Kurz und knapp vorab: Richtiges Verhalten bei der Begegnung mit einem Wolf
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JÄGER: Zunächst einmal: Wie kommt es überhaupt, dass ein Wolf in die Stadt geht?
Prof. Dr. Klaus Hackländer: Wir haben hier in Niedersachsen eine sehr hohe Dichte an Wölfen, da ist die Wahrscheinlichkeit jetzt zu dieser Zeit sehr hoch. Die Jungtiere werden, spätestens wenn sie zwei Jahre alt sind, aus dem elterlichen Revier rausgeschmissen und gehen dann auf Wanderschaft. Jetzt muss man sich vorstellen, wenn Niedersachsen eigentlich schon voll ist mit Revieren, hat das Jungtier natürlich kein leichtes Leben. Wird von einem Revier zum anderen weitergeschickt, überall verbissen.
Und dort, wo es noch keine Konkurrenz gibt, sind eben Siedlungen und Städte. Denn gleichzeitig haben wir natürlich auch eine hohe Dichte an menschlichen Siedlungen. Das bedeutet, die Wahrscheinlichkeit, dass Wölfe eben auch in Siedlungen oder Städte hineingehen, ist sehr hoch. Auch wenn es jetzt nicht in Niedersachsen war, sondern im benachbarten Bundesland Hamburg.
Kann man dann davon ausgehen, dass solche Vorfälle öfter passieren, wenn die Anzahl und damit Dichte weiterhin steigt?
Davon ist auszugehen, das ist eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und dieser Wolf ist ja nicht böse, der war sicherlich nur verunsichert, gestresst. Vielleicht war er dann auch so in die Enge gedrängt, dass er beißen „musste“. Das hat nichts mit weniger Scheu oder so zu tun, sondern einfach mit der irren Menge, die da ist, und der Konkurrenz zwischen den Wölfen, so dass die Jungtiere in die suboptimalen Lebensräume abwandern müssen und das sind meistens dann eben diejenigen, die der Mensch dominiert.
Dann ist der Wolf in die Alster gesprungen. Da fragen sich natürlich viele: Kann so ein Wolf gut schwimmen? War das für ihn der vermeintlich letzte Ausweg? Oder war er einfach so verwirrt?
Also Wölfe können gut schwimmen, freiwillig gehen sie aber nicht ins Wasser, sondern nur wenn sie unbedingt müssen. Zum Beispiel wenn sie von A nach B müssen und da ist ein großer Fluss, dann gehen sie natürlich mal ans Wasser oder eben, wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen.
Wir wissen ja nicht alles, was da passiert ist, aber nachdem er einen Menschen gebissen hat, muss er unheimlich gestresst gewesen sein. Und vielleicht hat er den Ausweg im Wasser gesucht und probiert, woanders hinzuschwimmen, wo er es dann vielleicht ruhiger hat. Er wusste ja nicht, dass es auf der anderen Seite auch nicht besser ist. Das war also sicherlich eine Verzweiflungstat.
Ihrer Einschätzung nach: Kann man so einen Wolf wieder auswildern oder ist da jetzt Hopfen und Malz verloren?
Da kann man nur Annahmen machen. Ich glaube nicht, dass das ein Risikowolf ist, der also darauf aus ist, Menschen zu verletzen. Er hat jetzt auch die negative Erfahrung gemacht mit den Menschen. Das könnte sogar eine Chance sein, dass er jetzt sagt, okay, in die Nähe von Menschen gehe ich nicht mehr. Die Frage, die sich stellt, ist, wo will ich ihn aussetzen? Weil, wie gesagt, Niedersachsen ist recht voll. Überall, wo ich ihn aussetze, wird er wieder weiter wandern müssen, bis er irgendwo ein leeres Territorium findet.
Es gibt ein paar Flecken in Deutschland, wo es aus der Sicht mancher noch zu wenige Wölfe gibt. Baden-Württemberg, Bayern und so weiter. Da jetzt diesen einen Wolf hinzubringen, ist sicherlich auch nicht die Lösung. Also: Wieder aussetzen in die freie Wildbahn, grundsätzlich ja, aber die Frage ist halt noch wo.
Wie verhalte ich mich als Mensch, wenn ein Wolf vor mir steht? Und unterscheidet sich das Verhalten, wenn ich einen Hund dabei habe?
Grundsätzlich ist ein Hund natürlich erst mal etwas Interessantes, entweder als Konkurrent oder als Paarungspartner oder als Spielgeselle, wie auch immer. Hat man alles schon in Videos im Netz gesehen.
Wichtig ist, dass man versucht, Abstand zum Wolf zu halten, auch mit seinem Hund an der Leine. Dass man nicht versucht, sich dem Wolf zu nähern und zu schauen, was da ist oder vielleicht sogar ein Selfie zu machen oder irgendsowas, sondern dass man versucht, sich zurückzuziehen. Denn was wir nicht brauchen in Deutschland, sind Wölfe, die dran gewöhnt sind, dass Menschen ganz nah an sie herankommen, weil dann kommt es nur zu brenzligen Situationen.
Und wenn der Wolf nicht weggeht oder sich sogar nähert, dann ist natürlich wichtig, dass er merkt, okay, mit dem Menschen kann ich auch nicht spielen. Das heißt, ich muss mich groß machen, ich muss laut sein, in die Hände klatschen, schreien, wie auch immer. Und zur Not eben auch wehrhaft machen, indem man zum Beispiel einen Stein aufhebt oder einen Ast. Eventuell auch Sicherheitssuche in der Höhe, zum Beispiel auf dem Hochstand oder auf einen Baum raufklettern.
Das sind jetzt alles theoretische Beispiele. In der Praxis ist man wohl erst mal in einer Schockstarre, wenn das passiert. Aber wichtig ist, dass man nicht meint, „Ich glaube, das ist ein lieber Wolf und er tut nichts!“. Das ist ein gefährliches Tier und dem sollte man mit Respekt begegnen.
Vielen Dank für das Gespräch!






