Schwarzwild – wie sich die Rotten zusammensetzen

Schwarzwild vermehrt sich teils rasant, wie die steigenden Streckenzahlen zeigen. Warum die Anzahl der Mitglieder der Rotten trotzdem nicht ins Unermessliche wächst, erklärt Biologin Dr. Nina Krüger anhand aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Um eine Wildart wie unser Schwarzwild erfolgreich und waidgerecht bejagen zu können, ist es notwendig, nicht nur das Wild zu kennen, sondern es auch zu verstehen. Schwarzwild lebt in sozialen Gruppen, die sich vorrangig aus verschiedenen Generationen weiblicher Individuen zusammensetzen. Für viele Säugetiere ist die Bindung zwischen Muttertieren und ihrem weiblichen Nachwuchs auch nach der Säugephase ein wichtiger Teil des sozialen Verhaltens und nimmt Einfluss auf die genetische Verteilung innerhalb einer Population.

Bachen und Frischlinge

Normalerweise ergeben sich beim herdenbildenden Schalenwild die sozialen Gruppen aus relativ ortstreuen weiblichen Tieren. Bekannt ist dies nicht nur vom Schwarzwild, sondern auch vom Rot-, Dam- und Muffelwild. Faktoren, die den Zusammenhalt beeinflussen, sind ökologischer und demografischer Natur und beziehen sich vor allem auf den Jagd- oder Beutegreiferdruck, das Vorhandensein von Deckung, das Nahrungsangebot sowie die Populationsdichte. Wenn die Kosten für den Zusammenhalt einer Rotte oder eines Rudels den tatsächlichen Nutzen übersteigen würden, hätte dieser keinen Bestand. Besonders bei Arten, die sich bereits im Jährlingsalter fortpflanzen können wie das Schwarzwild, bei dem immer häufiger beobachtet wird, dass sogar Frischlingsbachen beschlagen werden, ist das Vorhandensein ausreichender Ressourcen eine treibende Kraft für den Zusammenhalt von Rotten und für das Abwandern einzelner Tiere.

Sauen sind anders

Das Schwarzwild nimmt unter den heimischen Schalenwildarten eine Sonderstellung ein, weil es pro Jahr deutlich mehr ls ein oder zwei Nachkommen haben kann, von denen wiederum mehrere oder sogar alle weiblich sein können. Bei der bekannten Vermehrungsrate von Sauen würden Rotten unter günstigen Bedingungen schnell zu mehreren hundert Individuen heranwachsen, wenn es nicht Faktoren gäbe, die immer wieder Stücke abwandern ließen. Um dies zu untersuchen, haben Biologen sich mit der Frage beschäftigt, aus welchen Verwandtschaftsverhältnissen Rotten zusammengesetzt sind und was sie verbindet oder auseinanderbrechen lässt. In einer Studie der Universität von Paris stellten Wissenschaftler fest, dass in einem zwölfjährigen Zeitraum 79 Prozent der Überläuferbachen in ihrer Geburtsrotte verblieben, während 21 Prozent abwanderten. Dabei verhielten sich alle weiblichen Überläufer einer Rotte immer gleich, entweder verblieben sie alle bei ihrer Rotte oder sie wanderten gemeinsam ab – warum, folgt später.

300 % kann die Zuwachsrate einer Schwarzwildpopulation innerhalb eines Jahres betragen.

Schwarzwild Jagd jagen Bache Keiler Frischling Rotte.

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Zeitliche Schwankungen

Der Zusammenhalt einer Rotte wird nicht nur von den vorhandenen Ressourcen bestimmt, sondern unterliegt auch jahreszeitlichen Schwankungen. Vor allem, weil Bachen sich kurz vor dem Frischtermin von der Rotte absondern und während der ersten Phase nach dem Frischen nur losen Kontakt zu weiblichen Verwandten halten. Dies destabilisiert die feste Rottenstruktur, die im Winter bestand. Während in der französischen Studie Bachen im Februar noch eine recht enge Bindung zu ihren weiblichen Frischlingen des Vorjahres hatten und meist in derselben sozialen Gruppierung anzutreffen waren, änderte sich die Rottenzusammensetzung im März, wenn sich die älteren Bachen dem Frischtermin näherten.

