Hirsch-Legenden: Außergewöhnliches Rotwild mit Schlappohr

Manche Hirsche fallen in ihrem ganzen Leben nicht sonderlich auf. Andere allerdings sind so markant, dass sich bald Legenden um sie ranken. Wir erzählen die Geschichte von einem solch außergewöhnlichen Hirsch.

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Zur Strecke gelegt: Wir erzählen die Geschichte von einem absoluten Ausnahme-Hirsch, wie ihn sich jeder Jäger erträumt. © Fotos: Redaktion

Seit fast zwei Jahrzehnten treffen wir uns alle paar Monate in einer netten Jagdhütte irgendwo im Nirgendwo. Wo genau, spielt gar keine Rolle: Es könnte ebenso in Brandenburg, der Heide oder in Thüringen sein. Es ist ein Ort, wie ihn viele kennen und sich mit Sicherheit alle wünschen: Hier geht es um zünftiges Ambiente, Abgeschiedenheit, leckeres Essen, vielleicht auch das eine oder andere Bierchen. Und im Mittelpunkt steht eigentlich nur die Jagd. Ein ganzes, langes Wochenende lang – an dem vor allem Rotwild im Fokus stehen würde.

Natürlich kommt hinzu, dass sich hier an diesen Tagen weltbestes, meisterliches Fachwissen vereint. Vom ambitionierten Wochenendjäger über Berufsjäger, Revierpächter und Tierarzt bis hin zur Försterin: alles dabei. Ein wahrer Nährboden für tiefgründige Gespräche und Diskussionen.
So war es auch im Spätsommer vor 6 Jahren. Nach und nach trudelten alle vom Abendansitz ein und konnten, nein, mussten von ihren Erlebnissen erzählen. Von tagaktivem Schwarzwild, einem Rudel Muffelwild. Und natürlich vom Rotwild, das sich so langsam am Brunftplatz einfindet.

Rotwild Legenden: Der 16-Ender

Zugleich war dies die Geburtsstunde einer bis heute andauernden Geschichte: Beim Rotwild wurde ein ziemlich markanter Hirsch angesprochen. Hoch auf, stark, lange Enden, Kronenhirsch, ein 16-Ender. Zudem mit einem abgeknickten Lauscher, einem richtigen Schlappohr.
Klar, dass diese Info Zündstoff hatte. Von „Den gibt es hier nicht“ bis „Der kommt bestimmt vom Nachbarn Schulze, der immer kirrt, als ob es kein Morgen mehr gibt“, war alles an Theorien dabei.

Und dann die Altersbestimmung. Blöd, dass ausgerechnet ich der arme Tropf war, der ihn im Anblick hatte. Der Gummistiefeljäger mit dem Niederwildrevier.
Ja, von welchem Kopf ist er denn? Schnell die gesichteten Merkmale subsumiert: starkes Gebäude, leicht hängender Rücken, gute Wamme, der Träger leicht gebeugt. Dachrosen – ja, hatte er auch, breit und leicht nach außen fallend. Das deutet doch mal auf … na ja … den 10. Kopf hin?
Ich mache es kurz: Wir haben uns weit nach Mitternacht auf ein festgesetztes Alter „vom 6. bis 12. Kopf“ geeinigt. Festgestellt wurde auch, dass es diesen Hirsch eigentlich gar nicht gibt. Es wurde also beschlossen, das Gesamtareal mit Wildkameras zuzupflastern, um das Alter nach Auswertung der Bilder dann ausgiebig und höchst wissenschaftlich zu diskutieren.

Intensive Beratungen zum Schlappohr

Man kann sich vorstellen, was in den kommenden Tagen in der WhatsApp-Gruppe los war, nachdem die ersten Bilder von Schlappohr kamen. Jedoch, auch nach dem Hochladen unzähliger Vergleichsbilder von Rotwild rund um den Globus, war nur eins klar: Wir müssen uns in der Hütte zur Beratung treffen. Freitag schnell freigemacht, Auto beladen, Hund in den Kofferraum und die Zehnerbande reiste aus Deutschland sternförmig an. Man wird es kaum glauben, aber wir konnten das Alter zumindest auf „um den 10. Kopf“ festsetzen. Der Prozess der Entscheidungsfindung dauerte lange, wobei der eine und die andere allein der guten Stimmung wegen ihre Ansicht ruhen ließen. Von Sicherheit und Bestimmtheit war bei der Ansprache nicht zu reden.
Nett für mich: quasi als Entdecker dieses „Aliens“, bekam ich auch die Freigabe, auf ihn anzusitzen.

Der 16-Ender lässt keinen Zweifel, wer der Chef des Brunftplatzes ist.

Es folgten acht intensive Wochenenden auf Tour, eine Familie daheim, die mir langsam aber sicher die Freundschaft kündigte, und ein kapitaler Motorschaden setzte dem Ganzen noch die Krone auf.

