Wie lange bleibt ein Rehkitz bei seiner Mutter?

Kitze und Kälber brauchen ihre Ricken und Alttiere. Tierärztin Kathleen Teegen hat untersucht, welche Rolle Bindung und Säugen für die Entwicklung des Schalenwildes spielen.

Rehkitz mit Mutter

Oftmals wird die Bedeutung der Ricke für das Kitz unterschätzt. © Naturfoto Schilling

Ein Rehkitz im hohen Gras, ein Kalb, das dem Alttier, seiner Mutter im Winterrudel folgt – Jägerinnen und Jäger stehen immer wieder vor derselbe Frage: Ab wann können Alttiere und Ricken bejagt werden, ohne dass Jungwild zurückbleibt, das der Führung bedarf?

Besonders auf Drückjagden, wo Entscheidungen schnell fallen müssen, ist dieses Wissen entscheidend für die Waidgerechtigkeit. Während in der Praxis oft gilt: „Nach einem halben Jahr sind die Jungtiere selbstständig“, zeigen wildbiologische Beobachtungen und Vergleiche mit Hauspferden, dass die Wirklichkeit deutlich komplexer ist. Das Absetzen ist kein festes Datum, sondern ein individueller Prozess, der Monate länger dauern kann, als viele annehmen.

Rottier mit Kalb

Beim Rotwild ist die Bindung zwischen Alttier und Kalb besonders groß. © Sven-Erik Arndt

So lange braucht ein Rehkitz seine Mutter

Rehkitze werden in den ersten Lebenswochen abgelegt: Sie liegen allein im Gras und die Ricke kommt nur in Intervallen zum Säugen. Bereits nach wenigen Wochen folgen die Kitze der Mutter und beginnen zu äsen (Stubbe, 1997). Doch Milch bleibt lange Zeit ein wichtiger Nahrungsbestandteil. Selbst wenn die Jungtiere schon Kräuter, Eicheln oder Heu aufnehmen, liefert die Milch hochverdauliches Eiweiß, schnelle Energie und wertvolle Antikörper (Bäumler, 2011).

Das erklärt, warum Ricken ihre Kitze auch noch im Januar oder Februar säugen können. Für das Kitz ist das wie ein Sicherheitsnetz – gerade in harten Wintern. Ein vorschnelles Trennen von Mutter und Jungtier durch die Jagd kann hier gravierende Folgen für den Nachwuchs haben.

Rot- und Damwildkälber sind sogenannte „Folger“: Von Geburt an bleiben sie in engem Kontakt mit der Mutter. Milch spielt auch hier länger eine Rolle, als es die Faustregel von „sechs Monaten“ nahelegt. Studien belegen, dass Rotwildkälber häufig noch im Frühjahr gesäugt werden, obwohl sie längst selbstständig äsen (Georgii, 1980). Eine Untersuchung von Wagenknecht (1981) zeigt zudem, wie stark sich die Gewichtszunahme über die Monate entwickelt.

Warum ist Muttermilch für Jungwild so wichtig?

Im August erreichen Kälber im Schnitt 63 % ihres Novembergewichts, im September 79 %, im Oktober 88 %, im Dezember 95 % und im Januar 93 %. Zum Winter hin steigt das Gewicht also rasch an, gleichzeitig kommt es aber zu einer Wachstumsverzögerung bis ins Frühjahr (Blaxter et al., 1974).

Auch die Dauer des Säugens variiert: Clutton-Brock (1982) stellte fest, dass trächtige Alttiere ihre Kälber meist schon im Alter von fünf bis sieben Monaten entwöhnen. Bei nicht trächtigen Muttertieren dagegen konnte Säugen bis weit in den folgenden Sommer beobachtet werden – mit Schwankungen je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot. Milch ist damit nicht nur Nahrungsquelle, sondern auch Puffer gegen Umweltschwankungen.

Muttermilch ist ein hoch konzentriertes Überlebenspaket. Auch wenn Jungtiere längst äsen, bleibt sie eine entscheidende Ergänzung. Durchschnittswerte:

  • Reh: 12–14 % Fett, 7–8 % Eiweiß, 3–4 % Milchzucker (Stubbe, 1997)
  • Rotwild: 8–10 % Fett, 6–7 % Eiweiß, 4–5 % Milchzucker (Ellenberg, 1999)
Erlegte Kitze

Eine Kitzdublette ist zwar gut, das Optimum wäre aber die Erlegung der Kitze und der Ricke. © Kim Trautmann

Warum lebt Rotwild in Mutterfamilien?

Rotwild lebt nicht im „einheitlichen Kahlwildrudel“, sondern in Mutterfamilien. Häufig beobachten wir Dreiergruppen aus Alttier, Schmaltier und Kalb – Wilfried Bützler bezeichnet diese Konstellation als „Gymnopädium“ (Bützler, 2001). Ein Kahlwildrudel ist also eine Ansammlung mehrerer solcher Familieneinheiten.

Diese Fürsorge hat Folgen: Zum einen werden die Jungtiere länger unterstützt, zum anderen steigt die Stabilität des gesamten Sozialverbandes. Bützler beschreibt drei Ergebnisse dieser Fürsorge:

  1. eine Untergliederung in Mutterfamilien
  2. eine stärker ausgeprägte Führerschaft
  3. eine größere Stabilität des Rotwildrudels

Was lernt das Rehkitz von seiner Mutter?

Das Überleben eines Rudels in einer feindlichen Umwelt hängt von seiner sozialen Organisation ab. Hirsch– und Kahlwildrudel könnten nicht bestehen, wenn die Beziehungen der Tiere untereinander nicht sorgfältig geregelt wären. Neben angeborenen Instinkthandlungen – etwa Aufwerfen des Hauptes, Lauschen oder Witterungsaufnahme – spielt gelerntes Verhalten eine große Rolle.

Ein Alttier, das bei Gefahr sichert, gibt den Takt vor. Kälber werfen ebenfalls auf und folgen dem Beispiel – ob es zur Flucht oder zum Weiteräsen kommt. Dieses Lernen durch Nachahmung bezeichnet Bützler als Soziallimitation. Sie führt zu einer Verhaltenssynchronisation, die gemeinsames und schnelles Handeln ermöglicht.

Reh springt duch Wald

Dass ein weibliches Stück allein in Anblick kommt, heißt nicht, dass es nicht führt. © Michael Migos

Wann endet die Bindung an die Mutter?

Zu Beginn ihres Lebens stehen Hirschkälber bei ihren Müttern. Die Mutterbindung endet meist mit Ablauf des ersten oder zweiten Lebensjahres. Danach schließen sich die Jungtiere dem Hirschrudel an. In besonderen Fällen kann sich diese Phase verlängern: Für schottische Hirsche und Tiere im Schweizerischen Nationalpark ist ein Verbleib im Kahlwildrudel bis zum vierten oder fünften Lebensjahr dokumentiert (Clutton-Brock, 1982).

Bützler vermutet, dass diese Hirsche aufgrund ungünstiger Umweltbedingungen langsamer reifen und daher länger auf mütterliche Fürsorge angewiesen sind. Charakteristisch ist auch, dass sich ältere Kälber nach dem erneuten Setzen der Mutter häufig wieder anschließen.