Frischlinge in Überläufer-Rotten

Ab April waren die Frischlinge des vorherigen Jahres vermehrt in Überläufertrupps unterwegs und zeigten eine weniger enge Bindung zu erwachsenen Tieren. Bis zur Entwöhnung der Frischlinge blieb dieses Verhalten weitgehend konstant. Häufig trennten sich nun zuvor laktierende Bachen für eine gewisse Zeit sogar von ihrem jüngsten Nachwuchs, vermutlich um den vorherigen Fraßmangel auszugleichen, denn eine Massezunahme vor der Rauschzeit ist von Bedeutung, damit die Rausche einsetzen kann. Erst wenn ein geeignetes Körpergewicht erreicht war, wurden die sozialen Bindungen innerhalb der Rotte wieder fester und waren mit Beginn der Jagdsaison im November wieder so eng wie zu Beginn des Jahres.

32% der Bachen, so ein Ergebnis der französischen Studie, werden als Frischlinge beschlagen.

Schwarzwild Jagd jagen Bache Keiler Frischling Rotte.

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Junge Mütter sind mobiler

Die sozialen Charakteristika eines Rottenmitglieds hingen vom Geburtstermin ab. Mütter von abwandernden Frischlingen frischten durchschnittlich einen Monat vor solchen, deren Nachwuchs in der Rotte verblieb. Insgesamt wanderten Überläuferbachen seltener aus Rotten mit wenigen weiblichen Nachkommen ab. Im Studienzeitraum wurden 32 Prozent der Bachen schon in ihrem ersten Lebensjahr beschlagen. Innerhalb einzelner Rotten variierte der Anteil an Überläuferbachen zwischen 33 und 100 Prozent. Interessant ist es zu beobachten, dass junge Bachen, die in ihrer Geburtsrotte verblieben, deutlich seltener schon als Frischling oder Überläufer beschlagen wurden als solche, die sich früh von ihrer Rotte trennten. Weibliche Überläufer, die sich von ihren Mutterrotten trennten, bildeten zusammen mit ihren Schwestern und Cousinen einen neuen Rottenverband, in dem mindestens eines der Stücke frischte. Dabei spielte die Anzahl der neuen Rottenmitglieder keine größere Rolle.

Schwarzwild Jagd jagen Bache Keiler Frischling Rotte.

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Familiäre Rotten-Strukturen

Innerhalb der fanzösischen Studie wurde nie beobachtet, dass sich nicht miteinander verwandte Tiere zusammentaten. Es wurde jedoch beobachtet, dass abwandernde und reproduzierende Überläuferbachen zu einem überwiegenden Anteil im vorangegangenen Jahr von bereits erwachsenen Bachen gefrischt wurden. Allgemein war die Wahrscheinlichkeit also höher, dass Bachen, die von bereits erwachsenen Bachen gefrischt wurden, sich selbst früh fortpflanzten. Da diese in der Regel früher im Jahr auf die Welt kamen, stand ihnen ein längerer Zeitraum zur Verfügung, um das relevante Gewicht zum Erreichen der Geschlechtsreife noch im ersten Lebensjahr zu erlangen. Frischlinge, die sich im folgenden Jahr nicht fortpflanzten und bei ihren Müttern verblieben, waren meist erst deutlich in der zweiten Maihälfte gefrischt worden.

Vorteil weniger Töchter

Vermutlich sind die Vorteile für die einzelnen Individuen in Gruppen mit weniger Töchtern größer als in solchen mit vielen Töchtern. Zwar profitieren sämtliche Rottenmitglieder von einem längerfristigen Zusammenschluss, überschreitet aber der Energieaufwand des Zusammenhalts den Nutzen, so brechen die Verbindungen auseinander.  Einer der Vorteile des Zusammenschlusses ist die Mithilfe des vorjährigen Nachwuchses bei der Aufzucht der neuen Generation, zum Beispiel durch eine vermehrte Wärmespendung der empfindlichen Frischlinge, bei ihrer Beaufsichtigung und bei der Verteidigung von Ressourcen. Diese Vorteile sind für erstgebärende Bachen entscheidender als für solche, die schon mehrfach gefrischt haben.

