Blattzeit – Sex nach Kalender

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Rehbock im Feld / pixabay

Wenn der erste Rehbock hinter einem Schmalreh herzottelt, reden viele Jäger bereits vom Beginn der Blattzeit. Das ist schlicht falsch. Eventuell beginnt die Brunft, aber selbst das ist nicht sicher. Der JÄGER schreibt über die Biologie von Rehwild und Waidmann. Wir sind schließlich alle triebgesteuert!

 

Brunft und Blattzeit sind zweierlei. Brunft ist der Zeitraum, in dem die große Mehrheit der Schmalrehe und Geißen paarungsbereit ist. Die höheren Gebirgslagen ausgenommen, ist das von Mitte Juli bis Anfang August. In höheren Lagen verschiebt sich die Paarungsbereitschaft nach hinten. Das heißt jedoch nicht, das erwachsene weibliche Rehe drei Wochen paarungsbereit wären. Ganz im Gegenteil, es sind – in der Regel – nur wenige Tage in diesem Zeitrahmen.

Blattzeit nennen wir eigentlich nur den letzten Abschnitt der Brunftzeit. Das ist die Zeit, in welcher der Jäger früher zum Blatten ging. Gut – aber warum nutzte er nur die letzten Tage? Weil er wusste, dass es sich vorher nicht wirklich lohnt! Dazu müssen wir versuchen, uns in die Jagd unserer Großväter und Urgroßväter hineinzudenken. Das hatte ja mit dem, was wir heute „spielen“, eher rudimentär zu tun. Jagd kam noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend ohne Hochsitz aus. Die Optik, die Hermann Löns und seine Zeitgenossen auf der Büchse hatten, würde heute Mitleid erzeugen. Inzwischen bilden wir uns ein, ein Weitschussseminar besuchen zu müssen. Die „Alten“ schossen ihren Rehbock und anderes Schalenwild auf „satte“ 60 Meter und die weitaus meisten Böcke starben sogar im Schrothagel. Da war es durchaus sinnvoll, sich auf jene Tage zu konzentrieren, an denen man die Böcke „heranziehen“ konnte.

 

In Wahrheit treibt die Ricke den Bock in der Blattzeit 

 

Es fängt schon damit an, dass immer noch ganz locker gesagt und geschrieben wird, der Bock „treibe“ die Ricke. Gut – das mag so aussehen, ist aber in Wahrheit genau umgekehrt. Es ist wie im richtigen Leben: Die Damen haben Magneteigenschaften und ziehen die Herren hinter sich her. Diese aber spielen, an einer unsichtbaren Leine hängend, die Machos. Es ist einzig die Ricke, die das Sagen hat! Sie wählt aus und sie animiert. Der Bock ist nicht der Herrscher, eher der Knecht – der Trottel. Sie nimmt – wenn sie ihn wirklich will – Rücksicht auf ihn. Jeder kann das in der Brunft draußen beobachten. Der Macho treibt scheinbar, doch wenn die Ricke stehen bleibt, bleibt auch er stehen. Wird die Ricke schneller, legt auch er nach. Nicht selten wird ihm die Lauferei zu viel und er folgt ihr nicht mehr. Dann bleibt auch sie stehen, vorausgesetzt, sie hat Interesse an ihm…

 

 

 

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Viel Spaß beim lesen wünscht Ihnen die Redaktion.