Die winterliche Fuchsranz: Warum laufen Füchse jetzt so weit?

Die Ranz treibt den Rotfuchs auf die Läufe. Welcher Fuchs wann wie weit läuft, erforscht Wildbiologe Dr. Christof Janko schon seit Jahren und hilft uns so, Strecke zu machen.

Füchse im Schnee

Füchse zieht es in der Ranz notorisch zueinander hin. Dafür werden schon mal weite Strecken zurückgelegt. © Helmut Pieper

Morgens 8.00 Uhr am Sammelplatz, das Verfrachten der Schützen auf ihre Stände hat begonnen. Kurz darauf sind die ersten Hochsitze bezogen. Da bummelt auch schon Meister Reineke seelenruhig durch den Bestand auf den Drückjagdbock zu. Es ist Winter, die Zeit der Bewegungsjagden und der Fuchsranz. Während sich die meisten nun Gedanken machen, wie sie Reineke zur Strecke bringen, stellen sich mir nach vielen Jahren der Fuchsforschung stets die Fragen:

Fähre oder Rüde? Jung oder alt? Wo kommt der Rote her, und – vor allem – wo will er hin? Hinzu kommen am Streckenplatz die Diskussionen über die Fuchsjagd, hohe Winterstrecken und wie diese Jahr für Jahr zustande kommen.

Vielseitige Jagd in der Fuchsranz

Die Jagd auf den roten Freibeuter wird landauf, landab in vielen Revieren praktiziert. Die vielseitigen und reizvollen Jagdarten, mit welchen Füchsen nachgestellt werden kann, macht sie zu einem interessanten Jagdpaket. Zudem ist eines sicher – Füchse kommen in jedem Jagdrevier vor.

Während Füchse bei den winterlichen Bewegungsjagden auf Sau und Reh quasi beiläufig mitbejagt werden, ist die Palette der Jagdarten auf den Fuchs so groß wie bei keiner anderen heimischen Wildart. Sie reicht von der Ansitzjagd über das Locken und Reizen, dem Fallenfang bis zu Bewegungsjagden, kleinen Drückerchen und der Bejagung am Natur-, Kunstbau oder Luderplatz. Aber zurück zur Frage nach der winterlichen Fuchsbejagung, den erzielbaren Fuchsstrecken und dem Fuchs selbst.

Tote Füchse

Hohe Fuchsstrecken werden dann erzielt, wenn man die ganze Palette an Jagdarten nutzt. © Dr. Christof Janko

Darum suchen Füchse die Nähe zum Menschen

Ein Faktor ist die Fuchsdichte im jeweiligen Lebensraum, denn dieser bestimmt generell, wie viele Füchse im Revier vorkommen. Füchse sind Generalisten. Ihr Raumverhalten wird im Wesentlichen von der Verfügbarkeit von drei Ressourcen gesteuert: von Fraß, Schlafplätzen und Bauen, vor allem Wurfbauen. Kommen diese auf kleiner Fläche vor, sind hohe Fuchsdichten möglich. Sind sie weiter verteilt, dünnt sich auch die Fuchsdichte dementsprechend aus. Da jeder Lebensraum eine unterschiedliche Verfügbarkeit und räumliche Verteilung dieser drei Schlüsselressourcen bietet, schwankt die Fuchsdichte somit in Abhängigkeit vom Lebensraum.

Hierbei folgt die Fuchsdichte einem Stadt-Land-Gradienten. Sie nimmt von Offenlandbereichen über Dörfer und Kleinstädte bis hin zur Großstadt kontinuierlich zu. Je städtischer der Lebensraum, desto höher die Fuchsdichte. In der Großstadt tummeln sich mit rund zehn bis 15 Füchsen pro Quadratkilometer mehr als zehnmal so viele Füchse wie in Wald-Feld-Gebieten. Dort liegt die Dichte bei etwa ein bis zwei Füchsen pro Quadratkilometer. Eine Zwischenstellung nehmen Dörfer und Kleinstädte ein, wo rund drei bis fünf Füchse pro Quadratkilometer leben.

Junger Fuchs/Gebiss

Die Antwort auf die Frage nach dem Alter des Fuchses liefert das Gebiss. Dieser ist etwa einjährig. © Dr. Christof Janko

Wie hoch ist die Fuchsdichte wirklich?

