Rehwild bestätigen: Tipps für die Bestandsaufnahme im Frühling

In Rehwildrevieren ist es üblich, sich im Frühjahr einen Überblick über den Rehwild-Bestand zu verschaffen. JÄGER-Chefredakteur CHRISTIAN SCHÄTZE erklärt, wie die Bestandsaufnahme gelingt.

Rehwild bestätigen

Beim Bestätigen von Rehwild kann man immer mit dicken Überraschungen rechnen © Fotos: Christian Schätze

Vor der neuen Jagdsaison sollte man sich einen Überblick über den Rehwildbestand im Revier verschaffen. Dabei geht es nicht etwa um das genaue „Zählen“ der Stücke – das ist ohnehin quasi unmöglich. Dennoch ist eine möglichst genauer Bestandaufnahme essenziell für den Umgang mit dem Rehwild im Revier. Eine der gebräuchlichsten Methoden der Bestandsaufnahme ist der Gruppenansitz. Dabei gilt: Je mehr Leute daran teilnehmen, desto besser.

Rehwild im Schnee

Im März sollte man die Schneetage nutzen und zu Kamera, Teleobjektiv und Stativ greifen.

Sammelansitz mit Fernglas, Protokoll und Kugelschreiber

Als ich vor Jahren in einem Revier in Rheinland-Pfalz zur Jagd ging, war der Gruppenansitz im März/April zur Bestandsaufnahme eine feste Größe. Dabei trafen sich am späten Nachmittag des ersten Tages 10-12 Jäger, um im Nordteil des 550 Hektar großen Reviers anzusitzen.

Neben dem Fernglas waren alle lediglich mit einem Protokoll und einem Kugelschreiber bewaffnet – obwohl auch immer mit Schwarzwild zu rechnen war. Natürlich wurde gelegentlich darüber diskutieret, beim „Rehwild-Zählen“ auch Sauen zu erlegen. Doch am Ende blieb es immer ein Beobachtungsansitz.
Kam Rehwild in Anblick, wurden Stückzahl, Geschlecht und Altersklassen sowie Zugrichtung notiert. Das sollte Doppelzählungen vermeiden. Tipp: Mithilfe des Wärmebildgerätes lassen sich auch Stücke in dichtem Bewuchs bestätigen. Je nach Entwicklungsstand des Bastgehörns kann sogar zwischen männlich und weiblich unterschieden werden.

Dasselbe fand am kommenden Morgen im südlichen Teil des Reviers statt. Besetzt wurden vor allem Sitze an guten Äsungsflächen (Wildäcker, Rapsschläge, Winterweizen etc.). Ebenso relevant waren Ansitze, von denen man größere Teile des Revieres überblicken konnte.

Rehwild im Rapsschlag

Wer Rapsschläge im Revier hat, sollte dort sein Glück versuchen.

Gummipirsch mit Spektiv oder Digitalkamera: Rehwild aus dem Auto bestätigen

Bei schlechtem Wind wurde gelegentlich aus dem Auto heraus beobachtet. Das ist beim Bestätigen von Wild immer eine gute Möglichkeit ist, störungsarm zu arbeiten. Wird vernünftig gejagt, hat Rehwild keinerlei Probleme mit Autos. Das ist allerdings leider nicht überall der Fall. Der Vorteil dieser Methode ist, dass man dadurch ein ganz gutes Bild vom Bestand und dem Geschlechterverhältnis bekommt. Besonders schwache Stücke wurden anschließend gesondert erfasst, um in deren Einständen ab April/Mai Bejagungsschwerpunkte zu setzen.

Stehen nicht genügend Beobachter bei der Bestandsaufnahme zur Verfügung, ist es nötig, als Einzelperson den Beobachtungszeitraum zu verlängern und auf andere Verfahren zurückzugreifen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass das am besten mit dem Auto und der „Gummipirsch“ gelingt. Dabei sollte auch immer die Digitalkamera mit dem Teleobjektiv (z. B. 150-600 mm Brennweite) oder ein Spektiv mit 25- bis 40-facher Vergrößerung mit Stativ und Adapter fürs Smartphone dabei sein. Der Vorteil der Kameramethode ist, dass danach nicht nur Stückzahlen (Geschlechterverhältnis usw.) sowie Skizzen der bestätigten Böcke zur Verfügung stehen. Mit dieser Methode entstehen auch Fotos, die sich speichern und dank der Möglichkeit des Vergrößerns ganz genau auswerten lassen.