Und Schlappohr? Es war wie in einem schlechten Film. Dienstag bis Donnerstag konnte man, gut dokumentiert von zahlreichen Kameras und bereits Sekunden später in der Gruppe geteilt, nach seinem Austreten die Uhr stellen. Kaum kam ich auch nur in die Nähe des Reviers, war er entweder übers Wochenende verreist (… bestimmt beim Schulze, dem alten Kirrgangster!) oder kam genau an dem Sitz, auf dem ich eben gerade nicht saß.
Und zack: Brunft rum, das Ende der Jagdzeit rückt näher und der Hirsch zog von dannen, in seinen Wintereinstand.

Neues Jahr, neues…

Im Folgejahr dasselbe Spiel. Während die Hütten-Crew mich für meinen Ehrgeiz bewunderte, bewunderte ich allein die Gelassenheit und das Verständnis von Frau und Kindern daheim.

Und Schlappohr? Er war wie ein Geist. Er kam, wenn ich fern war, und blieb fort, wenn ich vor Ort war. Selbst auf eine ganz perfide Finte ist er nicht hereingefallen: Ich kam statt am Wochenende überraschend in der Woche. Mit im Gepäck: ein fetter Nebel – und ich fuhr als Schneider nach Hause.
Das Alter des Hirsches? Das war trotz unzähliger Bilder und diverser Sichtungen noch immer ein Mysterium. „Wenn der so gewitzt ist, dann ist er bestimmt älter, als wir dachten!“ Guter Einwand – aber wenn er so viel älter ist, dann müsste er doch schon zurücksetzen? Und so weiter und so fort. Die Spannung stieg, das Jagdhaus war gut besucht und es blieb in jedem Fall kurzweilig.

Wo ist er?

Im nächsten Jahr, also dem Jahr drei nach Entdeckung, war Schlappohr weg. Kam nicht mehr. Einfach so. Verschwunden. Auch aus den Nachbarrevieren, dem gesamten Hegering, war nichts bekannt. Andernorts konnte er nicht gefallen sein.
Wieder kam es zu wilden Diskussionen. Von „aus Altersgründen eingegangen“ bis hin zu ernsthaften Sorgen zu Wilderei – es war alles dabei, uns wurde nicht langweilig.

Und dann taucht ein weiteres Jahr später, wie aus dem Nichts, ein Hirsch auf. Mit einem markant abgeknickten Lauscher. Aber ist das auch unser Schlappohr? Er hatte bereits total zurückgesetzt, seine einst wuchtigen, langen Stangen waren nunmehr einem Knubbel und einem kleinen, krummen Spieß gewichen. Kann ein Hirsch überhaupt in so kurzer Zeit derart stark zurücksetzen?

Immer wieder lieferten Wildkameras den Beweis, dass der Hirsch noch da war.

So oder so – war er ein klarer Abschuss.
Und ausgerechnet unser Jüngster (bei uns jagt ja schon die Folgegeneration mit) hatte Waidmannsheil und die Kunde machte schnell die Runde.

Also wieder: Auto beladen, Hund in den Kofferraum, die Zehnerbande trifft sich am Jagdhaus. Alle waren da, um den Hirschen totzutrinken. Vor allem aber, um ihn in Ruhe und aus der Nähe zu besprechen.

Und wie alt ist der legendäre Hirsch?

Nun ja. Gebäude, Haupt, Träger, Rosenstöcke … kennen wir schon, ohne dass es wirklich weitergeholfen hat. Neu dabei: das Zahnbild. Mit dem Abschliff eines Roten vom etwa 10. Kopf. Nicht neu: Es gab keine 100%ige Klarheit. 10. Kopf und damit reif: ja.

ABER: In keinem Fall 13. oder gar 14. Kopf, was er aber hätte sein müssen, wenn es unser Schlappohr sein sollte und er damals schon zehn Lenze auf dem Buckel gehabt haben soll. Egal wie man es drehte und wendete, das Rechenspiel passte nicht.

Oder: Hatten wir damals falsch angesprochen und er war tatsächlich erst 5 oder 6? Bei dieser Expertenrunde eigentlich undenkbar. Zumal das wiederum die Frage aufwirft: Kann ein Hirsch vom 5. oder 6. Kopf schon eine solche Trophäe mit Kronen geschoben haben? Spießer, Gabler, 6er – und dann direkt zum 16er Kronenhirsch? Und überhaupt, gibt das Zahnbild ja nur einen groben Indikator, der Abschliff variiert ja je nach Äsung und Boden …

Einmal zum Zahnschliff

Da hilft nur das Zahnzementzonen-Verfahren und nach bangem Warten und satter Rechnung hatten wir es nun schwarz auf weiß: Der erlegte Hirsch ist tatsächlich 9 Jahre alt. Wer denkt, dass wir nun Gewissheit und damit Ruhe hatten, irrt gewaltig. Das zeigte sich, als ich vorm Schreiben des Textes noch einmal mit allen gesprochen habe.

Einige sind mittlerweile ein ganz klein wenig genervt – die lassen wir einfach mal außen vor. Wir können schließlich nichts dafür, wenn sie unseren Expertisen nicht folgen können.

