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JÄGER Ausgabe Juni 2019 Mit Reiz und Risiko: Feldreviere

Ich jage nicht, um zu töten. Ich töte, um gejagt zu haben.“ Diesen Satz Ortegas kennt fast jeder. Die Jagd ist ein uraltes Handwerk. Und so umstritten sie sein mag, so unumstritten ist, dass wir Jäger einem Trieb folgen, der archaisch ist, irrational und unterbewusst. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass es vernünftig ist, viel Geld für ein Revier auszugeben, das einem nicht gehört. Dass es vernünftig ist, sich um frei lebende Wildtiere zu sorgen, ihnen Wasser und Futter zu geben, wenn sie Not leiden – oder sie zu töten, um mühevoll ihr Fleisch zu verwerten oder es für ein paar lumpige Kröten zu verschleudern. Nichts daran ist rational. Alles daran atmet den Geist der Unvernunft. Die Unvernunft ist menschlicher Makel und Triebfeder zu- gleich. Sie ist ein Makel, der uns von der Maschine unterscheidet – und vom Tier.

Doch der Fortschritt will unsere Makel ausmerzen. Sein schriller Konsumbefehl lockt mit dem hartnäckigen Glücksversprechen. Längst hat dieser Optimierungswahn auch die Jägerschaft erreicht.

Doch mit dem Glück ist es so eine Sache. Egal, wie viel wir besitzen: die schönsten Dinge im Leben kann man nicht kaufen: eine heile Familie. Einen guten Humor. Einen Jagdtag bei Sonne und Frost. Einen Abend am Kamin, eine magische Mondnacht. Und auch unsere schlimmsten Niederlagen sind unbezahlbar: der pein-liche Fehlschuss, die Wut und Frustration, Verzweiflung, Hoffnung, Resilienz: das Stahlbad des Jägerlebens, das uns erst wachsen lässt. Doch immer weiter säuselt der Fortschritt uns sanft ins Ohr: „Mit diesem Zielfernrohr können Sie auf 350 Meter treffen.“ „Diese Büchse ermöglicht filmreife Salven.“ „Diese Röhre macht Licht in ihrem Revier, selbst bei Neumond.“

Und schon flirten wir wieder heftig mit der Unvernunft. Ich will gar nicht den Stab über jene brechen, die Nachtsichttechnik benutzen. Ich will gar nicht sagen, dass sie in Einzelfällen nicht gerechtfertigt sein mag. Doch ich will warnen, dass irgendwann etwas auf der Strecke bleibt, das zu- tiefst menschlich ist: unsere Makelhaftigkeit. Denn in einer Welt, in der Erfolg die Regel ist und Scheitern die Ausnahme, wird Freude zur Seltenheit. Ein Revier, das rund um die Uhr digitale Überwachung und Bejagung zulässt, ist genau genommen gar kein Revier mehr, sondern ein Stall.

Die Herausforderung der Digitalisierung liegt für uns darin, dass wir entweder akzeptieren müssen, dass wir sterbliche, fehleranfällige Waidmänner sind – oder uns irgendwann in den jagenden „Homo Deus“ verwandeln. Den Herren über Leben und Tod, über Tag und Nacht. In höhere Wesen, die, wie die Wissenschaft glaubt, irgendwann in diesem Jahrhundert aufgehört haben werden, „Mensch“ zu sein. Doch wenn keiner mehr an Gott glaubt, weil jeder selbst Gott spielt, wer macht eigentlich Platz für die Sterblichen? Wenn alle Meister sind, wer will da noch Lehrling sein? Erleben wir das nicht jetzt schon mit etlichen Jungjägern, die schon alles zu können glauben? Ich finde Fortschritt gut. Aber er muss Grenzen respektieren. Tod und Leben. Mond und Sonne. Erfolg und Niederlage. Sie sind kein Ärgernis der Technik. Sie sind Naturprinzipien. Sie machen das Leben lebenswert.

Viel Waidmannsheil wünscht
Unterschrift Dr. Lucas von Bothmer
Dr. Lucas von Bothmer
  • Feldreviere
    • Erfahrung: Vom Rohdiamanten zur Revierperle
    • Praxis: Wiesenschäden einfach glatt bügeln
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