Gamsjagd in den Alpen

Gemeinsames Waidmannsheil. Die erste Gams nach schweißtreibender Pirsch in traumhafter Bergkulisse – da wiegt Jagderfolg doppelt. ©Caroline Richter-Bonino

Gemeinsames Waidmannsheil. Die erste Gams nach schweißtreibender Pirsch in traumhafter Bergkulisse – da wiegt Jagderfolg doppelt. ©Caroline Richter-Bonino

Gamsjagd in den Alpen

Die Gamsjagd auf dem Dach Europas ist ein faszinierendes Abenteuer. JÄGER-Redakteurin Dr. Nina Krüger hat sie in den französischen Alpen erlebt und kommt aus dem Schwärmen nicht heraus

Frankreich liebt man – oder nicht. Ähnlich verhält es sich vermutlich mit der Gebirgsjagd. Wer sich noch nicht entscheiden kann, sollte dort einmal zur

Gams- oder Muffelbrunft im November oder Dezember jagen. Denn nichts kann einem das Herz für die französische Lebensart und die Jagd am Berg so sehr öffnen wie ein Jagdtag in Les Bauges.

SCHÖN UND WILDREICH

Wenn man an die Bergjagd denkt, hat man Frankreich nicht unbedingt auf dem Zettel. Völlig zu unrecht. Keine 80 Kilometer südlich des Genfer Sees liegt nämlich der Parc Naturel Regional du Massif des Bauges, ein 5.200 Hektar großes Jagd- und Wildtierschutzreservat mit außerordentlichem Wildreichtum. Die Managementziele des Naturschutzgebiets sind vorbildlich, denn man versucht dort, den Schutz der Gebirgsfauna und -flora mit den Interessen menschlicher Aktivitäten unter einen Hut zu bringen. Die Jagd unter der Leitung staatlich finanzierter Berufsjäger spielt dabei vor allem bei der nachhaltigen Nutzung der Wildbestände und dem Erhalt der Weidewirtschaft eine große Rolle. Die Berufsjäger koordinieren und unterstützen die Forschungsarbeiten, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen Schalenwild, Gebirgspflanzen, Weidetieren und menschlicher Nutzung beschäftigen. Die Hege ist so erfolgreich, dass Tiere aus Les Bauges eingefangen werden können, um Populationen in anderen Gebieten zu unterstützen. Zwar wurde das Naturreservat ursprünglich gegründet, um der rapiden Abnahme der Gamsbestände entgegenzuwirken, trotzdem sind es heute fünf Schalenwildarten, die in dem Gebiet gehegt, erforscht und bejagt werden. Neben Gams-, Muffel-, Rot– und Rehwild gibt es in Les Bauges auf 2.000 Meter über dem Meer noch eine Wildart, die man hier oben gar nicht erwartet hätte: das Schwarzwild.

AUF IM MORGENGRAUEN

Nach dem ersten Abend, an dem der französische Rotwein und die regionalen Käsespezialitäten unserer Reisegruppe die Zungen schwer und die Glieder träge gemacht hatten, waren wir mit unseren Jagdführern schon im Morgengrauen auf dem Weg in verschiedene Teile des Jagdgebiets. Wir, die beiden Jagdführer Thierry und Jean-Baptiste, die französische Journalistin Caroline und ich, stiegen steile Weideflächen empor. Überall war die Grasnarbe gebrochen. Hatte ich nicht mal gelernt, dass Schwarzwild nur im Flachland beheimatet ist? Eine Lehrbuch-Weisheit, für die sich die französischen Sauen offenbar nicht sonderlich zu interessieren scheinen. Auch Thierry, mit dem ich mich in einem bröckligen Sprachengewirr verständigte, zuckte nur die Schultern. Die unverkennbaren Wühlspuren begleiteten uns Höhenmeter um Höhenmeter hinauf. Erst als der Untergrund felsiger wurde, ließen wir sie hinter uns.