Mit dem fliegenden Auge auf Bestätigungsflug

Als technisches Hilfsmittel kommen immer öfter auch Drohnen zum Einsatz. Dank ihrer Mobilität und der technischen Ausstattung mit Kamera und/oder Wärmebildgerät, sind interessante Bestätigungsflüge möglich. Kommen Drohnen zum Einsatz, sollte der Pilot diese jedoch so behutsam wie möglich einsetzen. Es ist sicher verlockend, sich das eine oder andere Stück mal aus der Nähe anzusehen. Das ist aber auch immer mit einer Störung des Wildes verbunden. Daher: Immer schön Abstand halten! Wurde die Drohne zum Zweck der Kitzrettung angeschafft und die Anschaffung finanziell gefördert, sollte außerdem unbedingt geprüft werden, ob der Einsatz zur Rehwild-Bestätigung im März/April erlaubt ist.

Wildkameras an besonders frequentierten Plätzen

Im Waldrevier, in dem die Weitsicht stark limitiert ist, können Wildkameras zur Bestandsermittlung eingesetzt werden. Zu viel sollte man sich von dieser Methode jedoch nicht erwarten. Um halbwegs vernünftige Ergebnisse zu erzielen, müsste das Revier in der Fläche förmlich damit „vermint“ werden. Dies ist nicht nur sehr aufwendig, sondern auch teuer. Die Stärke der Wildkamera ist und bleibt, scheues Wild (z. B. heimliche Böcke) zu jeder Tageszeit abzulichten. Wer es trotzdem damit versuchen möchte, sollte die Geräte an Plätzen installieren, die regelmäßig vom Rehwild aufgesucht werden. Dabei sind vor allem Wechsel, Salzlecken und Kirrungen zu nennen.

Rehwild an Salzlecke

Salzlecken sind immer ein guter Platz für die Wildkamera.

Bei der Kameraeinstellung ist darauf zu achten, dass das Gerät immer sowohl Fotos als auch Videos aufzeichnet. Dadurch bekommt der Jäger deutlich mehr vom Rehwild mit, als wenn nur Einzelbilder geschossen werden. Egal, für welche Methode sich der Rehwildjäger am Ende entscheidet: Er muss sich immer dessen bewusst sein, dass die Ergebnisse nur eine ungefähre Schätzung des Wildbestandes zulassen. Schlechte Witterung, Vegetation (spätes Frühjahr), Störungen durch Freizeitsport, Land- und Forstwirtschaft, aber auch durch uns Jäger selbst, können die Zahlen verfälschen.

Rehwild im Revier: Bestände ermitteln und sauber auswerten

Bei schlechten Witterungsbedingungen (Dauerregen, Sturm, Kälteeinbruch o. Ä.) ist es ratsam, den angesetzten Gruppensitz zu verschieben. Ruhige Tage mit Sonnenschein sind hingegen ideal, weil da das Wild deutlich aktiver ist. Tipp: Beim Morgenansitz sollte man nicht zu früh abbaumen. Gerade unser Rehwild bummelt morgens relativ lange durchs Revier. Zu jeder Bestandsermittlung gehört selbstverständlich eine Auswertung. Neben der Stückzahl, bei der man immer mit einer hohen Dunkelziffer an nicht erfassten Stücken rechnen muss, ist vor allem das Geschlechterverhältnis interessant. Ist dies, und das dürfte in den meisten Revieren der Fall sein, deutlich zugunsten des Weiblichen verschoben, sollte während der Jagdzeit entsprechend darauf reagiert werden.

Viele gut geführte Rehwildreviere haben das Geschlechterverhältnis ausgeglichen, indem sie über mehrere Jahre pro erlegtem Bock zwei oder drei weibliche Stücke erlegt haben. Dadurch steigen mittelfristig nicht nur die Wildbretgewichte deutlich, sondern auch die Trophäenstärke. Ob der Eingriff groß genug war, zeigen dann die zukünftigen Bestandserhebungen. Die Zahlen sprechen über die Jahre eine deutliche Sprache.

Rehwild im Feld

Im März kann man sehr gut das Geschlechterverhältnis erkennen.