Interview mit Jens Tigges zu bleifreier Munition

Ein Thema spaltet nach wie vor die jagdliche Nation: bleifreie Büchsengeschosse. Die einen müssen sie verwenden, die anderen befürchten, bald nicht mehr umhinzukommen.

Wir haben den Munitionsexperten Jens Tigges zu seinen Erfahrungen mit bleifreier Munition befragt.

Jens Tigges ©Privat

Im Interview: Jens Tigges ©Privat

Jens Tigges:
Sportschütze seit 1984; Mitglied im Deutschen Schützenbund (DSB), im Bund Deutscher Sportschützen (BDS) und im Bund der Militär- und Polizeischützen (BdMP); ehemaliges Mitglied der Nationalmannschaften von BDS und BdMP; Deutscher, Europa- und Weltmeistertitel (Mannschaft); Jäger seit 2008; 1996 bis 2006 Redakteur bei der Fachzeitschrift „Caliber“; seit 2007 bei der Handelsagentur Outdoor Marketing International, aktuell als Marketing Direktor.


 

JÄGER: Herr Tigges, Hand aufs Herz: Ist es tatsächlich so, dass sich die Tötungswirkung von bleifreier Munition von der von Bleigeschossen unterscheidet? Viele Jäger berichten von solchen Erfahrungen und sind unzufrieden mit den neuen Geschossalternativen.

Jens Tigges: Das Problem ist, dass häufig über alle zur Zeit 31 verschiedenen bleifreien Munitionssorten am deutschen Markt undifferenziert gesprochen wird. Wenn man bedenkt, dass es Unterschiede in der Zielwirkung von über 80 Prozent gibt, dann wird schnell klar, warum einige Jäger schon seit Jahren mit bleifreier Munition zufrieden sind und andere eben zum Teil leider sehr negative Erfahrungen gemacht haben, je nachdem, welche Sorten sie getestet haben. Ich persönlich habe mit zwei verschiedenen bleifreien Produkten in fünf Jahren Verwendung keinen Unterschied zur bleihaltigen Munition feststellen können.

JÄGER: Was ist eigentlich das Problem an Blei? Man hat doch noch nie von Bleivergiftungen bei Jägern oder Wildbretgenießern gehört. Dennoch wird die Munition in immer mehr Bundesländern verboten.

Jens Tigges: Das Problem liegt in einer EU-Richtlinie begründet, wonach es für Blei in der Nahrung keine Grenzwerte für Toxizität gibt, das heißt, dass der Gesetzgeber gehalten ist, gegen jedwedes Vorkommen etwas zu unternehmen. Aus Studien geht allerdings auch hervor, dass bei realen Verzehrmengen lediglich für Schwangere und Kleinkinder eine theoretische Gefährdung besteht. Es wäre erfreulich, wenn der Gesetzgeber auch etwas gegen das Blei in anderen Lebensmitteln unternehmen würde, denn beim Bleigehalt liegt mit Blei erlegtes Wildbret Studien des Bundesinstituts für Risikobewertung und der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit zufolge nicht an der Spitze. Darüber hinaus sollte man aber nicht unterschätzen, dass wir Jäger von der Öffentlichkeit daran gemessen werden, wie wir mit der Thematik Blei umgehen. Eine sture Blockadehaltung wirft da angesichts der Bedeutung des Themas sicherlich nicht das beste Licht auf uns. Eine verantwortungsvolle, faktenbasierte, freiwillige Verwendung, da wo möglich, stünde uns wesentlich besser zu Gesicht. Besonders in der heutigen Zeit, wo der Verbraucher dem Wildbret als gesundes, humaner erzeugtes und nachhaltiges Lebensmittel aufgeschlossener denn je gegenübersteht und dies eine große Chance zur Steigerung der Akzeptanz der Jagd darstellt.

JÄGER: Oft wird der Landschafts- und Gewässerschutz angeführt. Bleifreie Büchsenmunition gibt aber laut einer neuen Studie der Technischen Universität München ebenfalls hohe Bleikonzentrationen und, noch schlimmer, toxisches Kupfer in die Umwelt ab. Wie ist dies zu bewerten?

Jens Tigges: Nicht alle. Vor allem bleifreie Geschosse aus Automatenmessing und erstaunlicherweise auch solche mit Zinn-Kern enthalten bis zu drei Prozent Blei. Es gibt aber auch Geschosse aus Reinkupfer und Tombak (Kupfer-Zink-Legierungen), die kein Blei enthalten. Zum Versuchsaufbau dieser Studie müssen sich Wissenschaftler äußern, ich halte einige Parameter der Versuchsanordnung für schwer nachvollziehbar.

JÄGER: Was ist hinsichtlich der Splitterwirkung und dem Abprallverhalten über Bleifreimunition zu sagen? Welchen Analysen trauen sie?

Jens Tigges: Dem DEVA-Gutachten und der Praxis. Hier zeigt sich klar, dass es viel mehr auf den Schusswinkel und auf den Untergrund und das Geschossgewicht ankommt als auf das Geschossmaterial. Bei den beliebten schweren Drückjagdkalibern wie 8×57 und 9,3 sind viele bleifreie Geschosse leichter, und deren Abpraller hätten somit weniger Restenergie.

Rehbock: Um ihn zu erlegen, gibt es eine Vielzahl geeig- neter Geschosse – sowohl mit als auch ohne Blei. ©Flickr

Rehbock: Um ihn zu erlegen, gibt es eine Vielzahl geeigneter Geschosse – sowohl mit als auch ohne Blei. ©Flickr

JÄGER: Stimmt es, dass bleifreie Geschosse generell eine gestrecktere Flugbahn haben und so für Distanzschüsse besser geeignet sind?