Blick über die Gipfel der französischen Alpen: ein atembe-raubendes Naturerleben. Allein das entlohnt nach strapaziösem Aufstieg. ©Michel Agel

Blick über die Gipfel der französischen Alpen: ein atembe-raubendes Naturerleben. Allein das entlohnt nach strapaziösem Aufstieg. ©Michel Agel

Der Morgen war kalt, aber der klare Himmel und die leuchtenden Bergspitzen kündigten einen strahlenden Jagdtag an. Schnell wurde der Aufstieg so schweißtreibend, dass wir die erste Pause einlegen mussten. Bisher hatten wir kein Wild in Anblick bekommen, aber die Natur rief trotzdem. Ich musste mal, also schickte ich den Rest der Gruppe voraus.

Gamswild äugt hervorragend. Oft hat es den Jäger mit, bevor er es überhaupt sieht. Wenn es ihm zu heikel wird, pfeift es und springt ab. ©Michael Agel

Gamswild äugt hervorragend. Oft hat es den Jäger mit, bevor er es überhaupt sieht. Wenn es ihm zu heikel wird, pfeift es und springt ab. ©Michael Agel

WER MUSS, DER VERLIERT!

Keine zwei Minuten später fand ich meine drei Begleiter hinter einer kleinen Kuppe kauern. Sie hatten Gamswild entdeckt – nicht mal 100 Meter unter uns am Hang –, das nun die Häupter hob und alarmiert pfiff, als ich, noch ahnungslos, heranschlenderte. Das Jagdfieber rauschte in meinen Ohren, irgendwo ließ ich meinen Rucksack liegen, und leider auch mein Fernglas. Aber Thierry hatte meine Helix Lady DS bereits auf dem Rucksack in Position gebracht. Vorsichtig kroch ich näher an den Rand des Vorsprungs, dann sah ich es. Das Wild zog langsam davon und vergrößerte die Distanz zwischen uns zusehens. Es hätte schneller gehen müssen, aus 100 Meter wurden 130, 170, der Winkel wurde immer steiler. Halb über dem Abgrund hängend, wurde mir dann plötzlich, im unpassendsten aller Momente, auch noch meine norddeutsche Seele bewusst. Unendlich tief lag das Tal unter mir, unerklimmbar steil der Berg darüber. Selbst wenn ich meinen schweren Atem und meine zitternden Glieder unter Kontrolle bekäme und schoss, ich müsste hier für immer liegenbleiben – Aufregung und Höhenangst lähmten mich. Dann spürte ich Thierrys Hand auf meiner Schulter. „Look at me“, sagte er ruhig. Und als ich zu ihm aufsah: „Atmen, Nina. You are save with me.“ Ich fühlte mich noch immer, als ob ich jeden Augenblick in die Tiefe stürzen würde. Die Chance war vergangen, das Wild in unerreichbare Ferne gezogen. Ich war enttäuscht. Für so nervenschwach hatte ich mich wirklich nicht gehalten. Aber die Bergjagd lehrt einen so einiges, auch die eigenen Grenzen.

Mit der Helix Lady DS im Anschlag wartet JÄGER-Redakteurin Dr. Nina Krüger, bis die Geiß breit steht. 140 Meter sagt der Entfernungsmesser im Leica Geovid. ©Caroline Richter-Bonini

Mit der Helix Lady DS im Anschlag wartet JÄGER-Redakteurin Dr. Nina Krüger, bis die Geiß breit steht. 140 Meter sagt der Entfernungsmesser im Leica Geovid. ©Caroline Richter-Bonini

GEFEHLT?