Andere glauben, dass es tatsächlich Schlappohr ist, der stark zurückgesetzt zur Strecke kam. Und ein paar sind der Überzeugung, dass es ein völlig anderer Hirsch ist, der nur zufällig ein Schlappohr hatte.

Selbstverständlich können beide Lager ihre These breit und fundiert begründen und werden das, so hoffe ich, auch in den kommenden Jahren noch häufig tun. Denn Schlappohr hängt nun in der Hütte.

Mir ist nur einmal mehr klar geworden: So sicher und fundiert, wie hier und da gerne das Alter bestimmt und Wild angesprochen wird, ist in der Natur gar nichts.
Wir wissen sehr viel – aber im Grunde wissen wir gar nichts.
Und vielleicht macht gerade das den Reiz der Jagd mit all ihren Überraschungen aus.

DIE SICHT DES ERLEGERS

Kanntest du den Hirsch schon, bevor du auf ihn gejagt hast?

Ja, der Hirsch war bereits länger bekannt, aber keiner von uns wusste, wo er nach der Brunft geblieben war. Bis dann plötzlich ein Wildkamerabild kam, auf dem er unglaublich stark zurückgesetzt hatte. Wir alle gingen davon aus, dass das vermutlich sein letztes Jahr sein würde.

Und dann kam die Einladung, dass ich auf diesen Ausnahmehirsch jagen solle. Da ich die kommenden Tage noch unterwegs war, schaffte ich es erst zum Wochenende ins Revier. Der Berufsjäger hatte den Hirsch zuvor bereits einmal vorgehabt, die Spannung war also groß. Nachdem der Hirsch so lange Zeit verschwunden war, waren wir uns nicht sicher, ob wir ihn überhaupt in Anblick bekommen würden. Vielleicht war er ja schon wieder weg.
Am ersten Abend sind wir dann gleich raus ins Revier und haben uns an einer großen Wiese, inmitten von Altgras und von Baumreihen umgeben, angesetzt. Ganz in der Nähe der Stelle, an der Schlappohr das letzte Mal gesichtet worden war. Doch an diesem Abend blieb die Bühne zunächst leer. Ein Rudel Kahlwild zeigte sich, doch von unserem Hirsch keine Spur.
 
Erst am nächsten Morgen, als wir in aller Früh aufbaumten, konnten wir eine erste Wildbewegung im Dunst der Wiese wahrnehmen. Im allerersten Licht dann stand er plötzlich vor uns. Noch ein gutes Stück entfernt, kam Schlappohr über die Wiese langsam näher. Mein Puls raste, und als er schließlich auf uns zu zog und breit stand, konnte ich dem Hirsch die Kugel antragen. Das Jagdfieber wollte gar nicht mehr aufhören. Nach einer Viertelstunde baumten wir dann schließlich ab und freuten uns einfach nur unglaublich über diesen einmaligen Hirsch.
Ich weiß nicht mehr wie lange, aber wir standen sicher eine Dreiviertelstunde am Stück, so hat uns dieses Erlebnis gepackt.

Was bedeutet dieser Hirsch Schlappohr für dich?

Uns allen, die wir hier zusammen jagen, war der Hirsch seit fast sechs Jahren bekannt. Wegen seines markanten, eingeknickten Lauschers hieß er bei allen nur Schlappohr. Die Berufsjäger sagten, es sei ein alter Hirsch, da hatte keiner Zweifel daran. Auch als zuerst auf ihn gejagt wurde. Jahre davor hatte ich selbst Schlappohr als Monsterhirsch vor, damals war er allerdings für mich nicht frei, dann war er ein Jahr komplett weg, und jetzt ist er plötzlich wieder aufgetaucht und ich durfte ihn erlegen. Wir dachten, es sei definitiv derselbe Hirsch, er hat stark zurückgesetzt, er muss erlegt werden.
 
Bei der Hirschfeier war dann für alle klar, dass es der Hirsch „Schlappohr“ ist, auch die Nachbarreviere hatten es bereits vergeblich auf ihn versucht. Es kamen aber bald bei den ersten von uns Zweifel auf, ob er wirklich so alt ist. Dann kam schließlich das Ergebnis: neun, geschätzt wurde er auf bis zu 13–14 Jahre. Das heißt, dass der Hirsch wohl noch extrem jung gewesen sein muss, als zuerst auf ihn gejagt wurde. Ein verdammt starker, junger Hirsch, der jetzt mit einer Hormonerkrankung offenbar so zurückgesetzt hat. Es ist kaum vorstellbar, dass der Hirsch noch so jung ist und ihn wirklich alle als so alt angesprochen haben. Es zeigt aber auch, wie wenig wir doch oft über das Alter und die Geschichte unseres Wildes wissen.

Für mich wird er für immer ein unglaublich spannender und vor allem lehrreicher Hirsch bleiben, den ich persönlich mit einer ganz besonderen Geschichte verbinde.

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