Ein überwiegender Teil unserer Reviere sind jagdliche Wald-Feld-Gemengelagen mit eingesprengten Dörfern. Der Umstand, dass um Dörfer und kleinere Städte höhere Fuchsdichten herrschen, wird gerne vergessen. Er hebt aber die Fuchsdichte im Revier generell an. Dorffüchse nutzen nämlich die Ortschaften und das jeweilige Umland als Streifgebiet. Das geschilderte Muster der Fuchsdichten (in Abhängigkeit vom Lebensraum) folgt vom Darß bis zum Hochgebirge immer denselben Regeln und bestimmt somit generell die Grundausstattung an Füchsen im Revier.

Die Fuchsdichte im Revier ist folglich ein Faktor. Diese Revierdichte wird durch Standfüchse repräsentiert, welche ihr Streifgebiet im Jagdrevier haben. Aus vielen Beispielen wird klar, dass die Abschusszahlen diese Revierdichte jedoch weit übersteigen kann. Praxisbeispiele aus Revieren mit intensiver Fuchsbejagung zeigen, dass die Abschussdichte auf Revierebene oftmals zwei bis dreimal oder sogar bis zum Zehnfachen höher liegen kann als die veranschlagte Revierdichte der Standfüchse.

Darum bringt die Fuchsranz alles durcheinander

Jetzt kommt das arteigene Verhalten des Fuchses hinzu, das im Jahresverlauf schwankt. Es macht die Fuchsdichte zu einem überaus dynamischen System. Nur auf die Standfüchse zu schauen, ist ein starrer Ansatz, und hier liegt der Fehler, denn unsere Fuchspopulationen agieren sehr dynamisch. Besonders der Winter ist für Fuchs und Jäger gleichermaßen die bedeutendste Jahreszeit.

Die winterliche Fuchsranz ist eine entscheidende Phase im Leben des Rotfuchses und der zweite Faktor für das Erzielen hoher Strecken. Obwohl die befruchtungsfähige Zeitspanne der Fähen mit zwei bis drei Tagen äußerst kurz ist, dauert die gesamte Ranz in Mitteleuropa von Mitte Dezember bis Anfang März. In diesen Zeitraum fällt ebenso die Hauptbejagungszeit des Fuchses.

Fuchs in weißer Winterlandschaft

Traumhafte Szene: suchender Fuchs in weißer Winterlandschaft am helllichten Tage. Welcher passionierte Fuchsjäger würde nun nicht gern auf dem Platz des Fotografen hocken!? © Rafal Lapinski

So finden sich Füchse während der Fuchsranz

Ein typischer Kontaktruf in der Ranzzeit ist das „wow wow wow”, eine Art heiseres Bellen. „Wo bist du? Ich bin hier!“ ist die Botschaft zwischen Rüden und Fähen. Insgesamt haben Füchse rund 30 Kontakt- und Drohrufe im Repertoire. Viele davon benutzen sie zur Hochzeit im Winter.

Warum die Fuchsranz Füchse so mobil macht

Die höchsten Strecken werden über die Wintermonate hinweg erzielt, und ein Grund für viele Jäger ist die sinnvolle Verwertung des Balgs. Der dritte Faktor ist der Jäger selbst in Form seines Jagdengagements und seiner Passion. Die kleinen Helfer des Jägers sind neben Mondlicht und Schnee auch die Ranzzeit der Füchse selbst. Meister Reineke ist im Winter sehr mobil, und innerhalb der Fuchspopulation herrscht jetzt die höchste Mobilität.

In dieser Phase zeigen unsere Füchse zum Teil völlig andere Verhaltensmuster als außerhalb der Ranzzeit. Die Liebesdüfte der Fähen wirbeln die Population gehörig durcheinander. Um die hohen Winterstrecken zu erklären, spielen folglich nicht nur die Standfüchse eine Rolle, sondern es kommen zwei weitere Fuchstypen hinzu. Ich nenne diese zur weiteren Erklärung „Ranzfüchse“ und „Wanderfüchse“.

Fuchs im Schnee/Fuchsranz

Bei Wanderfüchsen handelt es sich meist um Jungfüchse, die auf der Suche nach Fähen und einem eigenen Streifgebiet sind. © Fotolia/Daniele

Standfuchs, Ranzfuchs oder Wanderfuchs?

Um die hohe Dynamik innerhalb einer Fuchspopulation zu erklären, muss in drei Fuchstypen unterteilt werden.