Als ich vorsichtig versuchte, mich aufzurichten, zog Thierry mich wieder zu sich herunter. Er deutete auf den Hang vor uns. Ich sah durch sein Fernglas – tatsächlich, ein Gams stand dunkel gegen die graue Felswand abgehoben und brunftete. Mehr als 300 Meter zeigte der Entfernungsmesser im Leica Geovid an. Ich ließ das Glas sinken. Thierry aber deutete auf eine kleine Baumgruppe darunter, vier weitere Stücke standen dort. Immer noch 200 Meter und das Dorf im Hintergrund. Doch der bergerprobte Franzose zog mich voran in eine sichere Schussposition. Diesmal schwankte der Boden nicht wie in Hitchcocks Vertigo. Ein Schritt noch, dann stand die Geiß frei und breit. Im hallenden Schussknall sah ich vier Stücke abspringen. Mein Herz sank. Krank? Gefehlt? Doch Jean-Baptiste jubelte irgendwo hinter uns. Er hatte die beschossene Gams zusammenbrechen sehen, ein fünftes Stück musste unterhalb der Gruppe von einem Busch verdeckt gesessen haben. Thierry grinste und klopfte mir auf die Schulter, mir klapperten die Zähne in den Nachwehen des Jagdfiebers.

Ein Rudel Gamswild im alpinen Hang. Im französischen Les Bauges ein norma- ler Anblick, beherbergt die Region doch einen außergewöhnlich hohen Bestand. ©Caroline Richter-Bonini

Ein Rudel Gamswild im alpinen Hang. Im französischen Les Bauges ein norma- ler Anblick, beherbergt die Region doch
einen außergewöhnlich hohen Bestand. ©Caroline Richter-Bonini

HÖHENSAUEN

Als Caroline und Jean-Baptiste zu uns aufschlossen, spritzen plötzlich Sauen vor uns den Hang hinauf. Zwei Bachen mit einer ganzen Korona aus Frischlingen. Thierry bedeutete mir, mich wieder fertig zu machen, aber ich war so überrascht und – um ganz ehrlich zu sein – auch froh, dass ich einigermaßen sicher auf beiden Füßen stand. Ich sah ihnen mit offenem Mund staunend nach, der Anblick war atemberaubend. Am Abend erzählte man mir, dass es einem Volksfest im Tal gleich kam, wenn ein Jäger mit einer Sau vom Berg zurückkehrte, und ich ärgerte mich im Nachhinein ein wenig über die vergebene Chance. Ich zog die kühle Luft ein und betrachtete einen Rabenvogel, der krächzend über uns hinwegflog. So hoch über der Welt wog das Jagdglück noch schwerer als am Boden. Obwohl für meine Psyche Felsvorsprünge und die kilometerweite Sicht in tiefe Täler so bezaubern wie beängstigend sind, wollte ich nirgendwo anders, in keiner anderen Gesellschaft sein. Für das, was einen mit zitternden Knien über der Baumgrenze erwartet, findet selbst der poetischste Jäger keine Worte.

SPRACHLOS

Auf dem Rückweg schwiegen wir lange. Die Sonne stand mittlerweile hoch, und vor uns lagen die französischen Alpen in all ihrer Schönheit. Der sagenumwobene Mont Blanc leuchtete zu unserer Linken, während wir auf einem schmalen Bergpfad abstiegen. Ich war gespannt auf die Geschichten der anderen Jäger. Das unzählige Gamswild, dass wir noch an den Gegenhängen sahen, äugte zwar misstrauisch herüber, ahnte aber wohl, dass es von mir nichts mehr zu befürchten hatte. Vor mir gingen die beiden Männer mit dem beuteschweren Rucksack, während ich versuchte, mir nicht die Beine zu brechen.

Kollege Jens Ulrik Høgh erlegte einen zwei- jährigen Gams in einem anderen Revierteil. ©Jens Ulrik Høgh

Kollege Jens Ulrik Høgh erlegte einen zwei- jährigen Gams in einem anderen Revierteil. ©Jens Ulrik Høgh

DEMÜTIG

Nirgends trifft der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ mehr zu als auf der Bergpirsch. Denn sie ist nicht nur physisch eine echte Herausforderung. Es gibt keine Sprache, die Worte dafür hätte, was ein Jägerherz wirklich bewegt. Kaum je habe ich mich aber mehr mit dem Jägerhandwerk und dem Privileg verbunden gefühlt, von dem alten Wissen zu profitieren, das ein Teil unserer Evolution ist. Denn noch eines lehrt einen die Bergjagd: Demut und Respekt. Ich muss zurück nach Les Bauges, das steht außer Frage.

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