21% der Überläuferbachen verlassen ihre Geburtsrotte zusammen mit Schwestern und Cousinen.

Junge Sauen binden sich stärker an die Rotte

Hinzu kommt, dass Bachen von jüngeren Müttern oft später im Jahr gefrischt werden und ein eventuelles Fraßdefizit durch eine stärkere Mutter-Tochter-Bindung kompensiert werden kann. Daher verbleiben die weiblichen Nachkommen jüngerer Mütter häufiger im Rottenverband als die älterer Bachen. Dies ist übrigens auch vom Rotwild bekannt.

Auf der anderen Seite scheinen jüngere Mütter durch diese stärkere Bindung ein Fehlen an Erfahrung und sozialem Rang zu kompensieren. Außerdem zeigen Studien, dass Mütter, die nicht laktieren, etwa weil sie ihren Nachwuchs verloren haben, sich ebenfalls stärker mit Töchtern des Vorjahres zusammenschließen. Bei Schwarzwild zeigen Studien jedoch auch, dass so gut wie alle weiblichen Stücke an der Reproduktion teilnehmen, wenn sie ein bestimmtes Gewicht erreicht haben.

Schwarzwild Jagd jagen Bache Keiler Frischling Rotte.

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Eine Generation –  ein Verhalten in den Rotten

Besonders interessant ist die Tatsache, dass sich die weiblichen Nachkommen einer Generation immer gleich verhielten, sie blieben entweder alle bei der Rotte oder aber verließen diese gemeinsam. Zu erklären ist auch dies mit den Kosten und dem Nutzen. Denn verlässt eine Überläuferbache gemeinsam mit ihren Schwestern und Cousinen die Rotte, reduziert sich für sie das Risiko erheblich, erbeutet zu werden. Die Entscheidung, den Rottenverband zu verlassen, hängt mit der Altersstruktur der Rotte zusammen. Wobei eher das Verhältnis von jungen zu alten Bachen der ausschlaggebende Faktor zu sein scheint als die absolute Anzahl an jungen und alten Bachen. Je höher der Anteil an weiblichen Überläufern war, desto höher war auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Absonderung und Bildung einer eigenen Rotte.

Zweckgemeinschaften in Rotten

Obwohl in dem französischen Untersuchungsgebiet während der Herbst- und Wintermonate gejagt wurde, schienen die Rottenstrukturen weitgehend stabil zu bleiben und sich nur aus verwandten Individuen unterschiedlicher Generationen zusammenzusetzen. Italienische Forscher beobachteten hingegen, dass sich Frischlings- sowie Überläuferbachen auch ohne Verwandtschaftsverhältnis in der Nähe älterer, erfahrener Bachen aufhielten, wobei eine längere Verbindung weit über das erste Lebensjahr hinaus selten festgestellt werden konnte. Solche Zusammenschlüsse wurden als ein Resultat der dortigen starken Verfolgung durch kooperativ jagende Beutegreifer wie Wölfe oder menschliche Jäger interpretiert. Auch ohne Verwandtschaftsverhältnis stellen sie nämlich einen Vorteil für alle Beteiligten dar. Besonders wenn Leitbachen freigegeben wurden, wie in dem italienischen Studiengebiet, wurde beobachtet, dass ihr Verlust zu einer starken Veränderung der Rottenstruktur und der Verwandtschaftsverhältnisse in einzelnen Rotten führte.

Sozialer Zusammenhalt in den Rotten

Strukturen von Rotten beim Schwarzwild Jagd jagen Bache Keiler Frischling Rotte 33

Die Stärke der sozialen Bindung der einzelnen Rottenmitglieder zueinander unterliegt jahreszeitlichen Schwankungen. Besonders stark ist der Zusammenhalt über die Wintermonate, in denen gejagt wird. Während der Zeit des Frischens im März und April, aber auch im Oktober, ist die Bindung zu den vorjährigen Nachkommen und Verwandten am schwächsten ausgeprägt.