Jens Tigges: Nein. Einige Sorten verwenden sehr leichte Geschosse mit hoher Mündungsgeschwindigkeit, die dies suggerieren. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass besonders diese schnell an Geschwindigkeit und damit an Energie verlieren. Außerdem bestehen die meisten bleifreien Geschosse aus einem festeren Material, welches eine höhere Auftreffenergie zur Wirkung braucht als beispielsweise weicheres Blei. Wenn man aber Kaliber und Geschosse mit ausgewogenem Gewicht, hoher Mündungsgeschwindigkeit und einer Konstruktion wählt, die relativ geringe Zielgeschwindigkeiten zur Funktion benötigt, kann man durchaus auch auf weite jagdpraktische Entfernungen von bis zu 300 Metern und mehr damit jagen – wenn man es sich denn überhaupt zutraut.

JÄGER: Viele Jäger meinen, dass auf kurze Entfernungen die Bleifreimunition durch schwache Wildkörper (Frischling, Rehkitz) durchrauscht und kaum wirkt. Wie kann man dieses erklären?

Jens Tigges: Das trifft nur auf einige Geschoss-Kaliber-Kombinationen zu und liegt an dem festeren Material der bleifreien Geschosse, denen ein höherer Widerstand durch einen stärkeren Wildkörper zur guten Funktion fehlt, und an ungeeigneten, zu langsamen Kalibern, respektive zu harten Geschosskonstruktionen.

JÄGER: Welche bleifreien Geschosse würden Sie denn unseren Lesern empfehlen? Welche nicht? Nennen Sie ruhig auch Namen.

Jens Tigges: Beruhend auf tausenden von Praxisberichten hört man bei den Teilzerlegern eigentlich nur vom Sax KJG und Möller MJG hauptsächlich Positives – mit den typischen Nachteilen, die Teilzerleger mit sich bringen. Bei den beliebteren Deformationsgeschossen liegen in der Wirkung klar das Hornady GMX Superformance, Barnes TTSX, Federal Trophy Copper sowie das Blaser CDC und RWS HIT vorn. Letztere vorzugsweise in schnelleren Kalibern.

JÄGER: In Teilen der USA wird schon lange ohne Blei gejagt. Dort aber gibt es keine Drückjagden, wo unmittelbare Tötungswirkung nötig ist, um einen zweiten und dritten Frischling erlegen zu können. Kann man auch bleifrei sofort gute Wirkung erzielen?

Jens Tigges: Absolut. Gerade in dem Bereich liegen uns viele Berichte vor. Wichtig ist hier offensichtlich, dass man eher ein schnelleres Kaliber, wie .308 Winchester, .30-06, 7×64 oder .300 Winchester Magnum, statt der mit Bleigeschossen bewährten 8×57 oder 9,3×62 wählt. Darüber hinaus sollte man ein Geschoss nehmen, das aufgrund der Konstruktion schnell anspricht, wie etwa die zuvor erwähnten Sorten.

Die Büchse ist unser Handwerkszeug. Wir wollen uns auf der Jagd hundertprozentig auf sie verlassen können. Gleiches gilt für die Munition, egal aus welchem Material sie ist. ©Flickr

Die Büchse ist unser Handwerkszeug. Wir wollen uns auf der Jagd hundertprozentig auf sie verlassen können. Gleiches gilt für die Munition, egal aus welchem Material sie ist. ©Flickr

JÄGER: Wo Gewicht fehlt, muss mit Geschwindigkeit ergänzt werden, wenn man auf eine bestimmte Auftreffenergie eines Geschosses kommen möchte. Je rasanter ein Geschoss auf einen Wildkörper trifft, desto höher ist häufig die Wildbretentwertung. Wie sieht es bei bleifreien Geschossen aus, die ja meist deutlich rasanter sind als Bleigeschosse im gleichen Kaliber?

Jens Tigges: Das stimmt zweifelsohne. Wir haben festgestellt, dass ab einer Mündungsgeschwindigkeit von über 910 Meter pro Sekunde bzw. Auftreffgeschwindigkeiten von über 860 Meter pro Sekunde die Entwertung des Wildbrets mit praktisch allen Geschoßtypen zunimmt. Bei Teilzerlegern mehr als bei Deformationsgeschossen. Es stimmt aber auch, dass splitterfreie Deformationsgeschosse, besonders in schnellen/starken Kalibern, aufgrund ihrer Konstruktion deutlich weniger Wildbretentwertung verursachen als Bleigeschosse mit gleichem Gewicht.

JÄGER: In Norwegen konnte bleihaltige Büchsenmunition nicht dauerhaft überzeugen, und eine entsprechende Verordnung wurde wieder zurückgenommen. Es ist dort nun wieder erlaubt, mit Blei zu schießen. Zeigt dies, dass die Beschlüsse in Deutschland überhastet, ohne ausreichende Grundlage erlassen wurden?

Jens Tigges: Zum Teil sicherlich. Viele Probleme entstanden sicher auch da- durch, dass einige Hersteller Produkte ohne die notwendigen Labortests auf den Markt gebracht haben, die dann in der Praxis zu den bekannten Problemen geführt und die gesamte bleifreie Munition diskreditiert haben. Zum anderen fehlten in diesem Bereich natürlich die breiten Praxiserfahrungen, die bei Bleigeschossen vorliegen. Die Gremse-Rieger-Studie hat hier sicherlich einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung und Weiterentwicklung beigetragen. Die hier entwickelte Versuchsanordnung zum Messen der Energieabgabe von Geschossen im Zielmedium Seife ist ein Meilenstein.

JÄGER: Vielen Dank, Herr Tigges, für das Beantworten der Fragen.