  • Standfüchse sind die Füchse, welche in einem gewissen Raum oder Jagdrevier in ihren Streifgebieten leben.
  • Ranzfüchse sind vor allem männliche Füchse, die auf ihrer Suche nach Fähen mitunter kilometerweit umherstreifen oder ihr Streifgebiet tageweise verlassen.
  • Wanderfüchse sind diesjährige Jungfüchse, welche im Spätherbst in die Pubertät kommen. Sie gehen weite Wege, um an der Ranz teilzunehmen und sind zudem auf der Suche nach einem eigenen Streifgebiet.

Wie weit Ranzfüchse in der Fuchsranz ziehen

Ranzfüchse sind vor allem männliche Füchse, welche in der Ranz zu benachbarten Bauen wandern oder generell auf der Suche nach Fähen sind. Teilweise schauen auch Fähen über ihren Tellerrand und wandern aus ihren Streifgebieten ab. Auf der Suche nach Partnern können die Rüden kilometerweit umherstreifen. Drei Kilometer legte einer meiner besenderten Rüden zurück, und es ist davon auszugehen, dass problemlos weitere Entfernungen zurückgelegt werden.

Ein zweiter Rüde, in unmittelbarer Nachbarschaft, wanderte hingegen nicht ab und verteidigte seinen alteingesessenen Fuchsbau, welcher mehr als 28 Einfahrten hatte. Ein anderer Rüde war regelmäßig für mehrere Tage nicht in seinem Streifgebiet, sondern sozusagen auf Freiersfüßen unterwegs. Der Aktionsraum zur Ranz kann um 100 bis 300 Prozent größer sein als das eigentliche Streifgebiet. Somit halten sich diese Füchse in fremden Streifgebieten auf. Wenn sie dort erlegt werden, hat dies keinen Einfluss auf die Standfuchsdichte.

Karte

Rüde 1 (blaues Polygon = Streifgebiet; gelbe Linien = Laufwege) wanderte in einer Ranznacht auf der Suche nach einer Fähe rund drei Kilometer. Rüde 2 erwies sich als Stubenhocker (gelbes Polygon). Er blieb in seinem Streifgebiet. © FAZST & CHEWY

So stark verändern sich Streifgebiete in der Fuchsranz

Füchse sind zur Ranz sehr viel auf den Läufen. An sendermarkierten Füchsen konnte gezeigt werden, dass sich die Größe der Streifgebiete in der Ranz verdoppeln und verdreifachen kann. Wanderdistanzen zu den Bauen liegen bei wenigen Hundert Metern, können aber auch mehrere Kilometer betragen.

Karte/Fuchsranz

Der besenderte Fuchsrüde Ben vergrößerte seinen Aktionsradius zur Ranzzeit um bis zu 300 Prozent. Die grünen Dreiecke zeigen die in dem Gebiet bekannten Fuchsbaue, die unterschiedlich häufig aufgesucht wurden. © Dr. Christof Janko

Wanderfüchse: warum Jungfüchse im Winter abwandern

Ebenso verhält es sich mit Wanderfüchsen. Wanderfüchse sind Jungfüchse, die im Spätherbst in die Pubertät kommen und im Winter zum einen an der Ranz teilnehmen und zum anderen auf der Suche nach einem eigenen Streifgebiet sind. Sie sind aufgrund der zwei Faktoren Streifgebiet und Partnersuche extrem mobil. Es wandern vor allem männliche Jungfüchse ab, aber auch junge Fähen, wenn das elterliche Streifgebiet nicht genügend Ressourcen für alle bereithält.

Diese Wanderfreude kann bereits im August beginnen und hat ihren Höhepunkt im Winter. Der Zeitraum der höchsten Mobilität innerhalb der Fuchspopulation wird somit durch die Wanderungen der Standfüchse zur Ranz und sehr stark durch die beschriebenen Wander und Ranzfüchse beeinflusst. Die Population wird wild durcheinandergemischt, und die Chancen, hohe Fuchsstrecken zu erzielen, sind optimal.

Welcher Fuchs liegt am Ende auf der Strecke?

Somit liegt die Chance, im Winter einen Standfuchs erlegt zu haben, rein rechnerisch bei eins zu drei. Dadurch aber, dass Wander- und Ranzfüchse das System sehr stark durcheinanderwirbeln, kann das Verhältnis sogar bei eins zu sechs liegen. Wenn also im Winter ein Fuchs erlegt wird, stellt sich die Frage: Was liegt denn da – Standfuchs, Ranzfuchs oder Wanderfuchs?

Von Dr. Christof Janko

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