann gefragt, was ihn an dieser Sau so sehr bewegt habe.
Die Antwort war verblüffend einfach: Sehen Sie, sagte er, ich habe noch nie ein Wildschwein gesehen, und als dieser Keiler schwarz im weißen Schnee wie eine Walze auf mich zu kam, da habe ich richtig Furcht empfunden, so wie vor paar Jahren im Vietnamkrieg, und als der Keiler dann mit Kopfschuss dicht vor meinen Füssen zusammenbrach, da war es mir so, als hätte ich einen starken Feind besiegt, und meine Nerven versagten.Also auch das kann geschehen, dass man in der Sau einen zu besiegenden Feind erblickt und vor oder nach dem Schuss die Nerven verliert. Ist das wiederum ein Ahnenerbe aus alter Zeit, oder sind schlechte Nerven das Ergebnis der Zivilisierung, der Degeneration? Wie es auch sei, dieses Versagen ist nur mit größter Mühe beherrschbar, ist und bleibt der Grund für manches Unglück.
So also ist das mit den Sauen, der eine dreht durch, weil er Angst hat, richtig tierische Angst, und handelt dann aus dem Unterbewussten, aus Resten des Instinkts unvorhersehbarer Folgen ungeachtet. Der andere sieht im Schwarzwild den Feind, den es zu besiegen gilt mit allen gebotenen Mitteln, gerechten und ungerechten, unbedacht auchihm in der möglichen Wirkung. Und ein weiterer schließlich verliert den Rest seiner Nerven in einer Situation, der er sich nicht gewachsen fühlt, und mag sich später seines Versagens schämen. Sauen sind keine Hasen, immer wieder werden wir mit ihnen Überraschungen erleben, gute und schlechte, und können unseren Charakter an ihnen erproben und prüfen auch ihn zum Guten und zum Schlechten.